Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 4. (20.1.1893)
- Date
- 1893-01-20
- Page
- Seite 14 (sequence 2)
- Language
- German
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u In Zeile S von unten heisst es: ״im Talmud wird der Grundsatz aufgestellt und von allen Gesetzeslehrern einmüthig zum Gesetz erhoben: ״Das Staatsgesetz hat im staatsbürgerlichen Leben verbindliche Kraft“ (ד־נא דמלבותא דינא) Das ist etwas unklar. Giebt es doch in den jüdischen Ehegesetzen eine Menge Bestimmungen, welche die Eheschliessung mit Personen verbieten, die das Staatsgesetz ausdrücklich erlaubt, so z. B. die Verheirathung mit der Schwägerin, Bruderfrau, die Kinder hat. S. 4—5 wird aufgestellt, dass der Schulchan Aruch nicht an sich normativ sei, sondern sein Correctiv durch das Zurückgehen auf die Quellen erhält. Denken wirklich80 die ״gesetzestreuen“Rabbiner? Wenn Jemand aus Sätzen des Talmud das Gegentheil von den Gesetzen des Schulchan Aruch herausbrächte, würden dadurch die Bestimmungen des Sohulchan Aruchs abrogirt. werden? Das wäre ja eine Handhabe für dieBegründung der Reform des Judenthums, wie dieselbe durch Samuel H o l d h e i m u. A. in der That aufgestellt wurde. Und dies haben die Koryphäen unserer Orthodoxie unterschrieben. Man traut seinen Augen nicht. Doch: תורה היא וללמוד אנו צריכין ״Wissenschaft ist’s, und wir möchten wissenschaftlich widerlegt sein.“ Dr. J. Hamburger, Landesrabbiner in Strebt z!Mecklb.) Jüdische Stoffe in der modernen Dichtung. Von Dr. phil. Ludwig J a cob nwsk i-Berlin. II. Don Alv&ro de Niebla. In meinem ersten Essay*) erwähnte ich den Erzbischof, Don Alvaro von Niebla; der im Jahre 1391 durch seine Predigten in Sevilla die erste allgemeine und fürchterlichste Judenverfolgung Spaniens inaugurirte. Durch ihn aufgehetzt überfiel der spanische Pöbel von Gerona, Barzelona, Asrelona, Cordova und anderer Städte die Juden und tötete sie bis aut einen kleinen Rest, der nach Nordafrika flüchtete. Sogar bis nach den Balearischeu Inseln reichte der Wirkuugskreis dieses grössten spanischen Judenhassers und Juden Würgers. ln einer Dichtung Richard Dehrn ei’8 (in ״Erlösungen“ 1891 Stuttgart, G. J. Göschen) forscht der Dichter nach der Ursache des Hasses dieses spanischen Erzbischofee. Als echter Pcet genügt ihm die Antwort nicht, welche die landläufige Geschichtsbetrachtung dafür giebt. Nicht religiöse Motive hat der Judenhass Don Alvaro’» bei Dehmel, sondern als Psychologe vertieft er das Motiv durch seine dichterische Erfindung, durch eine ergreilende Fabel, die er in leichtem spanischen Trochäeurythmus vorträgt, und die^in den Verfasser einen echten Poeten erkennen lässt, dessen intime dichterische Begabung nur noch etwas Sprödes und Brüchiges aufweist. ln Sevilla lebte im Jahre 1390 ein reicher Jude, Ben Manasse, der Reichste der Stadt und der Mäohtigste der jüdischen Gemeinde. Wohl zeigten sich hie und da schon Spuren judenfeindlicher Gesinnungen bei der Bevölkerung Sevilla’s, aber der reiche Ben Manasse und seine Glaubenstreue war ihnen ein Schutz vor der Pöbelmasse, ja sogar vor den Fürsten. Waren doch die Juden Spaniens im Mittelalter diejenigen, die durch ihren Handel und Gewerbefleiss __ einen *) In Nr. 40 das jiid. Litteraturblatte». Jahrg. 1891. | grossen Tbeil aller Staatseinnahmen ׳sicherten und 1 sehr oft die höchsen Finanzstellen einnahmen und zur grössten Zufriedenheit der Fürsten verwalteten. Ich erinnere beispielsweise an Don Joseph, der unter Alphons XI. Finanzminister war, seiner Stelle verlustig ging in Folge falscher Beschuldigungen, bis ihn endlich Alphons XI. wieder zurückberief (s. J. Bedarride, Les Juits en France, en Italie et Espagne, Paris 1859. P. 209.) Ben Manasse hatte eine Tochter, nach der Braut des Hohenliedes ״Sulamith“ geheissen, deren wunderbare! Schönheit von keiner Spanierin übertroffen wurde. ) Wohl warben viele jüdische Jünglinge um sie, aber | alle Bewerbungen wies sie ab, denn ihr Herz gehörte i bereits einem spanischen christlichen Ritter, Don | Alvaro de Niebla. Und auch dieser liebte sie mit der! ganzen Gluth seines Herzens, aber ihre Liebe musste; geheim bleiben, denn der reiche Ben Manasse hasste | die Christen mit dem Fanatismus eines Lebens und ׳ einer, Religion, die entsetzliche Qualen erduldet, uud i auch der stolze spauis che Ritter veraobtete das Jaden-; volk. In diesem rein tragischen Konflikt lebt die 1 junge Jüdin dahiu, bis der Ritter sie drängte, heim-! lieh Christin zu werden.! Und weil sie so sehr ihn liebte, i und weil er so sehr sie drängte, nahm sie heimlich seinen Glauben; — ן Und nun hiess sie Margarita. j Immer stärker wurden die Stimmen derjenigen Sevilla’s, die die Juden ausrotten oder aus dem Lande treiben wollten, aber die spanischen Fürsten schwiegen zu den Aufreizungen des Volkes, ohne ihnen Folge zu leisten, denn sie fürchteten den finanziellen Verlust Ben Manasse’». Dieser kannte die Stimmung des spanischen Volkes, den Hass der Iriester gegen ihn, und da er ahnte, dass einmal der Fanatismus des Volkes zum Ausbruch drängen würde, so wollte er sein einziges Kind geborgen wissen. Sulamith, mein schutzlos Täubchen, willst du einen Mann nicht wählen, aus den Söhnen deines Stamues. | Aber angstvoll, des christlichen Geliebten eingedenk, weist sie seine Bitte ab, denn sie bedürfe keines Schutzes, wenn er, ihr Vater, lebe. Aber dieser j mahnt sie an seiu Alter. Sein Ende sei nahe und er hofle, dass sie dem Gott der Väter treu bleiben werde. Auf sein Drängen muss sie mit bangem Herzen den Schwur leisten, dem Glauben, den sie hat, treu! zu sein. ׳ In ihrer Seele kämpft sie fürchterliche Kämpfe j aus. Einmal will sie den Geliebten bitten, mit ihr I frei vor den Vater hiuzutreten, aber vor seinem Stolze | bangt sie zurück; dann will sie dem Vater alles sagen,! aber sie f ürohtet sich vor seinem weisseu Haar. Und 1 so durchweinte sie die Nächte in dem herben Konflikt | zweier Neigungen, während sie am Tage lächelte und j lächelte . . .; Eines Tages, als Sulamith und Alvaro am Guadal-! quivir lustwandelten, bat er sie, seine Gattin zu weraen. Aber so sehr er auoh in sie drang, dass sie ihm zum Altar folgen sollte, 80 sehr wideistand sie seine■ Bitten, tapfer, unter Thräuen. ״Lass uns warten, heimlich, bis er, bis . . .“ uud damit verstummt sie. Sag’s nur! bis er tot, der Jude!׳־ schrie er ihr zu und liess sie allein. . . . Eine kurze Zeit verstrich. Da drang die Pest in die blühende Stadt Sevilla und schonte nickt Reich nooh Arm, nicht Jung noch Alt. Ein grosses Entsetzen lag brütend auf der Stadt, als der Tod seinen Einzug hielt. La flog das alte Gerücht auf,