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Das jüdische Literaturblatt · 1893-08-25 · N° 35. (25.8.1893) · p. [Seite]

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 35. (25.8.1893)
Date
1893-08-25
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 35. Das XXII. Jahrg. JiidischeLiteraturblatt Zur Beleuchtung aller Judenihum •und Juden betreffenden Mtteraritchen Erschei• nungen auf dem Gebiete der Philosophie. Geschichte. Ethnographie. Theologie. Orien• talia, Exegesse. Homiletik. Liturgik, und Pädagogik. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahiner. Magdeburg, den 25. August 1893. BQcher der einscMIgigen Utteratur, welche der Redaktion zugeaandt werden. Anden in diesem Blatte eingehende Besprechung. Bei Einsendung von zwei Recensions» Exemplaren erfolgt einmalige kurze Gratis •Insertion. Das ״Jüdische Literatur-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese^ pto Jahrgang 8 Mark• Abonnenten der ״Israelitischen Wochenschrift‘•, die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 3 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Literatur-Blatt“ gratis. Inserate werden mit 25 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark berechnet und sind au die Exfiedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler und Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsendeu, erhalten 25 % Rabatt. Irilxalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Luthers Urteile über die Juden. Von B. R. Recensionen: Achenn attah! Unser Bruder bist Dn. Von II. Leszcynski (Schluss.) — Popper. Leopold M. Die Inschriften des alten Prager Judenfriedhofs. Von Dr. M. Grünwaid. — Wünsche, Prof. Dr. Aug. Midrasch Tehillim etc. Besprochen von Rabbiner Dr. C 0 h n-Burgkunstadt. Literarische Notizen: Ueber Nebbich. Js. Wise, Pfsprnug des Christentums. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte 18t nicht geatattet. Luthers Urteile über die Juden. Luther steht der modernen staatlichen Entwicklung so fremd gegenüber, dass es sein Missliches hat, ihn als Autorität für oder wider in Fragen des heutigen öffentliehen Lebens zu citiren. Das ist kein Zweifel, Luther würde überdiemassen erstaunt sein, wenn er jetzt in unserem Lande Richter jüdischen Bekenntnisses sähe, die im Namen des Staates Recht sprechen; das ging Alles über den Horizont des Zeitalters hinaus, in dem Luther lebte. Luthers Kraft beruhte zum Theil darauf, dass er ganz i n seinem Jahrhundert stand, dass er geistig nicht über seine Zeit hinausragte; wir können es den Antisemiten ohne Weiteres zugeben, cs wäre Luther nicht eingefallen, ein obrigkeitliches Amt in die Hand eines Nichtchristen zu legen. Aber wohl konnte Luther ein Urtheil haben über die Roheit, G rausamkeit. und offenbare Gottlosigkeit, mit der in seinem Jahrhunderte vielfach den Juden begegnet wurde. Es gibt bekanntlich zwei Perioden im öffentlichen Wirken Luthers; in der ersten liess er sich tragen von den Wogen der öffentlichen Meinung, kämpfte er mit mehr oder weniger klaren Zielen gegen alle politische, sociale> kirchliche, gedankliche Unfreiheit: in der zweiten ist er selbst ein wenig Papst geworden, stand er, erschreckt durch die socialen Wirren, fest zu den Landesfürsten, verfehmte er die Schwarmgeister; wenn der Vergleich erlaubt ist, es war ein Unterschied wie zwischen einem juugen liberalen Mann in der Opposition und. demselben Manne, wenn er später auf dem Ministerstuhle sitzt. So giebt es auch in dem Urtheile über die Juden zwei Luther, von denen der eine dem andern schroff widerspricht, aber es scheint, als wenn weder der den Juden wohlmeinende noch der den Juden übelwollende Luther ganz objektiv, ganz gerecht verfuhr. Die kirchliche Reformation ging die Juden, die das Sch’ma auf ihrer Standarte trugen, religiös betrachtet, gar nichts an; aber so fasste Luther die Sache nicht auf; ungefähr wie heut zu Tage Herr v. Egidy, die Männer der ethischen Bewegung, der Pastor Schwalb, hoffte er, die Juden werden ihm in hellen Schaaren zuströmen: das war den Juden des sechszehnten Jahrhunderts bei Luther noch weniger möglich, als den modernen Juden bei Herrn v. Egidy; da bleibt denn der Rückschlag nicht aus; kirchlich sagt man dann nach biblischem Vorbild: die Juden sind verstockt. Neben dem rein menschlichen Emptinden, neben der Neigung gegen die überlieferten Anschauungen zu protestieren, kam noch der Wunsch hinzu, das Volk des alten Bundes für die neuen Lehren zu gewinnen, wenn Luther mild und freundlich über die Juden redete; eine Judenseele ist nun einmal den Missionaren teurer als tausend Heidenseelen. Als aber Luther gar keine Gegenliebe fand und er, der die ganze Welt erregte, von den Juden kaum beachtet wurde, da schlug bei dem leidenschaftlichen Manne die Lohe des Hasses empor.*) In Münster ist nun in demselben Verlag, in welchem Rohlings Talmudjude jetzt in sechster Auflage erscheint, eine Schrift veröffentlicht worden, in welcher eine Reihe von Luthers Urteilen über die Juden zusammengestellt werden. Die böse Absicht des Konipilators guckt überall heraus. Luthers gewaltige Persönlichkeit ist auch uns Juden ein Gegenstand der Ehrfurcht; er war nicht die sanfte Taube, die durch Liebe um Liebe warb, sondern er war der Adler, der mit scharfer Kralle auf seinen Gegner niederfuhr; als seine Gegner betrachtet er auch die Juden, da sie nicht seinem Banner folgten. Wer Luther kennt, weiss, dass man, um ihn für die Gegenwart zu verwerten, Spreu vom Weizen scheiden muss. Der Luther, der gegen die Juden tobte, hat gegen die aufrührerischen Bauern geschrieben: ״Man soll sie zerschmeissen, würgen u. stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie tolle Hunde.“ So schrieb Luther, ein Bauernsohn; kann man sich da über seine Ausflüche gegen die Juden so sehr wundern? - B. R. *) Gauz 60 wie e8 bei Mohammed der Fall war. (Red.)

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