Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 10. (3.3.1893)
- Date
- 1893-03-03
- Page
- Seite 38 (sequence 2)
- Language
- German
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— 38 weder im Leben Schiflbruch erlitten, dass ihm kein anderer Halt blieb, als der traurige Muth der Verzweiflung, oder er ist nicht ernst za nehmen mit seinen Kapriolen — um von sieh nur reden zu machen, springt er zur Belustigung des Publikums über seinen eigenen Schatten. Noch ungeheuerlicher klingt es, dass Sie als Jurist, es für ungehörig erachten, dass wir die Splitterrichter auf ihre moralische Qua'ifieation untersuchen, um ihr Urtheil auf seinen richtigen Werth zurückzuführeu. Ja, Herr Dr. juris und Rechtskandidat, ist das denn nicht das gute liecht seilst eines jeden AI ördeis, einen Richter wegen gewisser Eigenschaften zuiiickzuweisen und die heilige Pflicht eines jeden Rechtsstaates, nur solche Richter zuzulassen, deren Vorleben ganz intakt ist? Mau könnte ja fast auf die Vermuthung gelangen, als hätten!Sie durch dieses Paradoxon sich selbst gegen ein näheres Eingehen auf Ihre intimen Verhältnisse schützen und sich dagegen verwahreu wollen, dass man Ihnen zurufe: ״Arzt, heile erst Dich selbst!“ Sie waren zu vorsichtig, guter Herr, und haben unsere Nase, die Ihnen nicht gefällt, auf deu dunklen Punkt gestossen, über den Sie nicht hiuwegkommen, der Ihre richterliche Befähigung in qu. Sache auf ein Minimum reducirt, weil Sie als Ritter von der traurigen Gestalt von beiden strittigen Parteien nicht mit dem nöthigen Ernst, gewürdigt werden. Wenn ich für Ihre würdevolle Kampfes weise noch die Stelle anführe, wo Sie mit Selbstbewusstsein und viel Behagen der antisemitischen Gemeinplätze sich bedienen, und Schuldige preisgebeu, Verworfene uunaohsiok lieh an deu Pranger stellen, und noch manches Andere wollen, aber, da Sie weder Natneu neunen, noch genaue Hinweise, oigeutlic h immer nur selbstgeschafiäne Phantome bekämpfen — glaube ich, auch mit Ihrer zweiten Vorrede mich genügend beschäftigt zu haben. Ich kann nun ins volle Büchlein hineingreiten, welches mit dem vollen Menschenleben nur das gemein hat, dass es auch, wo immer man es anfasst, taul ist, verfehlt im Entwurl, morsch im Bauwerk. Wenn ich Sie mein Herr, nicht mit Handschuhen anlasse, so babeu Sie es t iuzig Ihrem Benehmen allein zu danken und der Eifahruug, welche lehrt, dass man in eii. Wes)!•uueet fest, hineingreiten muss. Schon Ihre erste Frage: ״Kann die christliche Religion, di. Religion der Liebe und Mille, der Barmherzigkeit umt der Verzeihung, den Hass und;ie Verfcdgt.t üben anpt billigen?1‘ — klingt■, wie überhaupt■ Ihre mit Vorliebe aus dem neuen Testament ge'.valt;!in herbei gezerrt en Citate, welche die Lippen 1 ii 1 christlichen Geistlichen zieren würden, e.us dem Munde ein• s, wenn auch mit sehr losen i*'a••■•׳■ dem Juden! hume tuihaugemleu Juden, sehr s0i.d< und geschmacklos, und die jüdisch-spanische KaLt.il.; ■’,!!!:ilie, deren Abstammung Sie sieh rühmen, wür. e 01■ derselben sich imGra.be uiuUrehen. Gewiss ehrt de .Uri-:liehe Religion, zu deren unberufenen Vertheidigor; ich Rufweiten, alie diese schönen >ach111, wie dies von einer dem Judenthum ent- -lammten Religion gar nitht anders zu erwurten war; fillein die Aetr-sei nngen dieser Liebe innerhalb der Omi denl.pit verhielt.;1 sich zu dieser Lehr0 genau so, wie Ihre Behauptung, 1m lut! resse der Juden zu -chrdben, zu dem iLataiichlichen Inhalt ihrer Schrift. Oder meinen Sie etwa, llue jüdisch-spanischen Vorlalnen hatten Ursache von dem liebevollen Henker Toiquemada besonders entzückt zu bein? Wie bezeichnen Sie den Pfeil, welcher Kaiser Julian aus seinen Schlachtreihen von hinten traf und seinen! sterbenden Lippen die ״Anerkennung“ des Galiläer» , erpresste? Doch richtig, Sie sprechen von der Gegenwart, denn Sie behaupten ja, dass es heutzutage wohl kaum ein Land in Europa giebt, wo eine rein religiöse Verfolgung Andersgläubiger in grösserem Stile mit Erfolg in Scene gesetzt werden könnte! Reohnen Sie Russiand nicht zu Europa, oder ist die ״Liebe“ eines Probedonoszew Ihr Ideal? Ich will diese Ungebeuerlichkeit durch Aufzählung weiterer Beispiele von heutzutage nicht abschwächen, aber meine Ansicht Ihnen auch nicht vorenthalten: Di י Lehren sind hüben und drüben sehr scLöd, nur theileu sie leider das Geschick so vieler Gesetze, welche nur auf dem Papiere stehen, von den Machthabern aber als grosse Münze augeseheu werden, die sie nicht iu Kleingeld umwechseln. Jüdische und christliche Armeelieferungen zu Ende des 30jährigen Krieges. Nncli Orlginaldocumeutcu der k. k. Archive in Wien. Von 8. S c h weinb u rg-Ei bei! soll ii tz. (Schluss.) Die verarmten mähfisoheu Juden wenden sich gleichzeitig au ihre reicheren Glaubensgenossen iu Wien und Prag und bewirken, dass die Wiener1) Juden 1500 Klei ler und Schuhe gratis zur Vertilgung geben uud noch grössere Quantitäten a Conto ihrer Coutributionsleistuugeu in Aussicht stellen Die Prager Juden lieferten damals als• Kriegscoutributiou für 40 Tau end Goldguldeu2) Kleider, Schube, Gewehre uud Karabiner. So trug jeder nach Möglichkeit dazu bei, sein« Vaterlandsliebe zu bsthätigmi. Die Gemeinsame Reiohsgetahr bess alle coufessionellen und natinaleu Bedenken schwinden. Alles litt uuter dem eisernen Joche des Ojihrigen Kriege:־. Man erhoffte und wüusohte überall sekuliclist den Frieden, aber dei Hess noch lange aul sich warten. Selbst in Regiernugskreisen wusste man noch HHS nichts von einer baldigen Beendigung dieses Krieges; denn 1100h am ld. Juni uud 20. .Juni 11)4« wurde iu Prag ein Lieterangswrirag unterzeichnet, laut weionem iu 0 Wochen 1481 Reiterstiefel, U581 Karabiner und 481 Pistolen abgeliefcrt sein sollten. Als Unterzeichnete fnngiren Rudolf von C.olloredo un i Wilhelm Albrechi Krakowsky von Kolowrat. Als Cont.rahenteu zeichnen Löb Kassowitz, Moy>es Tiiorsch, hliasPerez, Salomo 11 Deutsch und l-rael Caiitor Die Lieferung scheint aber nicht ganz durchgefiihrt, worden zu sein; denn iu einem Majestätsgesu. he bitten die ohgenauiiteu Contraheuten um Nachlass dts Piager Comman iautenantsoblages nun motiviren ihre Bitte mit dem liiuweise auf den bedeutenden Rest dieser Lieferung, weil mau durch den am '-*>• Juli unvorhergesehenen stattgefundenen Köngsmarkischen Einfall uud Blokade nicht 1m Stande war, alles aozulieferu uu l deshalb einige hundert Stiefel, Pistolen uud Karabiner übrig batte, die in Folge des ״Gottlob“ ״vermeldteu“ Friedens von Münster nuu :.eine Verwendung finden. Die Grafen Wilhelm von Coloredo und Ungnatl von Weissenwolt befürworten sub ddo. IÜ!>0 0. 7. dieses Majestätsgesuch und weisen dann im Aufträge *) Erzherzog Ferdinand würdigte diesen Fatriotismus in einem eigenhändigen Schreiben ddo. Eberedurl 5. 10. 104(. . Eerdinaud lll berücksichtigt diesen Umstand bei hrueuerung des Frager Judenprivilegiums ddo. 8. 9. 1048.