Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 7. (10.2.1893)
- Date
- 1893-02-10
- Page
- Seite 26 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 26 einem unwissenschaftlichen und wissenschaftlichen Talmudforscher besteht darin, dass jener als ein in der "Vergangenheit lebender Mann die Tradition als abgeschlossen, dieser als Mann der Gegenwart die Tradition nicht blos als entwicklungsfähig betrachtet, sondern ihre Fortentwicklung auch thatsäch• lieh fördert und trotzdem und alledem in der wirksamstem "Weise vorbereitet. Und das hat Saadia in reichlichem Maasse gethan, indem er durch seine verschiedeneu Arbeiten den Zeitgenossen gezeigt, dass es nicht genügt, den Riesenstotf des Talmuds zu beherrschen, sondern dass es unbedingt notbweudig sei, sich über diesen Riesenstofl zu erheben, um ihn zu beleben und schöpferisch zu gestalten. Saadia hat auch als Dialektiker ausschliesslich der unbestechlichen Logik als des einzig zuverlässigen Senkblei’s sich bedient; darum haben auch alle seine talmudischen Werke ein eigenartiges Gepräge. Seist wenn mau von den bald grösseren, bald kleineren Monographien absieht, die er über das Civilrecht, über das Erbrecht, über Reinheils- und Keuschheitsgesetze, über die Methodologie des Talmuds, über die 13 hermeneutisohen Regeln verfasst hat; wenn man seine unzähligen Responsen**) mit jenen der früheren Gaonen vergleicht, kaun man sich des Eindruckes nicht erwehren, dass ein neuer, heller Tag angebrochen ist. Nicht allein ist vriue Sprache im Gegensätze zu der seiner Vorgänger eine klare und durchsichtige, eine volkstümliche und leichtfassliche, auch die Gliederung des Stoffes ist eine durch und durch organische. Wie Ring an Ring reiht sich ein Gedanke an den andern bis die ganze Kette durch das Schlussurtheil eine in sich geschlossene wird. Und was mit besonderem Nachdruok hervorgehoben werden muss, Saadia ist selbst dort, wo es gilt, aut die an ihn gestellten religiösen Fragen Bescheid zu ertheilen, niemals einseitiger Talmudist. Er steigt, so es ihm nur möglich ist, zur Quelle des Bibelwortes hinab, um die logische Motivirung seines Unheils darauf zu basiren, und den Nachweis zu führen, dass die aus der Tradition emauirende Norm in der hl. Schrift wurzelt und von den Vernunftgesetzen gestützt und getragen wird. Bei aller Kürze, deren er sich befleissigt, behandelt er dooh stets sein Thema recht giündiioh; er wiederholt jedesmal die an ihn gestellte Frage, um dessen sicher zu sein, dass er den Fragesteller nohtig verstanden, und dass dieser ihn nicht missverstehen werde; darum beantwortet er die Frage aussohliesslich in der Spraohe, in welcher sie an ihn gerichtet wurde. Er beleuohtet den Gegenstand naoh allen Seiten, und ohne langathmig zu werden, geht er zuweilen, um das talmudisohe Wissen zu verbreiten, auf die mit der Frage in nebensächlichem Zusammenhang stehenden Punkte näher ein. Andererseits hält er es auch wieder, wo die Rache einfach liegt, für unnöthig, Belege aus dem Talmud anzuführen. Er ist mit einem Wort auoh als Talmudist ein unabhängiger, selbstständiger Denker, darum hat der Strom seiner Talmudfbrschung den Boden Spaniens derart getränkt, dass dort thatsächlich ein klassisches Talmadstudium nicht blos erblühen konnte, sondern erblühen musste. •Schluss folgt.; Weltliche und theologische Studien. Ela Wort Uber die Ausbildung unserer Rabbiner. Von Dr. Alexander Kohut, Rabbiner ln New-York. (Schluss.; Maimonides wurde bei der Abfassung seines weitberühmten ״Moreh“ von denselben Motiven geleitet, **) Vgl. Joel Müller Eiul. in die Kesp. p 158 11'. und wir sind nicht überrascht, ihn in seinen •1״ Einleitenden Bemerkungen" zu höreD, dass der Hauptgegeustaud des ״Führer des Verwirrten“ darin besteht- .Einem frommen Mann, der angeleitet wurde, die Wahrheit unseres heiligen Gesetzes zu glauben, und dessen moralische und religiöse Pflichten erfüllt und zugleich den philosophischen Studien erfolgreichobgelegeo ist, zu erleuchten. Menschliche Vernunft trieb ihn. in seiner Sphäre zu bleiben, und andererseits ist er durch die buchstäbliche Auslegung des Gesetzes beunruhigt, sowie durch die selbstgebildeten oder von ander• erhaltenen Ideen in Verbindung mit jenen zweideutigen, bildlichen entstellten Ausdrücken. Von nun an ist er in Verwirrung uni Angst verteilen. Wüide er einzig von Vernuntt geleitet, und entsagte seinen frühem auf jenen Ausdrücken gegründeten A■- schaumigen, würde er glauben, er habe die Grundgesetze der Lehre verworfen; aber auch wenn er die Ansichten, die von jenen Ausdrücken abgeleitet wurden, beibehalten würde, und wenn er, anstatt seiner Vernuntt •/.u folgen, sich ihrer vollständig entschlafen würde, würde er doch t ׳ihlen, dass seine religiöse Ueberzrugung Abbruch und •Schaden erlitten hat. Er würde dann in solche Zweifel verfallen sein, die Furcht und Angst, steten Kummer und Bestürzung herbeiführen1* *). Und im letzten Bande1’) wo er sioh gegen die Personen wendet, ״die es schwer finden, einen Grund für eines der Gebote anzugebea und es für reoht halten anzunehmen, dass die Gebote und Verbote keinerlei vernunitgemässen Grund haben“, sagt Maimonides: ״Im Gegentheil, der einzige Zweck des Gesetzes ist, uns zu nützen. So erklärten wir die Schrittstelle: ״Denn dass uns nnser Gott immer am Leben erhalte, wie es heutigen Tages ist“. (Deut. *1,24.) Und wieder: ,.Welche hören sollen alle jene Gesetze, um zu sageu, sicherlich, diese grosse Nation ist ein weises und verständiges Volk“. (Ibid, 4,(5.! So sagt er, dass sogar jedes dieser Chukkim, ״Gesetze“ alle Völker von der Weisheit und Einsicht, die es enthält, überzeugt. Doch wenn kein Grund für diese Gesetze gefunden werden könute, wenn si• keinen Vortheil brächten und kein Uebel absc'n&fiten, warum sollte der, der an sie glaubt uad sie befolgt, weise, vernünftig und so vortrefflich sein, um die Bewuaderung aller Völker zm erregen? Doch es ist unzweifelhaft wahr, dass wie wir gesagt haben, jede der sechs hundert dreizehn Vorschriften dazu dient, irgend eine Wahrheit, einzuschärlen, irgend eine irrige Meinung zu entfernen, günstige Verhältnisse in die Gesellschaft einznführen, das Uebel zu verringern, gute Sitten zu pflegen, vor bösen Gewohnheiten zu warnen etc. etc.“ Sogar den Fortschritt der Wissenschaft und Philo- Sophie, seit diese merkwürdigen Worte im 12. Jahrhundert niedergesohrieben wurden, zagegeben; sogar zugegeben, dass mit der Erweiterung des philosophischen Horizontes in sieben Jahrhunderten auoh die Gegenstände und Methoden sioh sehr geändert and andere Richtungen eingesohlagen haben, sind wir nichtsdestoweniger im ganzen dooh sehr von der Denkungsart dieser unserer Religionsphilosophen beeinfiasst und der Abriss ihrer Lehren von Saadia, lbn Gebirol, JehudaHalevy, Maimonides, Gersonides, Albo, Cresoas herab bis zu Mendelssohn, ja bis zu ihrem Deuter, dem sei. Dr. M. Joel, würde ein verdienstliches Werk sein*)—Dooh wozu so weit gehen, wenn nooh nicht einmal die blossen Umrisse, abgesehen von einem Handbuch der jüdiaoheu Theologie von kundiger Hand gezeichnet sind? Natürlich gibt es noch andere Zweige, die der Reihe der theologisohen und weltlichen Studien beizugesellen werden, wie z. B Homiletik, Pädagogik, hebräische Satzlehre und Prosodie. Diese Nebenfächer der Seminarübung sind unerlässlich, und während sie selbstverständliches Erforderniss des modernenRabbinserthums sind, obwohl nicht alle von ihnen gepflegt, nooh weniger von den Gemeinden gesucht werden, bedürfen sie keiner langen Behandlung. Da die mir zugemessene Zeit mir nicht erlaubt, unsern Gegenstand erschöpfend zu behandeln, denn es wäre beinahe unmöglich, alle Zweige der Friedländer Gnide etc. 111. ״) Ibid m 148. *) lat bereits von Dr. M. Eisler in Nicolsburg gründlich und populär zugleich geschrieben worden. Dr. M. G.