Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 35. (25.8.1893)
- Date
- 1893-08-25
- Page
- Seite 136 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 136 — Die Benedictionen in der jüdischen Liturgie.*) Die Benediction המוציא ist ihrem Wortlaut nach auf Ps. 104, 14 zurückzuführen, obgleich der Talmud bei Besprechung derselben dieses Ursprungs nicht erwähnt Und doch liegt eine Abweichung vom Ursprung vor. Die Benediction weist ausschliesslich auf Gott hin, des3en Gnade wir das Brod verdanken, die Psalmstelle hebt daneben auch die Thätigkeit des Uenschen hervor, dem Gott den Samen gibt, um daraus durch eigne Arbeit Brod zu gewinnen. Es heisst dort: Gott giebt dem Vieh Gras, dass von selbst wächst, es liegt für das Vieh bereit und entsteht, ohne dass das Vieh sich darum müht. Dies ist ganz im biblischen Geiste, denn auchdie Schöpfungsgeschichte (Genes. C. 1—13) bestimmt den Menschen zur Thätigkeit und zur Erarbeitung seines Brodes, während das Tier seine Nahrung fertig vorfindet. Um den Menschen jedoch nicht vergessen zu lassen, dass er trotz seiner Arbeit und Mitwirkung in erster Reihe sein Brod der Gnade Gottes verdanke: am den im hochmütigen Stolze auf seinen Besitz und seine Erwerbsthätigkeit aus dem Gewühl des bewegten Lebens in die Stille des Tempels eintretenden Menschen stets wieder in’s Gedächtnis und Bewustsein zurückrufen: Mensch, du schuldest Gott den Dank für das Brod, welches du erworben und geniessest: dafür lag im alten Tempel auf dem Tische des Herrn stets das Gnadenbrot (לחם הפגים), in ähnlicher Weise, wie dem Tische gegenüber der goldene Leuchter sich befand, als symbolische Erinnerung daran, dass der Mensch die geistige Erleuchtung, Lehre und Gesetz der Religion, auch nicht der eignen oder irgend einer Sterblichen Erfindung, sondern ebenfalls der Gnade Gottes und seiner Offenbarung verdanke. Dieseu Standpunkt vertritt die in Rede stehende Benediction und vertreten die Benediktionen überhaupt, zu betonen und ins Bewustsein zu rufen: Der Ursprung aller Weisheit und aller Gaben geistiger und leiblicher Lebensthätigkeit ist in Gott Dieser Gedanke wird nicht nur im täglichen Gebete ausgesprochen und fast bis zur Ermüdung wiederholt, und findet seinen Ausdruck auch in unzähligen Benedictionen des alltäglichen Lebens bei jeglichem Genüsse, nicht nur bei den gewohnten Mahlzeiten des Morgens, Mittags und Abends, sondern auch beim aussergewöhnliehen Trinken von Wasser und Wein, wie beim aussergewöhnlichen Genüsse von Brod und Obst oder dergl., beim Waschen nicht nur des Morgens, sondern auch bei ausserge wohnlichen und wiederholten Waschungen des Tages; bei der Anlegung von Kleidern, nicht nur neuen, sondern auch bei Benutzung und Anlegung des gewohnten täglichen Anzngs; beim Erwachen aus dem Morgenschlafe, beim Oeffnen der Augen und so bei jeder Thätigkeit und Veranlassung von frühen Morgen bis zum späten Abend, beim Beginn geistiger oder werkthätiger Beschäftigung, bei Naturerscheinungen, wie bei aussergewöhnlichen Ereignissen des Lebens, der Art sogar, dass es als ein Akt besonderer Frömmigkeit galt, derartig« Benediktionen des alltäglichen Lebens bis auf 100 zu häufen. In Rücksicht hierauf ist es wohl ausser Zweifel, dass für die Einführung dieser Benediktionen in der bestimmten überlieferten Form ein besonderer Grand, eine besondere Veranlassung Vorgelegen haben müsse, Mau kann dies um so fester behaupten, da die biblischen Gebete, die ersten wie letzten, diese Form nicht haben. Die Schlussformeln der ersten Psalmenbüclier machen zwar eine Ausnahme, aber diese entstammen späterer Zeit, wie die Einteilung der Psalmen *) Aas dem literarischen Nachlass des Rabbiner Dr. Rothschild-Alzey s. A. in 5 Bücher, auch die Schlussformel dieser Bücher בחך שם כבודו giebt stets den Beweis dafür; sie findet sich auch in der Liturgie nach שמע und entstammt dem ersten christlichen Jahrhundert, wo die Polemik gegen das Judentum begann. Wegen dieser christlichen Be- Ziehungen wurde und wird heute noch diese Formel nach שמן leise gesprochen, um vor Anfeindungen sicher zu sein. Der Grund nun für die Einführung der Benediktionsformel (מטבע), wovon nicht abgewichen werden solle und dürfe, lag im Gegensatz des Christentums und in der Polemik von dessen Dogma, nach welchem Jesus als Demiurgos und ״Schöpfer der Welt“ galt, und in dem Glauben an dessen, d. h. des S ohnes gnadenreicher Wirksamkeit im Leben, dem diesseitigen wie jenseitigen, statt derjenigen des Vaters, Gottes Dasein und Waltung zwar nicht verdrängt werden sollte, aber doch stark betont wurde. Darum unsere Benediktionsformel und deren Häufung, ja ständige Wiederholung, um es fort und fort dem jüdischen Bewustsein einzuprägen und vorzuhalten: Unser Gott ist Schöpfer und Herr der Welt und kein Andrer, von Ewigkeit her und in Ewigkeit hin. Die wachsende Macht der Kirche liess auch die Weisen der Juden daran denken, den Einfluss des Judentums zu stärken und für dessen Erhaltung Sorge zu tragen. Das jüdische Gottesbewustsein musste dessalb zunächst beim Volke gehoben werden; dazu sollten die Benediktionen,ihre Form und ihre Häufung dienen. Als Form galt die Erwähnung Gottes und seiner Waltung (הזכרת השם und מלבות); auch die מלכיות und die Betonung des מלך am Neujahrstage ist darin begründet Ebenso die Benediktion für מגלה ,שופר und היל u. s. w. Denn ausser dem Gottesbewusstsein galt es auch zur Erhaltung des Judentums den Einfluss der rabbinischen Behörden und ihrer Anordnungen zu stärcken. Das Volk sollte gewöhnt werden, in den Rabbinern die Fortführung der traditionellen Kette zu erkennen und sie als Stützen uu l Säulen des Religionsgebäudes zu verehren, um die Einheit des Judentums zu erhalten und es vor Spaltungen zu bewahren. Die Benediksionsformel war darum gleichsam zu neuen Glaubensformel geworden, übrr deren Festhaltuug man wachte, die man vor willkürlicher Abänderung schützte. Die ganze Liturgie (תפלה) wurde dem entsprechend umgeändert. Dies ist die neue Ordnung derselben (סדר), welche auf Gamaliel II und Samuel Pakuli zurückgeführt wird. Das Interesse dafür lebte sogar nochmals wieder auf, als im vierten Jahrhundert die Macht der Kirche grösser geworden und ihre judenfeindliche Polemik gewachsen war. Da betonte R. Sera neuerdings die Bedeutung der Benedektionen (Ber. 38, a). Er war von Babylon nach Palästina gegangen, wurde in Tiberias ordiniert und gewann hier Macht und Einfluss. (Synh. 14, a. Ketub. 43,6). In der Benediktion מוציא betonte er das המוציא, um die fortgeführte und andauernte Waltung Gottes in der Welt und im Menschenleben auszudrücken.*) Recensionen. Achen« (?) attah! Unser Bruder bist Du! Von H. Leszczynski. Verlag E. F. Müller. Leipzig. 1893. Besprochen von Dr. S inger-Coblenz. (Schloss.) ״Mosaik-Religion= Mosaische Religion‘* ist übrigens ein grossartiger Witz, wie alle die anderen Witze, die der Verfasser —aufwärmt. Die obligatorische ״zwickelrote Suppe“ und der dito Rosinen wein zu Ostern mögen ja nicht für jeden Gaumen schmackhaft sein, allein *) Vergl. auch in der Diskussion (1. c.) den Gegensatz von דא*יק und דמפיק. (Red.)