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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1893-02-17 · N° 8. (17.2.1893) · p. Seite 31

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 8. (17.2.1893)
Date
1893-02-17
Page
Seite 31 (sequence 3)
Language
German
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־Wissenschaft diese Tradition als das Entwiokelungs- und Lebensprincip, als den Lebensnerv des jüdischen Volkes betrachtet. Ohne Talmud wären wir genau so zus&mmengeschmolzen und’ herabgekomraen wie die Karäer. DasKaräerthum, dessen Bekenner heute kaum mehr als höchstens einige tausend Seelen zählen, es wird naoh wieder 1000 Jahren nur noch eine geschichtliche Erinnerung sein. Freilich sind dem Talmud anstatt der Karäer innen und aussen ganz andere, nicht minder gefährliche Feinde erstanden, aber es ist uns wahrlieh auch nicht im Geringsten bange. Uns Modernen gilt der Talmud nicht blos als eine uneinnehmbare Festung, sondern auch als ein grossartiges Arsenal, aus dem wir uns die siegreichsten Waffen holen; deun uns ist das Talmudstudium eine im Geiste der Zeit fort entwickelte, aut der Höhe kritischer Forschung stehende W issensohaft. Auf der Zinne dieserWisseusebaft weht ein Banner, das allen Stürmen trotzt, eiueFabnedie nicht imWinde wirrer Tagesmeiuuugeu hin und her Hattert, sondern eine Falme, die nur der echte und rechte Zeitengeist zu bewegen vermag. Und die Inschrift dieses Banners, die in flammenden Zeichen weithin leuchteude Inschrift dieser Fahne lautet: Traditionelles Jadenthum. Verteidigung eines Mendelssohn’schen Beweises gegen die Angriffe Kant s. Von J. l'einstein. S. Maimon citirt in seinem Commentare ״Gibeath ha-Moreh“ zum Moreh Nebuchim*) folgenden Beweis Mendelssohn« für das Dasein Gottes: Die Existenz ist eine Realität. Diese Realität ist aber für die endlichenWesen, deren Dasein ein zufälliges ist, kein analytischer, sondern nur ein synthetischer Begriff, weil die Vorstellung von ihrem Wesen auch ohne die Realität des Daseins möglich ist. Der Begriff ״Gott“ umfasst alle möglichen Realitäten. Zu diesen Realitäten gehört aber auch die Existenz. Eine Vorstellung von Gott ohne Existenz desselben würde demnach dem analytischen Begriffe von Gott widersprechen; mithin muss dem Begriffe Gott auch die Wirklichkeit ausserhalb der Vernunft entsprechen. Kant sucht nun diesen Beweis auf folgende Weise zu widerlegen. Wenn auch zugegeben werden muss, sagt er, dass die Vereinigung aller möglichen Realitäten in einem Begriffe ohne Widerspruch denkbar ist, so kann doch, wenn dieser Begriff zur Wirklichkeit werden soll, zwischen einzelnen Realitäten sich ein Wider- Spruch Herausstellen. So sind beispielsweise zwei entgegengesetzte Bewegungen, die eine von Osten nach Westen, die andere von Westen nach Osten, beides Realitäten, und doch können diese zwei Bewegungen von einem und demselben Subjecte zu einer und derselben Zeit nicht ausgeführt werden, obgleich ihre Denkbarkeit möglich ist; denn die Vereinigung dieser beiden Realitäten in einem Begriffe giebt keinen Widerspruch, weil sie von einander gänzlich verschieden sind. Ich halte diese Widerlegung Kant’s für so schwach, dass ich mich über den sonst so scharfsinnigen Mairnun wundere, weloher dem Citate aus der Kritik der reinen Vernuuft nichts weiter beizufügen wusste, *) Abschnitt 57;Berliner Aus^. v. J. öäl.l als die Worte: והדברים עמוקים. — Zur Ehre desselben bin ioh jedooii geneigt anzunehmen, dass er als fanatischer Kantianer von vorn herein für die Kant’sohen Auseinandersetzungen so sehr eingenommen war, dass er sioh gar keine Mühe gab, den Mendelssohn’sohen Beweis zu retten. — Meine Gegengründe sind folgende: 1. Kant bezeiohnet die beiden entgegengesetzten Bewegungen als verschiedene Realitäten, während sie doch in Wirklichkeit nur eine einzige Realität, nämlich die Fähigkeit der Bewegung zum Principe haben. Das Prinoip der Bewegung würde aber in der Wirkiiohkeit ebensowenig wie in dem Begriffe duroh die Unmöglichkeit zweier entgegeugesebzter Bewegungen, die von einem und demselben Subjecte zu gleioher Zeit ausgeführt werden, aufgehoben. Denn die Riehtung einer Bewegung ist doch im Grunde genommen weiter niohts als ein Correlat des Raumes. Dieser aber gehört ja nach der Theorie des Kant selbst durchaus uicht zu den Realitäten. (Vergl. Kritik der reinen Vernunft ed. Kirchmann, .Seite 75,3.) 2. Das Beispiel von der Bewegung ist in diesem Falle durchaus unzutreffend. Fiudet doch jede Beweguug nur in einem beschränkten Raume statt; Gott Dt aber über Raum uud Zeit, also über die wesentlichsten Bedingungen der Bewegung auoh nach der Kaut’schen Theorie völlig erhaben: folglich kann die Fähigkeit der Bewegung unmöglich zu den Realitäten gehören, welche deu Inhalt des Gottesbegriffe« ausmacLeu. — 3. Dasselbe, was ich hier von der Bewegung sagte, könnte, mutatis uiutandis, auoh von jeder andern Realität gesagt werden, welche bei ihrer Umsetzung in die Wirklichkeit mit einer andern zu collidireu scheinen sollte. Denn die Gott zukommendeu Prädicate bilden in dei Wirklichkeit eine absolute Einheit ohue Mehrheit und Mauuigfaliigkeit. Es kann demnach von einer Collision unter denselben keine Rede fein. — Der Midrasch Haftanrt (מדרש הפטרות). Der Aufsatz des verdienstvollen Hm. Dr. Grüuwald in Nr. 6 dieses Blattes veranlasst mich zu einigen Gegen bemerkungen. Er erwähut wohl, dass ich den Codex de Rossi 2(il in der Einleitung zu meiner Pesiktaausgabe beschrieben habe, er scheint aber doch über den Charakter desselben in Zweifel geblieben zu sein. Der Codex ist nichts anderes, als die Handschrift eines grossen Theiles der Pesikta und zwar desjenigen, weloher die 12, oder (in der Handschritt fehlt eiue) die 11 um תשעה באב sich gruppirendeu Haftarot enthält. Dieses Bruohstück der Pesikta habe ich als כתב ידפארמא ausdrücklich genannt uud nebst den 3 anderen Haudsohriiten meiner Pesikta-Bearbeitung zu Grumte gelegt. Hiermit hat auch der Name מדרש הפמר״ת aufgehört im Sinne des geehrten Herrn Dr. G. ״interessant“ zu sein. Die Schlüsse, welche Herr Dr. G. aus dem Wortlaute einer Seite zieht, scheinen auch deshalb gar nicht berechtigt zu sein. Schon der Umstand, dass der Midrasch mitJirmijahu beginnt, soll verdächtig sein. Die Hat'ara, mit weloher dieses Pesiktabrucnstück beginnt, lautet aber דברי ירמיהו, uud es kann daher von Niemand anderem die Rede sein. Nun kommt aber eine Stelle, sagt Herr Dr. G., die nioüt deu geringsten Zweifel übrig lässt, dass sie von einem Christen verfasst wurüe. Es handelt sich da um den Ausspruch, der auch in der Pesikta S. 1L l b vor-

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