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Das jüdische Literaturblatt · 1893-06-16 · N° 25. (16.6.1893) · p. Seite 96

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Journal
Das jüdische Literaturblatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 25. (16.6.1893)
Date
1893-06-16
Page
Seite 96 (sequence 2)
Language
German
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— 9I> — halt oder verdorben. .Man hatte nicht die grossen Hilt'squellen der modernen Wissenschaft; die vergleichende Methode fehlte. Es gab keine Lexikographie, keine Grammatik. Man arbeitete so ins Ungefähre und verliess sich auf oberflächliche Analogien. Die l'ebersetznngen des Orients und des .Mittelalters waren alle vom gleichen Schlage: man hielt seine Aufgabe für eilullt, wenn man einen zweiten Text hatte, der ebenso dunkel war wie der erste. Man nahm Debersetzungsworte für die Worte des Urtextes, ohne sich um den Sinn zu kümmern, der herauskam; die Sorge, ihn zu finden, wenn überhaupt einer d'rin war, iiberliess man dem Leser. Man bildete sich ein, sehr genau zu sein, wenn inan etwas absolut wörtlich wiedergab; man bemerkte nicht, dass auch gleichbedeutende Worte einen verschiedenen Sinn geben könnten, da der Geist beider Sprachen nicht der nämliche war. Es wäre übrigens ungerecht, von diesen alten Uebersetzern die Lösung von Schwierigkeiten zu verlangen, gegen welche auch die moderne Philologie, trotz ihrer vervollkommneten Hülfsmittel, zuweilen machtlos ist. Die wörtliche Uebersetzung gestattete ihnen, dunkel zu lassen, was dunkel war. Oft nahm man an, dass die Dunkelheit ein Geheimniss berge, und dies glaubte man zu bewahren, indem man die Worte des hebräischen Textes materiell wiedergab. Ein wahrhafter Uebersetzer muss ein vorurtheilsfreier Geist sein. Diese Vorbedingung ging dem oder den Urhebern der griechischen Uebersetzung vollständig ab. Der Geist der Uebersetzung ist der Messianismus, der zwar etwas gemässigter ist als jener der chaldäischen Uebertragung, aber er war doch im Stande, das Original in einer Menge von Fällen zu fälschen. Der alexandrinische Uebersetzer ist vor allem ein Apologet, ein Vertheidiger des Mosaismus um jeden Preis, und schon durchtränkt vom Geist des falschen Aristeas, Philon's und Josaphu’s. Er wollte das Gesetz den Griechen in einer Form bieten, die ihm zum Vortheil gereichte. Daher eine Menge kleiner Modifikationen, mit Rücksicht auf den feineren Geschmack der Griechen. Erklärende Benierkungen wurden beigefügt, die offenbaren Obscoenitäten gemildert, die grandiose Naivetät des alten Er- Zählers verwischt. Namentlich wurde der Anthropomorphisinus gepflegt. Gott ist nicht sichtbar; alle Stellen, wo Jahve sich sehen lässt, werden sorgfältig gestrichen; der Engel Jahve's tritt überall da an die Stelle Jahve’s, wo das Eingreifen der Gottheit Anstoss erregen könnte. Viele Unwahrscheinlichkeiten sind gemildert, die Ziffern, die fast immer bedenklich sind, berichtigt. Man will so der Kritik zuvorkommen, die von den Voltaire's des Ortes geübt werden könnte. Trotzdem war die Uebersetzung eines der wichtigsteil Ereignisse der Geschichte, denn sie wurde die Bibel des entstehenden Christenthums, und in einem gewissen Sinne die Bibel der Menschheit, da aus ihr die ״Vulgata“, die lateinische Uebersetzung, hervorgegangen ist. Die Septuaginta hat überall den .Jüngern Jesu vorgearbeitet. Der Alexandriner, der die Worte: ״Im Aufang schuf Gott Himmel und Erde“, ins Griechische übertrug, verdient auf die oberste Stufe der Menschheit gestellt zu werden. Er ahnte die höchste Wahrheit der Geschichte, nämlich die, dass der hebräische Geist in griechischer Sprache und in Verbindung mit dem Hellenismus die Welt erobern werde. Bald nach der Thora wurden die Propheten übersetzt. Das Bedürfnis, sie iu der Synagoge zu lesen, war das gleiche, denn schon sehr früh bildete sich der Brauch, an! Schluss der Sabbath-Zusammenkünfte einige Seiten der Propheten zu lesen; auch legte man Gewicht darauf, den Griechen den Reichthum der hebräischen Literatur zu zeigen. Die anderen hebräischen Bücher wurden allmälich übersetzt und oft■ mit frommen Zuthateu im Geschmack der Zeit versehen. Das Buch Esther erschien zu trocken, wesswegen man Gebete beifügte, die ihm etwas Salbung verliehen. Erschien in Palästina ein bedeutendes Werk, so wurde es in Alexandrien übersetzt, oft nach ganz kurzer Zeit. Oft wurde die griechische Uebersetzung besser bewahrt, als das Original. Die Kenntniss des Hebräischen verlor sich in Alexandrien immer mehr; um 132 fand sie der junge Sirach schon auf einer sehr niedrigen Stufe. Die griechische Uebersetzung hatte einen ausserordentlichen Erfolg. Von Aegypten verbreitete sie sicii über Syrien und auch über Palästina; die Juden bedienten sich ihrer in der ganzen griechischen Welt. Sie war die Bibel Phiions, Josephus', des Apostel Paulus und der ersten Christen. Einige messianische Krwägangen, die die Welt bekehrten, führen sich auf Irrthiimer des Alexandrinischeu Textes zurück, Manches wurde falsch gelesen, fälsch verstanden und wieder mit anderen Irrthümem verbunden. Die religiöse Weltgeschichte, das wurde schon oft gesagt, ist die Geschichte wiederholter Sinnlosigkeiten. Schon früh hatte sich de! Pentateuchs die Legende bemächtigt, die sich bestrebte, die Uebersetzung dem Original gleichzustellen. Man brachte die griechische Uebersetzung in Verbindung mit der Alexandrinischen Bibliothek und den literarischen Neigungen des Ptolemäus Philadelphus. Eines Tages machte ihn sein Bibliothekar, Demetrius Phalareus, aut' das Gesetz der Hebräer aufmerksam und rtthmre ihm dasselbe sehr. Philadelphus schickte also nach Jerusalem zum Hohepriester Eleazar und bat um das kostbare Huch. Eleazar schickte es ihm und sandte zugleich 72 Greise (H auf jeden Stamm) mit, die man in einem Palast auf der Insei Pharos unterbrachte, jeden getrennt für sich iu eine Zelle; nach 72 Tagen hatte jeder seine Uebersetzung fertig, und als man sämrotliche!,eher- Setzungen mit einander ▼erglich, da waren sie vollkommen gleich von der ersten bis zur letzten Silbe. Das war also die Inspiration. Als die Uehersetsnng tertig war, gab Ptolemftns den l’ebersetzen! prächtige Geschenke und den Juden wichtige Privilegien. Pharos, wo die Uebersetzune unter göttlicher Inspiration angefertigt worden sein sollte, wurde ein heiliger Ort; Justinus sah daselbst noch die Ruinen von den Zellen der 72 Greise. Die Lebende bekam einen neueu Aufschwung durch die Christen des zweiten Jahrhunderts, die iu ihren Streitigkeiten sich des Alexandrinischen Textes bedienten und mit Freude eine Erzählung anfnahmen, die diesem Texte den Werth eines inspivirten Werkes zuschrieh. Man hielt sich damals ftir berechtigt, auf die griechische Uebersetzung in der nämlichen Weise sich zu berufen, wie auf den hebräischen Urtext. Nun waren aber die Beweise für die Messiaseigenscliaft Jesu im Griechischen viel stärker als im Hebräischen: mehrere Stellen, ans denen man die siegreichsten Schlüsse zog. fandeu sich nur in dein Widersinn des Griechischen. In demselben Maasse nun. wie die griechische Uebersetzung die Grundlage der diristlicheu Apologetik wurde, was vom Beginn des zweiten Jahrhunderts an geschah, flösste sie den Juden eine lebhafte Antipathie ein. Nachdem sie dieselbe allgemein bewundert batten, begannen sie sie für ein Werk des Verderbens zu halten. Ein Fasten wurde ausgeschrieben für den achten Tag des Monats Tebeth. .,weil an diesem Tage das Gesetz griechisch geschrieben wurde, zur Zeit des Ptolemäus; Finsternis bedeckte bei diesem Anlass die Erde drei Tage lang.“ Der Tag, an welchem die Greise für Ptolemäus das Gesetz ins Griechische übersetzten, galt fortan als ein für Israel ebenso verhängnisvoller Tag wie jener, an welchem das goldene Kalb gemacht wurde. Ein ״neues“ Suffix.1) Von B. Königsberget. Nicht nur für die Geschichte der hebräischen Grainmatik, sondern auch für die Religionsgeschiclite und nicht zuin Mindesten für die Bestimmung der Redaktionszeit der alttestamentliehen Schriften dürfte die Feststellung des >) Ans Hilgeufeld's ״Zeitschr. f. wissensch. Theolog.“ XXXVI*, l. S. 143 ft.

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