Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 6. (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 23 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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23 betrißt, die Kenntniss des byzantinischen Griechisch*) erklärt nioht nur die t&lmndisohen Texte, sondern sie zeigt zugleich die Gewohnheiten, Ideen und Ansohauungen fremder Völker. Der haggadisohe Theil des Talmuds ist eine wahre Vorrathskammer, voll von Edelsteinen vergleichender Ethnologie, Legenden, Sagen und Erzählungen, alle von jenen Nationalitäten hergeholt, mit denen der wandernde Jude in Berährung kam. Eine Uehersetzung, sei sie eine nooh so gründliche, wie z. B die von Wünsche verfasste, ist nur ein ärmlicher Ersatz für den Originaltext; und doch ist diese Entschädigung von geringer Bedeutung im Vergleiche mit der reichen Ernte, die der um biblische Auslegungen sioh interessirende Student aus einer wissenschaftlichen Forschung über talmudisohe Litteratur einsammeln würde. Wir begegnen hier auch den schätzenswerthesten exegetischen Regeln, wie z B.: ,In der ganzen heiligen Schrift kann kein Vers seiner natürlichen, sohlichten Bedeutung entkleidet werden“*), oder: ,die Thora spricht nach Art menschlicher Sprache“7) oder ״dieBibel hat ihre eigene Ausdrucksweise“8) oder ,der biblische Styl ist oft arm, oft reich“9). An solchen und ähnlichen gesunden Grund- Sätzen wird die neue Bibelerklärung eine festere Stütze für ihren Bau finden, als der Treibsand wilder Hypothesen ihr je zum Baue ihrer Luftschlösser bieten konnte. Bevor ich die Musterung der talmudisohen Studien verlasse, möchte ich noch der grossen Wichtigkeit dessen, was von ihnen zu Gunsten jüdischer Geschichte abgeleitet werdea kann, Erwähnung thun. Talmudisohe Urkunden, die unsere Gesohiohte betreffen, sind von ungeheuerem Belang namentlich im Vergleiche mit den Aufzeichnungen desJosephus und anderer Quellen. In der Liste der theologisohen und weltlichen Studien nimmt die Religionsphilosphie eine hohe Stelle ein. In der talmudisohen Zeit wurden die Maasseh Bereschith, nämlich die ״Naturwissenschaft“ und die Maasseh Merkabah ״Metaphysik“ für geheime Studien gehalten und mancherlei Einschränkungen wurden ihrer öffentlichen Auslegung gesetzt.10) Von der Kanzel sie zu künden, wäre eine undankbare Aufgäbe für alle betreffenden Theile, und sie würden sehr den ״dürren Knoohen“ die ioh erwähnt habe, gleiohen. Es ist jedook ein gewaltiger Unterschied zwisohen zu Staub verdorrtem Grübeln und vernunftgemässer Schlussfolgerung und philosophischem Erörtern. R. Simeon ist wegen seiner Vorliebe, für biblische Ausdrücke Gründe zu finden, berühmt"), und die stete Frage ״warum? wasistderGrund?“, der wirfastauf jeder Seite des Talmuds begegnen, ist jedem Anfänger bekannt. (Schluss folgt.) Der Midrasch Haftaroth (מדרש הפטרות). Von Dr. M. Grünwald in Jungbunzlaa. Mit einer grösseren Arbeitüber die Entstehung»• zeit der Haftaroth beschäftigt, fand ich in dem meisterhaften Artikel Rappaports 8. v. אפטרתא p. 170 col. b ל J. Fürst’s letzter lexikographischer Versuch ist nur ein schwacher Erfolg im Vergleich mit der Wichtigkeit der Aulgäbe, obwohl wir auch für geringere Leistungen dankbar sein sollen (Glossarium Graeco-Hebraicum ) (Da erst seit April 1892 Krunzbacher’s Byzantinische Zeitschrift erscheint, konnte J. Fürst nicht mehr leisten.) •)איו מהרא יוצא מידי פשוטו schabb. 63 a. jebam 11 b, 24». ’) דברה תורה כלשון בצי אדם Keth 67 b, Gittin 41b, Kid 17b, B. Mez. 31b, 94b. Synh. 64b. Macc. 12a. Ab. Z. 27a, Keritb 11a. •) התורה דברה כדרכה Jer jebam. vrn, 19 b. _ דברי תורה עניים במקומן ועשירים במהום אחר ל Jer. R. Hasch. 111 58 d. ד l'hag 11b, 13a; Jer. Cbag. II 77a, A. C. V, 209d. den Codex de Rossi 261 erwähnt, der einen den jüd. Gelehrten unbekannten Midrasoh (naoh de Rossi) enthalten sollte und den interessanten Namen מדרש הפטרות führt.1) loh wandte mich nun an den bekannten liebenswürdigen Gelehrten Lemello Dottore Modona, Bibliothekar an der kgl. Bibliothek in Parma, mit der Bitte, die erste Seite dieses Midrasoh mir oopiren zu wollen und erhielt naoh einigen Tagen das Gewünsohte. Der Midrasoh Haftaroth ist, nach den freundliehen Mittheilungen Modona’s, dem ich hierfür öffeat- Hohen Dank sage, auf Velinpapier in Folio geschrieben, jede Seite ist in 3 Columnen von je 32 Zeilen getheilt, die Handschrift stammt aus dem 14. Jahrhundert, ist in deutscher QuadraUchrilt (wie sie bei den Juden Deutschlands üblioh war) geschrieben. Das Manusoript trägt die Signatur 261,2 de Rossi. Die erste Seite nun genügt, ein Unheil über diesen Midrasoh zu fällen u. z. ist er, wie viele seiner Gattung, ein ohristologisoher d. h. mit der unzweideutigen Tendenz geschrieben, das Judenthum zu sohmähen. Sohou der Umstand, dass der Midrasoh Haftaroth mit Jirmijahu beginnt, ist verdäohtig; denn Jirmijahu gilt als Typus Christi, und wird als soloher auoh im falsohen Ben Siraoh (סירא J3) behandelt, weil Beide angeblioh ehelos Sprjpoi0) lebten und Beide Verfolgungen von Seiten ihrer Glaubensgenossen zu erleiden hatten. Der Midrasoh Haftaroth beginnt nuu mit folgenden Worten: דברי ירמיהו בן חלקיהו ר׳ אבא בר כהנא פהח צהלי קולך בת גלים, wo das Wort נדים als., Wellen“ und dann als ״ בת גוליםToohter der Auswanderer“ erklärt wird.*) Es wird ansohliessend an עניות der Ortsname^nirilJ, wo Jirmijahn lebte, gedeutet dass der Prophet Jirmijahu berufen war, Israels Armuth an Tugend und Pfiiohttreue iu deu ergreifendsten Worten zu schildern. Dies! findet man ganz im Sinne des Midrasoh. I Nuu kommt aber eine Stelle, die nioht den geringsten Zweifel übrig lässt, dass sie von einem Christen 1 verfasst wurde! Diese Stelle lautet: את מוצא כל מה שכתוב ״ בישראל לגנאי כתיבברחבלשבח! Du findest,dass Alles was ] au Israel zur Schande, von Kaohab zum Lobe gesagt wird.“ In der Parallelstelle des Jalkut Sohimeoui zum Buche Jirmijahu wird der Name Raohab’s überhaupt i nioht erwähnt. Wenn nun auch die Angabe des Talmud, dass : R&chab die Stamm-Mutter des Propheten Jirmijahu ' gewesen, möglicherweise ohristlioben oder judenohrist-; liehen Ursprungs ist, so ist diese Verherrlichung! Raohab’s auf Kosten Israels ganz entschieden niohtjüdisoheu Ursprungs. Es ist dies uni so zweifeiloser, als Rachab den Typus für die Maria (die Mutter Gottes) abgiebt*). Je dem Buche Polyanthea Maiiana5) werden die zahlreichen Wechselbeziehungen zwischen ftahab und der bl. Maria aufgeführt. Im 2. Baude von Ph. ] Wackeruagel’s Buch: Das deutsche Kirchenlied von! I >) S. Buber bat in seiner tretilicheu Pesikta-Ausgabe iLyck 1868) auf 8. 49 der Einl. die US. erwähut und auch zum Theil beschrieben; Genaueres theilen wir oben nach Molona! authentisch mit; vgl. auch Baber. j J) £prj|X0t klingt nämlich an das Wort lepe|iia; au. (1. 0.! p. 110 b ü.) ') Näheres bei Buber 1. c. p. 110 b. ן ‘) Vgl. Dr. A. Saiger hochinteressante« Werk: Die Sinn-! bilder und die Beiworte Mariens in der deutschen Litteratur I and lateinischen Uymnenpoesie des Mittelalters, p. 28. 1 Polyanthea Mariana. Opera et stadio adm. R. P. ■ Hippolyti Marracii Lacensis, e congregatinne clericorum regularium matris Dei. Coloniae Agrippinae. MDCC.V.