Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 30. (21.7.1893)
- Date
- 1893-07-21
- Page
- Seite 117 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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li I verständlich wollte man nur dem subjectiven Ermessen des Höchsten sein eigenes unterwerfen. Eine andere Ursache. Anfragen zu stellen, ergab sich aus der Art und Weise der Discussion in der G e m a r a. Nur in den seltensten Fällen gelangt die Discussion zu einem formellen Abschluss, so dass die endgiltige Entscheidung der Gemara oder die alleingütige Interpretation der Mischna als solche bezeichnet würde, und es gehört grosse, nicht leicht zu erlangende Versirtheit dazu, aus dem Gewoge der Meinungen die gütige herauszutinden. Diese Versirtheit und tiefe Kenntnis des Talmuds traute man im höchsten Maasse nur den Gaonim zu. Diese Gründe blieben jedoch auch in Kraft, als das Gaonat im Niedergange begriffen war und später ganz verschwand, als Sura um Pumpaditha authörten die Mittelpunkte des Judenthums zu sein. Der Schwerpunkt desselben hatte sich verrückt, er lag zuweilen in Spanien, zuweilen in Egypten, in der Provence in Deutschland, in Polen, bald da. bald dort, überall nur kurze Zeit. Man kann von dieser Zeit an überhaupt nicht mehr von einem Mittelpunkte sprechen, von dem alle geistigen Kräfte ausgegaugen wären, wohin sich alle mit ihren schwieligen Anfragen gewandt hätten, wo die massgebende Behörde sass. Seit dem Niedergange des Gaonat besass fast jedes Land, jede Provinz, wo Juden wohnten, seinen berühmten Gelehrten, und an diese Autorität wandten sich nur in sehr seltenen Fällen fremde Gemeinden, weil sie keine Ursache hatten, sich einem ihnen fremden Rabbiner in religiösen Angelegenheiten zu unterwerfen. Die Gemeinden sahen in ihrem eigenen Rabbiner den Richter und Gewissensrath, das religiöse Oberhaupt, besonders seit man dem Rabbiner ein Gehalt bezahlte. Nach Grätz soll Simon Daran, Rabbiner in Algier, der erste Rabbiner gewesen sein, der ein Gehalt bezog, — im 15. Jhdrt. Der Beweis, den Grätz (Geschichte der Juden VIII, 110) führt, ist nicht ganz stichhaltig. Das ist jedoch aus den angeführten Stellen wenigstens zu ersehen, dass es im 15. Jahrli. noch nicht für selbstverständlich galt, dass der Rabbiner eine Besoldung annehme. Jetzt wurde es des Rabbiners PÜicht, sein Amt und sein Lebensberuf, auf jede religiöse Anfrage Antwort zu ertheilen. Allenfalls kam es vor. dass die Rabbiner selbst in schwierigen Angelegenheiten bei berühmten Collegen Rath einholten. Antworten auf solche Anfragen bilden den Inhalt der Responsen — Gutachten, Sammlungen. Ein solcher Zustand hätte dazu führen müssen, das einigende Band zu lösen, da jede Gemeinde alle religiösen Sitten und Gebräuche ganz unabhängig von denen der andern Gemeinden und nur nach dem subjectiven Ermessen ihres Rabbiners eingerichtet hätte. Jeder hätte aus dem Talmud anderes herausgelesen, jeder hätte für einen neu eintretenden Fall ein anderes Analogon gesucht, und darum ergab es sich wie von selbst, die Ergebnisse des Talmuds zu coditicireu. Vorhanden waren zwei unbe- •deutende Sammelwerke: die Halachoth gedoloth und Halachoth kethuoth aus der Periode der Gaonim*), so dass man als die ersten Uoditicatoren Allfassi und R. Ascher nennen kann. Doch auch diese hatten für die überaus schwierige Arbeit uur Vorarbeiten geliefert. Maimonides endlich schuf den ersten entsprechenden Codex. Noch war es nüthig, einige Ergebnisse der talmudischen Discussion in seinem Codex richtig zu stellen und alle mit dem Fall des Tempels ausser Cours gekommenen Vorschriften, die Maimonides in seinem Codex aufgenommen hatte, unberücksichtigt zu *) Aus einer Verschmelzung beider dürften die vorhandenen Halachoth gedoloth entstanden sein. lassen, so dass erst der jüngste Codex, der des Josef Caro, als massgebend angenommen wurde. Diese! Codex bildete seit der letzten Hälfte des 16. Jahrli. das einigende Band des Judenthums, es liielt die Genossenschaft zusammen, da es der Zügel war. welcher weder nach rechts noch nach links den zu weit abweichen liess, der dem traditionellen Judentum angehören wollte. Die Karäer hatten sich von diesen! losgesagt und die Chassidim mussten die rabbinischen Formen beobachten, wenn sie nicht wie Sabbathianer um! Frankisten vom Judenthum gänzlich a!)fallen wollten. (Schluss folgt.) Recensionen. Wünsche, Prof. Dr. Ang., Midrasch Tehillim etc. Besprochen von Rabbiner Dr. C'ohu-Burgkunstadt. (Fortsetzung von Nr. 27.) Ps. 18 Nr. 6 (S. 146 Z. 1) 1. ״Wenn ein Israelit etc.•• — ln Nr. 7 ist der Text nach Buber's Bemerkungen zu berichtigen. Die Uebersetzung würde demnach lauten: Was bewog I)., Gott einen Felsen zu nennen? Weil ihm bei einem Felsen ein Wunder geschehen ist, denn so heisst es 1. B. Sam. 24, 25 : ״Und er ging den Felsen hinab u. s. w. Und D. war in Hast, dem Saul zu entfliehen, aber Saul und seine Leute umzingelten (עוטרים) D. und seine Leute, um sie gefangen zu nehmen.“ Was bedeutet עוטרים? R. Abba sagt: Sie umzingelten ihn, wie ein Diadem (das das Haupt umgiebt); R. Jannai sagt: Wie ein Helm. Warum war D. in furchtsamer Hast? Als nämlich D. sich durch S. eingeschlossen sah etc. קולסים kann nicht ״Schild bedeuten, denn עטר heisst: von allen Seiten umgeben, s. Buber’s Note 57 zu Ps. 1, קולפים, wie קולסין B. r. 19 und קולם דנהש Targum zu 1 כובע נרדם׳. Sam. 17, 5, bedeutet Helm. — Nr. 9. Statt ״hin ich ruhmwürdig“ 1. nenne ich dich rühmwürdig. — Nr. 10. Rab's aggadische Deutung von אפפוני ist sicherlich nicht zu übersetzen: ״Ich war frei von Noth“; denn in dem Verse wird offenbar über Noth und Missgeschick geklagt. Eine Herleitung des Wortes פנייא aus dem Griechischen (s. Kohut's A. C. s. v. אפפון. nach dem פגיא אנא raveio) ist im Munde Rab’s, des Babyloniers, nicht anzunehmen. Buber z. St. erklärt: icli bin rnüssig. unthätig (פנוי=פניא) aas Noth. B. r. 65 stellt פניא hu Gegensatz zu מליא; es ist also zu übersetzen: ausgeleert, entblüsst bin ich infolge der Leiden und Drangsale. — Nr. 1.7: ״Es ist nicht nötliig, dass ihr von hier vorüberzieht.“ Es muss heissen: ״Ich bedarf euer nicht; geht fort von hier. — Nr. 30: ״Nicht wanken meine Knöchel, d. i. sie sind nicht zu weit und nicht zu eng.“ Statt ירהבון ist besser ידחפון zu lesen und יתערפלון ist dasselbe wie יתערבלין, cf. Targ. zu 2 M. 14, 3; Micha 7, 4, Esther 3, 15. Ich übersetze: ״Du weitest einen Pfad unter mir und nicht wanken meine Füsse“, d. 11. sie stossen nicht (auf irgend ein Hinderniss) und sie verwirren sich nicht (in Gestrüpp u. dgl.) — Das nachfolgende Stück, entlehnt aus Synh. 85 a, ist als ein den Zusammenhang störendes Einschiebsel in Parauthese zu setzen. Die Schlussworte: Als sie ihn verfolgten u. s. w. gehören zum kurzen Bericht des Midrasch über den Kampf D.'s mit Jischbi, zu S. 164 Z. 10. ln der Uebersetzung dieses schwieligen Stückes ist mancherlei zu berichtigen. אתקין עלויה ניסדיא heisst nicht: ״er legte Blöcke auf ihn“, sondern ״Polster, Kopfkissen״. 7:po;y.e^s0.a:ov (Macc. 4, 38) ist in der syr. Ueber- Setzung durch בפדיא wiedergegeben, s. Fürst’s Glossar s. v. בסטיא. — Das. ״Die Erde sprang ihm entgegen, während sie unter ihm gross wurde.“ Es muss heissen: ״Die Erde zog sich unter ihm zusammen, während ei dahinschritt“. סנא heisst einfach: gehen. — Das. ״Wachs