Das jüdische Literaturblatt
- Journal
- Das jüdische Literaturblatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 26. (23.6.1893)
- Date
- 1893-06-23
- Page
- Seite 101 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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,.Scder Olam“ bei der Angabe der Propheten angeführt. Joma 9a heisst es. ,.Gottes Wort verlängert das Leben׳ Spr. Sal. 10. 27). An diesen Spruch des weisen Königs anknüpfend erzählt der Talmud, dass der erste Tempel Israels 410 Jahre gedauert hatte, und in demselben achtzehn Hohepriester ihres Amtes gewaltet hatten. Hier berichtigt R. Elia Wilna: ,.nur zwo 1 f“. Kiddusehin 76b wird berichtet: ״ln der Quaderhalle des Tempels sassen die Mitglieder des Svnhedrin vom Morgen, bis zum Abend, um Priester und Leviten auf die Reinheit ihrer Abstammung zumZwekeder Befähigung für Gottesdienst und Segensertheilung zu prüfen. Hierzu bemerkt R.Elia Wilna: Die Entscheidung überdie Rechte der Geburt wurde im Vordergründe, die Prüfung im Hintergründe de!• heiligen Räume vollzogen. Gittin 7b werden Akko und Aclisib als im Westen Palästina^ gelegene Städte bezeichnet bezw. berichtigt Gittin 57b und in der Paralleie Succa 5ib wird in Bezug auf das Blutbad, welches in Alexandria angerichtet ward, berichtigt: ,.Trajanus“ für ״Hadrian“ (dem Talmudtexte gemäss) und Gittin 57b bei der Schlacht um Betliar ,.Hadrian“ für Vespasianus (der talmudischen Leseart gemäss!. Durch diese in fünfzehn Punkten angedeuteten Gesichtspunkte wäre nun die talmudische Lehrmethode des Gaon von Wilna mit grossei• Ausführlichkeit dargestellt und behandelt, und dürfte es von literarhistorischem Interesse sein, zu erfahren, dass R.Elia Wilna besondere Codies der Bibel zur Feststellung der Masorah hatte. Es geht dies aus der Stelle Nedarim :47 L hervor, in welcher im Anschluss an die Bibelstellen, die wohl geschrieben, aber nicht lesbare Texte enthalten (בתיבין ולא קריין), der Bibelvers 2. Sam. 13,20 האמנון אחיך וב׳ hervorgehoben wird, wo אם אמנון als zusammengesetzt gedacht und übersetzt werden muss: ״Ob wohl Amnun bei Dir war Auch geht aus einer Textberichtigung zu Rasclii Abodah sarali 45a hervor, dass, wie bereits (§ 12) erwähnt wurde, R. Elia Wilna einen Commentar zu Josef Karo's Ritualkodex Joreli Deali verfasst hat, auf welchen er sich an der angeführten Stelle beruft. Zum Schluss soll hier durch einige Beispiele noch die ethische Tendenz der talmudischen Forschung des WilnaerGaon beleuchtet werden. Negaim 8lia resultirt durch die vorgenommene Textverbesserung!gestrichen wird על נסי הרוה) im Talmud die Lehre: Stolz, erhöhtes Selbstbewusstsein wird nicht bestraft, wohl aber erlangt Verleumdung. Schädigung der Menschenehre die gebülirende Züchtigung. 111 den Anmerkungen zum R. Ascher (Rosclf). Traktat Ketuboth I.eAbschn. § 4 erklärt R. Elia W’iloa im Namen von Nachmanides, gemäss den Ent- Scheidungen des Mordchai und des palästinensischen Talmud: Fis ist gestattet, alle Religions-Sünden (mit Ausschluss von Blutschuld, Blutschande und des Götzendienstes) in der Zeit der Gefahr für das Leben auch dann über sich ergehen zu lassen, wenn die übertretende nichtjüdische Gewalt mit List und IVberlegung sie übt (יעבור ואל יהרג). Hier wird also das Leben als der Güter höchstes gesetzt. Nidah 70b: ״W׳as soll der Mensch tliun, um reich zu werden? Er schaffe sich viele Waare an und übe. Treu und Redlichkeit in Handel und Wandel. Mit dem Ausschluss der Worte ירבה בסחורה will R. Elia Wilna angedeutet haben, dass mau auf dem Wege der Rechtschaffenheit auch ohne Aufwand von Kosten sein Glück machen könne. Sehr beherzigenswert!! ist die in Baba niezia 32b von R. Klia Wilna auf dem W'ege halachischer Ent- Scheidung ausgesprochene Sittenweisheit. Wohlthätigkeit dem F’einde gegenüber wird auch dann empfohlen, wenn dieser in moralischer Beziehung sich unwürdig erwiesen hat. Von der hohen Achtung für Menschenwürde und Meuschenrechte legt endlich dieMeinungsäusserung ein beredtes Zeugnis ab, welche Elia Wilna im Anschluss an Tosaphot Bab.i mezia 10a thut: Geschrieben steht: ״Mir sollen die Söhne Israels Diener sein, aber nicht Diener der Diener." Hieraus kann wohl gefolgert werden, dass kein Diener länger als auf drei Jahre einem Herrn seine Dienste vermietheii darf. Auch der Arbeiter sei Heir seiner selbst. Der Talmudismus hat bei den Epigonen nicht selten den Geist geschärft und das Herz verhärtet, den t'ultus des Buchstaben übermässig ei weitert und die Seele im engsten Kreis verengt, die Form verwildert und mit dem Schönen auch das Gute und Wahre verkümmert. Das hat zum öfteren die talmudische W issenschaft um ihr Ansehen gebracht Ganz anders aber waren die. Schöpfer des Lehrgebäudes, die Herren der talmudischen Wissenschaft. Die Vertiefung in den Quell des göttlichen Wortes, aus welchem die das Leben religiös und sittlich befruchtende Gfdenkenströmung hervorgetlossen war, war ein Mittel, das Judenthum zu einer im Laufe der Zeiten stets fortschreitenden Geistesmacht zu erheben, deren Sitten Weisheit und SitteiiVahrheit erlösend zu wirken berufen ist, nicht nur für das Judenthum, sondern auch für die ganze Menschheit. Recensionen. Pressei, W ilhelm. Der Talmud vor dem Schwurgericht am Ende des XIX. Jahrhunderts. Füll Zeugniss für die Wahrheit. Leipzig 1803. DörfHing und F'ranke. Dei׳ geehrte und gelehrte Herr Verfasser beklagt es tief, dass der Talmud von der .,Linier Schnellpost•• als ,.ein so gefährliches Buch“, die Juden ״als eine sittlieh tief stehende Klasse“ bezeichnet wurden. Ist auch das L'rtheil der auf den 11. Oktober 1892 anberaumteii Schwurgerichtsverhandlung ein freispreehendes gewesen, so hält es dennoch der Verfasser, welcher in Gemeinscliaft mit Herrn Kirchenrath und Oberrabbiner Dr. Moses von Wassermann s. A., als Sachverständiger zugezogen war, aus Pietät für den Entschlafenen, welchem die Schrift zugeeignet ist, es für seine Pflicht, für die Wahrheit Zeugniss abzulegen. Die Grundlosigkeit des Antisemitismus weist der Herr Verfasser schon damit nach, dass alle dem Judenthum angedichteten Beschuldigungen der Natur und Mission der Glaubensgemeinschaft vollkommen tremd sind. Das jüdische Volk ist als Religionsvolk ein Volk der Ideale zu sein berufen, welches seit den ältesten Zeiten den Acker zu bestellen und die Heerde zu weiden, im irdischen und geistigen Sinne des Wortes, gewohnt war. Nur die Berührung mit den Handels Völkern des Altertlmms. vorzugsweise den Phöniciern, der Ausschluss aus allen Rechten der Gesellschaft und staatlicher Berufsthätigkeit im Mittelalter und bis in die neueste Zeit hinein zwang die Juden zum Handel zu greifen. Fis ist nicht Schwäche, sondern Verdienst der .luden, dass sie durch massvolle Lebensweise, wechselseitige Wohlthätigkeit und religiösen Familiensinn es auch auf dem Gebiete des Handels und Wandels zu einer von Feinden gar sehr beneideten, achtunggebietenden .Stellung gebracht haben. So leitet die Schrift sich ein. Hierauf beantwortet das Büchlein drei Fragen: l. Was ist der Talmud? II. Verdient er die erhobenen Angriffe? III. Wie steht zu ihm die heutige jüdische Bevölkerung?