Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 6. (3.2.1893)
- Date
- 1893-02-03
- Page
- Seite 22 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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22 — bett erhalten haben. Freilioh die ganze wissenschaftliche : Thätigkeit des gefeierten Mannes in einer kurzen! Abendstunde zu sohildern, hiesse uiohts Anderes, als | den Oelertrag eines mächtigen Olivenbaumes in eine ׳■ kleine Nussschale hineinpressen wollen, desshalb werde i ioh mich denn auch darauf beschränken, blos die bereits erwähnten vierJjSeiten derselben mit einigen Strichen zu skizziren. Was die Exegese oder die Scbriftauslegung Saadia’8! betrifft, muss in erster Reihe mit Nachdruck hervor- | gehoben werden, dass er die Bibel als den Jungj bnmnen erkannt hat, aus welohem jede kranke Zeit! Qesundung trinken muss. Bei aller Heftigkeit, mit [ welcher er das Karäerthum bekämpfte und bei allem I Uebereifer, mit welohem er den Talmud vertheidigce, und gar Manches, was, wie der coustante Kalender, I erst im Laufe der Zeit entstanden, als sina'itische J Tradition*) ausgab, konnte er sioh doch nicht verj hehlen, dass die Kenntniss der hl.!Schrift unter dem; ־Volke in erschreckenderWeise abgenommen, dass das ' Talmudstudium doch nur in gewissem Sinne Thora- Studium genannt werden dürfe, weil ja trotz des grossen bibl. Citatenschatzes, mit welchem der Talmud seine Adepten ausstattet, der schlichte, einfaohe Wortsinn der hl. Schritt, wenn auch nicht durchgehende so doch vielfach von den rabbinischen Deutungen ganz verdrängt wurde. Darin musste Saadia, im Stillen wenigstens, den Gegnern des Rabbinismus Recht geben, dass sie mit dem ihrem Stifter in den Mund gelegten Wahlspruoh: ״Forschet fleissig in der Schrift“, Ernst gemacht; als derjungeRabbanite auf den Plan trat, hatte das Karäerthum iu gewissem Sinne schon eine exegetische Litteratur gesohaffeu, und doch verstaud es der zur Hälfte uooh im Jünglingsalter stehende ' Mann mit einem einzigen Sohlag den Feiud aut der ganzen Linie zum Weichen zu bringen. Saadia trat mit einer arabischen Uebersetzung zunäohst des Pentateuch hervor; das war eine That, welche nicht blos alle Leistungen derKaräer aufwog, sondern auch die boshafte Verläumdung, dass der Bibeltext durch die Träger der vorgebliohen Tradition verkehrt und i verdreht worden sei, sofort verstummen maohte. j Dooh Saadia liess es nioht bei der Uebersetzung der Thora und des grössten Theils der Propheten nnd Hagiograpben**) bewenden, sondern schrieb auch zu seiner eleganten arabischen Uebersetzung einen aus-; fuhrliohen Commentar, iu welchem er anschaalioh zeigte, dass der einfache Wortsinn und der rabbinische Tiefsinn gar wohl miteinander sich vertragen. Selbstverständlioh hat er sioh niemals die Gelegenheit entgehen lassen, dem sich blähenden Karäismus tüchtige Hiebe zu versetzen und zu zeigen, dass die schriftliche Lehre au vielen Stellen die mündliche voraussetzt; aber er verfolgte doch dabei nooh einen ganz andern Zweck, als blos deu Karäismus ad absurdum zu fuhren; denn ihm war es vor Allem darum zu thun, die heilige Schritt nicht allein dem jüdischen Volke, sondern Aileu, die des Arabischen kundig waren, zugänglich zu machen, und da die arabisohe Sprache damals vom äussersten Westen bis naoh Indien verstanden wurde, veröffentlichte er seineBibelübersetzung mit arabischen Schriftzeichen. Diese auf den Pfeilern der Tradition und der philosophi-chen Weltbetrachtung ruhendeUeber* Setzung sollte aber dem Wahn und der mystisohen Verkehrtheit.welchedieAnthropomorphismen undAnthropopathien von Gott in der Bibel wörtlich nahmen, ein Ende machen. Saadia wollte der Welt zeigen, dass Bibel * Vgl. Schwarz, der jüd. Kalender p. 3ö. **1 Vgl ßappaport, Bikkuns haittim IX p. 33 33 .א. und Tradition die Vernunft auf ihrer Seite haben. Er war unter den Rabbanitea der erste rationalistische Exeget, und wenn wir es auoh nioht in Abrede stellen können, dass er, gleichviel ob bewusst oder unbewusst, zuweilen willkürliche und g ewaltsame Deutungen vorgenommen, wenn wir es auoh gelten lassen müssen, dass er die Sohriftauslegnng in den Dienst des Rabbinismus gestellt, so können wir doch nioht umhin, seine Bibelexegese als eine äusserst verdienstliohe zu bezeichnen, denn er hatte ein für alle Male gezeigt, dass in unserer Bibel Nichts stehen könne und Niohts stehen dürfe, was mit der erhabensten Vorstellung von Gott, als dem reinsten nnd höchsten Geiste, nicht vereinbar ist. Der moderne Rationalismus glaubt, weiss Gott, was zu leisten, wenn er die Schlange im Paradiese oder die Eselin Bileam’s als Metapher hinstellt, und doch hat schon Saadia vor bald 1000 Jahren in der unzweideutigsten Weise es ausgesprochen, dass weder die Schlange nooh die Eselin das Wort ergriffen, dass die Zauberin vou Eu-Dor über den Schatten Samuel’s keine Gewalt gehabt, und dass der Satan im Prolog zum Buche Hiob schou deshalb nur ein Mensch und kein Dämon sein könne, weil der jüd. Gottesbegrifl die Annahme eines Teufels sohleohthin nicht duldet. Besinnt maa sich nun auch nooh darauf, dass der hervorragendste Exeget der ganzen spanischen Epoche, Abr. ibn Esra, von Saadia manche Anregung empfangen, so muss man sagen, dass dessen Bibelexegese ein ebenso klarer wie tiefer Strom gewesen, welcher mit seinen gleiohmassigen Wellen die entlegensten Gefilde bewässert und befruchtet, hat. (Fortsetzung folgt.) Weltliche und theologische Studien. Ein Wort •ber die Ausbildung unserer Babbiner. Von Dr. Alexander Kohut, Rabbiner in New-York. (Fortsetzung und Schluss.) Die Vorarbeiten sind durob die Vorkämpfer Le vy, Kohut, Perles und Jastrow gemacht. Wer soll den Schlusssatz sprecheu? Und die etymologiso he Ableitung fremder Wörter, denen wir auf jeder Zeile im Talmud (und Midrasoh) begegnen, ist verhältnissmassig nioht der wichtigste Theil der talmudisohen Lexikographie. Wie ich im Anhang zum ״Aruoh 00mpletum“ gezeigt, stützen sioh fast alle Erklärungen des Aruch1) auf seiner Vorgänger*) Auslegungen, besonders auf jene des R. Hai, R. Gersom und R. Chananel*) und die frühem Gaonim. In den erklärenden talmudisohen Ausdrücken muss desshalb eine Methode eingehalten werden. Wir können phantastische Ableitungen nicht brauohen. Sie müssen im Gegentheil mit der von den Gaonim überlieferten Ansicht übereinstimmen, die eher im Stande waren, die Bedeutung talmudisoher Ausdrücke zu kennen, obwohl nioht geleugnet werden kann, dass auch ihnen einige fremde Wörter oft unverständlich waren. R. Zernach Gaon (drei hundert Jahre naohjBeendiguug des Talmuds) hat es sohon für nothwendig erachtet eiueu Aruoh, den ersten seiner Art, zusammeuzutragen, dessen disjeota membra ioh der Vergessenheit entrissen habe.4) Eine gründliche Kenntniss der semitischen und; classischen Sprachen und, was die spätem Midrasohizn 1J Kobut Ar. Comp. 1. p. Xfl. *> Kohut sappiem. zu Ac. c. viu (נרות המערכה). *) Ar. C. I p XII Einleitung. *) Jbid. p. XVI fl.