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Das jüdische Literaturblatt · 1893-07-07 · N° 28. (7.7.1893) · p. Seite 109

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 28. (7.7.1893)
Date
1893-07-07
Page
Seite 109 (sequence 3)
Language
German
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Ausdruck in dem Bibelwort gefunden hat• ,.Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig!“ Wenden wir uns nun zur Beantwortung der Frage: Wer einzelne Vorschriften aufhob oder veränderte, und wer neue Vorschriften hinzufügte? In den Zeitverhältnissen liegen die Motive einer jeden Veränderung, welche mit religiösen Gesetzen vorgenommen wird, und eine religiöse Genossenschaft, welche eine Behörde besitzt, die allein die religiösen Institutionen leitet, giebt dieser Behörde die Macht, jene Veränderungen, welche vortheilhaft 01 scheinen, auch vorzunehmen. So war es auch beim Kynhedrion der Fall. Die Tradition nimmt an, dass das Synhedrion einen Vorgänger in der von Esra begründeten ״grossen Synagoge“ besessen hätten. Ohne Rücksicht auf die verschiedenen Meinungen über die unbeweisbare Existenz der Kenesseth-Hagedolah, ohne Rücksicht darauf, ob diese dem Bereiche der Mythe oder der Wirklichkeit angehört, darf doch sicherlich angenommen werden, dass Esra und Nehemia, welche den theokratischen Staat von Neuem organisirten, nicht den wichtigsten Theil dev Organisation, die Spitze nämlich, die religiöse Behörde vergessen hätten. Aus wievielen Mitgliedern diese Behörde bestanden haben mochte, kann heute nicht mehr ermittelt werden, aber der einfache Sinn wird der Tradition zustimmen, dass etwas Aehnliches wie die grosse Synagoge vor oder bald nacjh Esra eingeführt wurde. Traktat Abotli 1, 1 will nun eine Traditionskette von dieser grossen Synagoge bis auf Moses zurück aufführen. Die Aufstellung dieser Traditionskette ist gewiss nicht von der Tendenz freizusprechen, dem Grundsatz, dass die Tradition vom Sinai stamme, eine Stütze zu verleihen, lückenhaft ist die Kette sicherlich. Ferner ist zu beachten, dass die Bibel wohl Propheten und Sekenim erwähnt, aber nichts von einer traditionellen Lehre. Hätte nun die Ueberlieferung so einfach stattgefunden, wie in Aboth angenommen wird, da wäre wohl diesem wichtigen religiösen Momente etwas Raum gewahrt worden*). Zu berücksichtigen bleibt auch, dass das Buch der Könige als offizielle Religionsbehörde die Könige gelten lässt, die zuweilen den Rath der Propheten befolgten, zumeist aber missachteten, so dass die Propheten nur zu oft die Opposition gegen die offizielle Religionsbehürde bildeten. Allerdings bewahrten die Propheten den Geist des Judeuthums und dessen Prinzip, die klare Anschauung über das Verhältnis Gottes zu den Menschen, das, was oben der unveränderliche Theil des Gesetzes getiaaiit wurde, die Veränderungen nahmen jedoch die offiziellen Behörden vor, und darum wird im Buche der Könige und Chroniken immer gesagt, dass der König anordnete. Nur muss man nicht übersehen, dass die frommen Könige von den Propheten geleitet wurden. David fragt Nathan, ob er den Tempel bauen solle, als Vertrauten Hiskija’s finden wir Jesaia. Der König dosias schickt bei Auffindung des Gesetzbuches zur Prophetin Hulda. Es wäre auch merkwürdig, wenn die politisch einflussreichen Propheten nicht auch das religiüse Leben beeinflusst hätten, wo selbst die als nicht fromm geschilderten Könige die Unternehmung eines Feldzuges oft von der Wohlmeinung eines Propheten abhängig machten, z. 3. Rehabeam, selbst der götzendienensche und verfolgungssüchtige Ahab fragt vor dem h eldzug gegen die Syrier den Propheten Michaja. Jehoram, der Sohn Ahabs, fragt Elisa vor der Unter- *) Die Deutung des Verses Exodus 24, 12: ״Und icli will dir geben die Tafeln von Stein nnd die Lehre und das Gebot, das ich geschrieben, sie zu belehren“ auf den Deltalog, auf die Bibel aaf Mischnah und auf Gemara (laut Berachoth 4b) ist kaum mehr *'* eine homiletische Betrachtung zu nennen. nehmung mit den ihm verbündeten Königen gegen Mesa, König von Moab. So kann man es im gewissen Sinne rechtfertigen, dass die Mischnah in die Traditionskette auch die ״Propheten“ aufnahm, obwohl diese in der Regel der religiösen Oberbehörde feindlich gegenüberstanden. Einen Beweis für die Existenz einer religiösen Oberbehörde in der bibl. Zeit wird man auch in den Stellen über Urimund Tumin zu finden vermögen,so wenig auch darüber berichtet wird, und so dunkel auch jene wenigen Stellen gehalten sind, in welchen der Urim und Tumim Erwähnung geschieht Mögen sie blosse Orakelertheiler oder sonst was gewesen sein, in den Erzählungen wird ihnen grosse Bedeutung beigelegt, sie gelten als die höchste Instanz uud deren Ausleger, die Hohepriester, waren ohne Zweifel Mitglieder der obersten Religionsbehürde. Wenn wir uacli vernehmen ,dass diese höchste Instanz nur vor Krieg- Unternehmungen angerufen wurden, so liegt es einerseits in der Natur der Sache, dass man Priestern doch noch eher in rein religiösen Angelegenheiten eine entscheidende Stimme verliehen haben wird, anderseits aber darf man nicht vergessen, dass das Judeuthum Theokratie war, und dass darum die religiösen Vorschriften sich ausnahmslos auf alle menschlichen Veihältnisse erstreckten. Da herrscht keine Sonderung von Staat und Kirche, alles ist religiös gestaltet, das öffentliche wie das Privatrecht, die Hygiene wie die Sanität* Personen- und Sachenrecht, Staat und Cultus. Den Priester betraf jede Veränderung in irgend welchen Vorschriften, denn er war Hüter und Ausleger des Gesetzes. — Vieles hing da von der Persönlichkeit des betreffenden Priesters ab, ob ihnen die Religion lautere Herzenssache oder Mittel zur Vergrüsserung ihrer Macht, ihres Reichtlmms und ihrer äusseren Ehre war. Wir wissen, dass es sowohl während der ersten wie währeud der zweiten Tempelperiode Priester gab, die den Unwillen aller Redlichen hervorriefen. Umsonst werden wohl nicht die Propheten gegen die Priester und gegen deren Veräusserlichung der Religion geeifert haben: die Priester, die von den Propheten während der ersten Tempelperiode, mit harten Worten gerügt wurden, werden nicht besser gewesen sein, als die Fühier der helenistischen Partei, die Hohenpriester Menelaos undJAlkimos, Priester der zweiten Tempelperiode. Charakteristisch ist es, dass auch in sehr alter Zeit schon die Söhne des Hohenpriesters Eli, Chofni und Pinehas, zu deu Volksverderbern gehören. Eine gerechte Würdigung des theokratischen Staatswesens wird jedoch, wenn sie einzelne Schattenseiten hervorhebt, auch anerkennen, dass die Befolgung von Gesetzen besser gewährleistet erscheint, wenn dieselben kraft göttlicher Autorität und von Gottes Allmacht geschützt befohlen, als wenn sie von Mensche angeordnet werden. Man denke z. B. nur an das grosse Gebiet sanitärer Vorschriften, welcher Unterschied, wenn die Religion zur Befolgung aneifert, anstatt des Staats- Zwanges, dem man auf hundert Wegen ausweichen kann. Man denke an Armengesetze, an alle jene, welche Moral, und Billigkeit und nicht das strenge Recht vorschreiben, ob bei Durchschnittsmenschen eine strikte Befolgung derselben anders als durch Religion erreicht werden kann. (Fortsetzung folgt) Recensionen. Joel Müller: Die Responsen des R. Meachullam, Sohn des R. Kalonymus. (Wissensch. Beilage zum 11. Bericht über die ״Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums“ in Berlin) 1898. S. 3-16. An Stelle de* verstorbenen Dr. David Canel, der anlässlich der 1000. Wiederkehr des Geburtstages de« Gaoni Saadja, ״dei groaaen Begründers jüdischer Wissenschaft am Beginne der arabisch-jüdischen Periode“, die Darstellung eines Lebensbildes des-

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