Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 8. (17.2.1893)
- Date
- 1893-02-17
- Page
- Seite 30 (sequence 2)
- Language
- German
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30 — Bekenntnisse, sondern gegen die speouiative Begründang dieser Dogmen riohtet. Nach Saadia besteht der Grnndirrthum in einer falschen Auffassung der 3 Attribute: Leben, Macht und Wissen; diese falsche Auffassung habe den Abfall vom wahren Einheitsglauben unerbittlich naoh sich gezogen. Der Güte und Gnade des Schöpfers, der nur ein einziger sein kann, verdanken die Geschöpfe nicht blos ihren Eintritt aus dem Niohtssein ins Dasein, sondern auch die in den Geboten und Verboten bestehenden Mittel, um die vollkommenste Glückseligkeit, oder das höchste Gut zu erreichen. Unser Philosoph unterscheidet die Gesetze der Moral und Sittlichkeit als Veruunftgebote von den Ceremonialgesetzeu als Offenbarungsgeboten, und begnügt sioh keineswegs damit, dass diese nicht als vernunftwidrig bezeichnet werden können, sondern zeigt uns auch an verschiedenen Beispielen den Zweck derselben. Für Diejenigen, welche alle Speisegesetze als sanitäre Vorsichtsmassregeln betrachten und für Alljene, welche die Ansicht vertreten, die menschliehe Aulklärung müsse nicht blos im Kopf, sondern auch im Magen ihren Sitz haben, dürfte es von ganz lesonderem Interesse sein zu hören, wie Saadia über die Speisegebote 1 ich äussert. n Das Verbot einige Thiere zu geniessen hat den Zweck, eine Vergleichung der Thiere überhaupt mit Gott zu verhüten, denn wie es undenkbar ist, dass dem Menschen gestattet sei Etwas zu geniessen, das Gott gleicht, ebenso undenk bar ist es, dass der Genuss einer solchen Sache, die Gott gleicht, den Menschen verunreinigen soll. Durch die Speisegebote soll eben die Anbetung irgend eines Tbieres verhindert werden, denn der Mensoh kann unmöglich Etwas an beten, das er isst, oder Etwas, das er, weil es unrein ist, nicht es.-en darf“.*) Die Oilei.bsrungsgebote, deren Zweck wir übrigens nicht imn er zu erkennen vermögen, haben ihre uuwandel-!׳me Verbindlichkeit; denn was Gott durch seine l'iupheteu dt m Volke Israel anbefohlen und verboten hat, kann nicht wieder aufgehoben we»׳deu. Für die Eitülluug oder Nichterfüllung dieser Gebete ist dem Menschen Lohn oder Strafe in Aussicht gestellt. Damit ist 18 unzweideutig ausgesprochen, dass das Judenthum die Freiheil des menschlichen Willens bedingungslos voraussetzt. Diese Freiheit steht weder mit der Allmacht noch mit der Allwissenheit Gottes in Widerspruch; denn Gott kennt da!־ menschliche Handeln als!las letzte Ergebuiss der verschiedenen Erwägungen. Die menschlichen Handlungen wirken auf die Seele zurück und üben eine reinigende und läuternde oder trübende und befleckende Wirkung auf sie aus. So verfällt der Mensch in Sohuld, oder er erwirbt sich Verdienste; denn die Seele, die an Lauterkeit die Himmelsspharen übeririflt, ist nur deshalb mit dem Körper vereinigt worden, damit sie durch die Befolgung der göttlichen Gel ote zur wahren Gli:ek>eligkeit nach dem Tode gelinge. Von einer Seelenwanderung zu reden, ist thöricl.t, aber anderersei's kann auch die duroh den Tod herbeigeführte Trennung dtr Seele vom Leibe keine dauernde sein, weil die Zeit der Wiedervergeitung lur die Seele erst nach ihrer Wiedervereinigung mit den׳ Leibe in eiuein andern Lehen beginuen kann. 1 le Wiederbelebung derTodten, an welcher Saadia festbält, lallt nach ihm in die Zeit der messiauischeu Erlösuug, und dass dem isr. Volke eine solche Zeit aubreehen müsse, folgt aufs allergewisseste aus der Gerechtigkeit Goties. Nach der mess. Erlösung beginnt das jenseitige Leben, in welchem die Seele wohl wieder mit dem Körper *) Euiuuoth wedeoth eiütio Ktakau p. Öl, vgl. (duttinann. J ie lLdigioiisphüos. des Saadia p. t'tö. j vereinigt, dieser jedoch ohne irdische Bedürfnisse sein wird. Die jenseitige Belohnung und Bestrafung sind als eine göttliohe Veranstaltung zu denken,; welohe, weil das jenseitige Leben von ewiger Dauer 1 ist, um die Frommen ebenso auf immer das denkbar hellste Licht verbreiten, wie den Gottlosen Feuerqualen bereiten wird. Damit ist das System Saadia’s geschlossen; aber . er giebt dennoch im 10. Gapitel seines Emunoth wedeoth j eine Ethik, indem er drei Kräfte, die des Er- ] kenuens, die des Begehrens und die des Affectes ani nimmt und die Behauptung aufstellt, dass wir jedem der Triebe willfahren dürfen, soweit dies aut erlaubte : Weise geschehen kann. Es liegt der Vernunft ob, sobald das Begehren oder der Affect sioh regt, zu , prüfen, welches ihre Wirkuug sein werde. So ist die 1 Vereinigung aller Triebe die Bedingung, von welcher eine : der menschlichen Natur wirklich angemessene Lebensj fiihrung abhängt. — Man mag nun mit diesem System ' Saadia’s noch so sehr, oder noch so weuig einverstanden sein, wer die Geschichte der jüd. Religions- Philosophie kennt, wird es r.ickhaltslos zugeben, dass Saadia’s Emunoth wedeoth viele Jahrhunderte hindurch die Geister beherrscht un l erleuchtet uud die Denker beeinflusst und geleitet hat Das Emunoth wedeoth genannte Buch ist un l bleibt das Hauptwerk , Saadia’s, aber will mau die wahre Grösse des Mannes I diesem Buche messen, so muss maa wissen, dass er m der Verbaunung uuter quälenden Sorgen und in einem Seelenzustande geschrieben, für welohen der Ausdruck Schwerinuth ein nicht gauz zutreffender ist. Kaum war Saadia zwei Jahre Gaon in Sura, trat. 1 auch schou der von Vielen lauge vorher befürchtete! Bruch zwischen ihm und dem Exilarchen David beu ' Sakkai ein. Der blinde Nissi Naliarwaui hatte ganz , recht gehabt, als er vou Saalia sagte,!lass dessen; fester Sinn vor Nichts zurüeksohreuke. Dis sollte nun auch der habslichtge Exilatch erfahren, als er in einem Erbschat'tsprozess, der ihm ein hübsches Sümmchen eintrug, der ungerechten Entscheidung, die er getroffen, durch die Unterschritt der Gaouen Reohtskraft erwirken wollte. Au Saadia’s felsenstarker ■ Charakterfestigkeit scheiterten alle Versuche, zer-; scheilten alle Wogen der Ueberreduug, aber die Folge war, dass er seines Amtes entsetzt, in Bagdad Jahre lang in vereinsamter Zurückgezogenheit leben musste, ln dieser Vereiusamung bat Saadia die besten seiner Werke, und, wie bereits erwähnt, auch sein Emunoth wedeoth verfasst. Es ist wohl später eine Aussöhnung eiugetreten, Saadia kehrte wieder als Gaon naoh Sura zurück, aber die aufreibenden Kämpfe batten seine Gesundheit derart erschüttert, dass er kaum 50 Jahre alt aus dem Leben schiel. Das muss mau sich gegenwärtig halten, um die Fruchttülle seines Lebeusbaumes nach ihrem ganzen Wertbe würdigen zu können; denn die Zahl seiner Schriften ist eine solch grosse, dass hervorragende Gei-ter unter geordneten Verhältnissen, auch wenn sie ein noch so hohes Alter erreiotiten, kaum mehr zu leis en vermögen. Uud trotz alledem wäre es ein verfehltes Beginnen die unsterblichen Verdienste Saadia’s nach der Zahl, anstatt nach dem Geiste seiner Schriften bestimmeu uud bemessen zu wollen. Sein allergrösstes Verdienst besteht für ewige Zeiten darin, dass er eine jüdische Wissenschaft begründet hat. Duroh diese Wissenschaft, und nioht duroh die unfruchtbare Polemik hat der Rabbauismus den Karäismus besiegt; das vergessen Alljene, welohe in dummstolzer Vornehmheit über den Talmud aburtbeilen; wer deu Talmud, wer die Tradition verleugnet, hat keiue blasse Ahnuug davon, dass die