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Das jüdische Literaturblatt · 1893-07-07 · N° 28. (7.7.1893) · p. Seite 108

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 28. (7.7.1893)
Date
1893-07-07
Page
Seite 108 (sequence 2)
Language
German
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- 108 — Das was er hier sagt hat eineu starken Beigeschmack vou Stoicismus und man wäre fast versucht, zu beliau^ten, das er die Lehre der Stoa zum obersten Grundsatz erhob, wenn nicht sein ganzes Leben und besonders seine Empfindlichkeit, die sich während des Kampfes, den er mit seinen Gegnern hatte, zu einem verbitterten, giftigen Hasse steigerte, damit in Widerspruch stände. Sein Glaubeusstaudpunkt überragt in Nichts den seiner abergläubischen Gemeinde, die ihn immer mehr vergötterte. Zauberer und Hexen, gute und böse Geister, Teufel und Engel mit unmöglich auszusprechenden vielsilbigen Namen, die im babylonischen Sprachengewirr ihren Uv- Sprung haben mochten, spielen in seinem Religionssystem eine bedeutende Rolle. Den ,.Bösen“ erhebt er fast zum Hange eines negativen Gottes d 11. eines solchen, der stets zerstört und dessen Machtsphäre kaum kleiner sein dürfte, als die des Schöpfers des Himmels nnd der Erde. Ein Extrem führt ins andere, entgegengesetzte, und so gerieth er mit seinem bis zum Aeussersten getriebeneu Aberglauben ins krasseste Heidenthum hinein. Nach dem Muster der altpersischen Religion machte er sich einen Ormuzd und Ahriman zurecht, und behauptete steif und fest, dass, da Gott nur die Quelle alles Guten sei, er das l'ebel seinem teuflischen Nebenbuhler überlasse, der off auch gegen Gottes Willen ein willkürliches Regiment führe. Das ist das Resume aller seiner Gehren, soweit sie mit Religion Bezug haben und wir wollen jetzt die übrigen von ihm aufgestellten Dogmen beleuchten, die diesen! ganzen System die Krone aufsetzen, und demselben erst gewissermassen Bedeutung verleihen: Hatten wir es bis jetzt mit einem Fanatiker zu thun, der die Ausgeburten seiner überhitzten Phantasie als heilige Inspirationen, als felsenfeste Glaubensgrundsätze ausgab, so tritt er uns in der zweiten Hälfte seiner Thätigkeit. als ein Mann entgegen, der aus selbstischen und Standesinteressen mit wohlberechnetem Vorbedacht das gemeine Volk aut die abschüssige Bahn gedankenloser Personenkulte und Menschenvergütternng hinlenkte. Vorher spielte er die Rolle eines blinden Schwärmers, jetzt die verwerfliche eines weitsichtigen Betrügers. Kin geistreicher russisch-jüdischer Schriftsteller hat einmal die chassidäische und die gegnerische Richtung mit der katholischen und protestantischen verglichen. Der Chassidismus mit seiner Lebendigkeit, und Beweglichkeit, mit seinem lauten Gottesdienste und schwärmerischen Neigungen gleicht dem Katholizismus, der sich gerne auf Prozessionen und Wallfahrten zeigen lässt, während der stille in sich gekehrte Rabbinismus mit seiner Schlichtlieit. seinem Kruste und seinem Drange nach Aufklärung grosse Aehnlichkeit mit dem protestantischen Bekennntnisse aufweist. GeWiss ein treffender Vergleich, und es lassen sich noch einige Berührungspunkte zwischen diesen erstem Religionsrichtungen finden, und diese sind: die Katholiken haben ihre Päpste und die Chassidim ihre heiligen RabbiV. aus jenen ging der Jesuitenorden hervor und auch diese haben sich seine berüchtigten Morallehren zu eigen gemacht, und: aus dem Schoosse der k atlioli schenK irche gi ng ein Ignaz Loyola hervor und dieser fand innerhalb der Chassid äer in N achma n aus Boreslaw seinenDoppelgänger. Er gründete allerdings keinen Orden wie jener, keinen Geheimbund, denn bei der, wenn auch noch so glänzenden, doch im Grunde genommen dem polnischen Adel gegenüber rechtlosen Stellung der Juden, hätte ein solcher keine Gelegenheit in Wirksamkeit zu treten. Auch bedurfte er nicht zur Erhaltung seiner Religion eines äusseren Schutzes oder gar der Auwendung von Zwangsmitteln. .Sein Ansehen gründet er nicht auf äussere Macht. ihm war es genug, dass er die Gemüter für sich gläubig stimmen konnte. Er nahm daher zu geistigen Mitteln seine Zuflucht, und dazu hatte er keinen jesuitischen Orden, sondern die jesuitische Moral nötig, die schwankenden nach eigenem Gutdünken zurechtgelegten, dehnbaren moralischen Begriffe, wie sie von den Jüngern des Loyola gepredigt wurden. Auf den Baum der jesuitischen Gasuistik pfropfte er das Reis allseitig anerkannter sittliehen Lehren und es wuchs da eine Fracht hervor, wie sie kein eingefleischter Ordensbruder besser wünschen konnte. (Fortsetzung folgt.) Das jüdische Religionsgesetz und seine Unveränderlichkeit. Von Kabbiner l>r. Simon Stern in Saaz. (Fortsetzung.) Die Ausübung des Textes dieser Gesetze schwankte noch lange nachher, und gerade die verschiedenen Auslegungen sind zumeist die Ursache der weitläufigen Diskussionen im Talmud. (Schon auf dem ersten Blatse des Talmuds wird die Krage aufgeworfen, ob Leviticus 15, 13 zu erklären sei, wenn die Sonne untergebt ist der Priester rein, oder wenn die Sonne au Igelit.) Mit dem Abschlüsse des Talmuds jedoch war die unabäiidei׳- liehe Auslegung der biblischen Vorschriften festgesetzt, betreffs der religiösen Praxis muss das ßibelwort so gedeutet, werden, wie es der Talmud endgiltig festgestellt hat. Was vorlierging gehört der Wissenschaft und nicht der Praxis an. und keipe bibelkritische Untersuchung• — sie mag Avas immer beweisen und stringent beAveisen — kann diese Deutung verändern. Wenn auch bewiesen würde, dass Sbylakterien z. B. keine biblische Vorschrift wären, so dürfte der wissenschaftliche Beweis allein die Vorschrift nicht beeinflussen, da der Talmud den Satz der Bibel: ״Ihr sollt sie binden als Zeichen um Eure Hand und sie sollen sein eine Stirnbinde zwischen Euren Augen“ auf Phylakterien deutet. Diese Vorschrift ist nun als biblische anzusehen und es geht nicht an, ihr jetzt einen anderen Inhalt zu subsumiren. Das ist das Zweite, Avas unter Unveränderlichkeit des Gesetzes zu verstellen ist, also Unveräuderliclikeit des Wortlautes und Unveränderlichkeit der Auslegung betreffs der Praxis. Das Dritte ist folgendes: Uuter Gesetz verstehen Avir auch das Grundprinzip der Religion, Avelches in der Anschauung des Verhältnisses zu Gott und Gottes zu den Menschen bestellt. Dieses Verliältniss ist freilich in der Bibel nicht durch Gesetzesparagraphen nonnirt, doch so klar gegeben, dass Avir sagen können, die heutige Anschauung des Judenthums über das Verliältniss Gottes zu den Mensclieu sei dieselbe, die Moses besass mul die in den Reden aller Propheten ihren besten Ausdruck gefunden hat. Die Auffassung dieses Verhältnisses ist die Grundlage des Judenthums und ist die Grundlage des Judenthums zu allen Zeiten gewesen, sie grenzt das Judenthum scharf von allen andern Confessionen, seien es heidnische, seien es monotheistische, ab. Alle Vorschriften werden erst verstanden, wenn sie von dieser Grundlage aus beurtheilt werden, und jede neue Vorschrift kann erst dann als jüdische angesehen AVerden, wenn sie in diesem Grund und Boden wurzelt. In diesem Sinne also ist das Judenthum zu allen Zeiten dasselbe geblieben, und wenn auch einzelne Vorschriften aufgehoben und verändert Avurden. neue Vorschriften hinzukamen, das Prinzip ist unveränderlich. Es ist daher nur selbstverständlich, dass auch die Parole des Judenthums immer dieselbe blieb, die ihren klassischen

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