Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 7. (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- Seite 27 (sequence 3)
- Language
- German
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theologischen und weltlichen Studien vollständig aufzumahlen, war es meine Absicht, bloss einigeWinke über die Natur und die Art solcher Studien zu geben. Vom ernsten und eifrigen Studenten erwartet man, dass er selbst den Plan seiner Studien ausarbeite, dessen Grundrisse er von seinem Lehrer erhielt. Der grösste Lehrer ist, war, und wird in aller Ewigkeit das Leben selbst bleiben. Es muss ,dem Prediger, Verwalter, Lehrer, Eabbi und Schüler selbst überlassen bleiben, für sich selbst zu schaffen und sein Lebens werk nach seinen Fähigkeiten, Neigungen und Gelegenheiten zu wählen. Auch der grösste Kopf wird sich der allbeherrschenden Richtung unterorduen müssen, sowie dem Geheimniss eines jeden Erfolges, nämlich der Arbeitstheilung. Wie wahr es ist, dass der Rabbi unserer Zeit, der ein ״Kolbo“*) sein soll, gegen Einseitigkeit geschützt sein soll, so wahr ist es andererseits, dass die Verschmelzung von moralischen und geistigen Kräften in einem Brennpunkt beträchtliche Erfolgs gewähren wird. Ich schliesse mit der Mahnung des Mischnalehrers:(״ ״Was die Thora betrifft, kehre sie und wende sie, denn alles kann darin gefunden werdeu. Studire sie, werde über ihr alt und grau und scheide nie von ihr, denn es gibt keine bessere Lehre eines moralischen und vernünftigen Lebens als die Thora “ Die Zukunft der jüd. Erzählungslitteratur.**) Von Ludwig Frank-Nonnenweier. Wer nach hundert Jahren Werke unserer modernen jüd. Erzähler zur Hand nimmt, wird sie wieder enttäusoht weglegen und 8ioh erstaunt fragen: ״Ist das ein Spiegelbild jener gewaltigen Gährangsperiode? Fand das Getöse jener Debergangszeit, die als solche gerade für das jüd. Leben an Gegensätzen so überreioh war, in der Litteratur keinen andern Widerhall? Wie armselig! Da wird immer wieder die gleiche, furchtbar rührende Liebesaffaire mit veränderten Namen und Oertlichkeiten erzählt.“ — So wird der Zukunftskritiker urtheilen und ich — uuterschreibe. loh will meinen Vorwurf deutlicher formuliren: loh tadle an den modernen jüd. Erzählern (von denen ipanche das Zeug zu Örossem hätten) den Mangel ajn Motiven. Thatsächlich erzählt man uns seit Kompert immer wieder die gleiche Geschichte in verwässertem Aufguss: es handelt sich naoh althergebrachter Weise um die Frage der Mischehe oder Misohliebsohaft. _ Da findet sich denn stets ein höohst tugendboldiger, reicher Judenjünglizg, der in die Netze einer ohristliehen Sirene fällt. — Naoh der Hochzeit stellt sich heraus, dass die Germanin nur vom semitischen Golde bezaubert war, dass sie hingegen stramme Schnurrhärte und sohwarze Augen liebt, auch wenn sie zufällig nicht ihrem Gatten angehören, — kurz: Die Ehe wird unglücklich. — Jetzt giebt es einige Varianten: entweder die Christin brennt mit ihrem Liebhaber und dem Gelde ihres Gatten durch; letzterer bekommt dann gewöhnlich die Sohwindsuoht oder ähnl. und nennt sich im letzten Augenblicke seines Erdenwallens einen Dummkopf, dass ihm die Augen erst jetzt aufgehen, wo er sie für immer schliessen muss. — Manchmal auch lässt sich der Jude von seiner Frau *) ״ כלבוAlles (ist) in ihm“ ■=». Universalgenie, Polyhistor. '*) Siehe Ab. V 22. 6 ' J ’*) Selbstverständlich ist ״jüd. Erzählungslitteratur“ eine Biachyologie für: Erzählungen mit jüd. Stoff in deutscher Sprache. scheiden und heglüokt dooh noch eine von Israels Töchtern: diese Wendung wird von den Leserinnen am liebsten gesehen. — Der Judenjüngling kann zur Abwechslung auoh einmal ein Bauquierstöohterlein sein; dann sind zwei Möglichkeiten: entweder ist der teutonische, blonde Liebhaber ein Lieutenant oder ein Referendar. Im übrigen ist der Verlauf wie oben. — Beiläufig bemerkt — begehen die Herren, die nach solchem Recept arbeiten, einen gewaltigen Schnitzer. — Sie wollen nach weisen, eine Mischehe zwischen Jud’ und Christ sei sittlioh verwerflich; statt dessen zeigen sie, dass die genannte Verbindung gewöhnlich zu schlechtem Ende führe. — Wie aber, wenn der Christ das Judenmädohen ehrlich liebt, wenn er eiu selbstloser Charakter ist, weuu also ihr Zusammenleben glücklich ist (und das ist doch nicht ausgeschlossen)?! — Was dann? — Dann stimmt eure Rechnung nioht. — Wir sollen das Gute thim, weil es gut ist, — nioht, weil wir uns dabei am wohlsteu fühlen. — Wir sollen das sittlich Verwerfliche unterlassen, weil es sittlioh verwerflich ist, — nicht, weil es uns Schaden bringt. Welch’ klägliche Moral also, wenn zwei Drittel dieser Erzähler predigen: ״Ihr Judenmännlein und Judenfräulein, hütet euch vor derMisohehe; denn ihr werdet wenig Freude darin erleben!“ — Naoh soloher Schablone sind ganze Kolonnen jüd. Geschichten ״gedichtet“. — loh stehe nioht an, selbst Werke, die in andrer Hinsicht grosse Vorzüge haben, hierherzurechnen, - wie z. B.: Franzos’ ״JudithTraohtenberg“ und Berg’s ״Mitgiftdoktor“. — Manchen Autoreu scheint denn dooh das kaustlerische Gewissen ob soloher Verflaohung gesohlagen zu haben und sie suohten den Konflikt ihrer Helden in die jüd. Familie selbst zu legen. — Dooh da kommt ein anderer Missstaud: sie erzählen Novellen, die dadurch jüdisoh sein sollen, dass die auftretenden Personen Guduia, lsak, Kohn und Roseufeld heissen. Setzt man dafür die Namen Christine, Georg eto. etc. ein, so könnte die Erzählung mit gleichem Recht in einem evangelisohen Sonntagsblatt stehen. Man mache nur einmal an solchen Produkten die Probe: ״Keine Spur von individuellem Leben 1 Die Personen haben kein jüd. Blut, nur jüd. Namen und allenfalls jüd. Nasen!“ Das Resultat meiner heutigen Ausführungen ist negativ: Meidet das Problem der Misohehe! Es wäre mir sehr angenehm, wenn jüd. Erzähler im ״Litteraturbl.“ zur angeregten Frage Stellung nähmen, loh werde dann in einem späteren Aufsatz darzulegen suchen, welche positiven Forderungen erfüllt werden müssen, wenn die jüd. Erzählungslitteratur eine Zukunft haben 8011. Litteratur bericht. Recensionen. Wünsche, Aug. Prof. Dr. theol. et phil., Midrasch Tehillim eto. (Fortsetzung.) Besprochen von Rabbiner Dr. Cohn- Burgskunstadt. Ps. 7 Nr. 1. Aruoh liest ,בחכמת ט, also nioht j und die, sondern naoh der Wissenschaft eto. In; Nr. 2 Z. 9 u. 11 ist bei zu streichen.! Nr. 6 Z. 12: ״Die Väter haben nichts (kein Ver- | dienst) an mir.“ Es muss heissen: Die Väter haben | kein Guthaben bei mir, ioh sohulde ihnen nichts, aber 1 •ie schulden mir.