Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 22 (1893)
- Issue
- N° 1. (1.1.1893)
- Date
- 1893-01-01
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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vergleiche«, müssen wir anbedingt dem Talmud zustimmen, der zur Arbeit und zum Genüsse anspornt, die Lebet sfreudigkeit und demzufolge das Schaffen erhöht und die Schönheit der Welt voll und ganz zu würdigen ver«uht. ln dieser Affassung spiegelt sich auch die des ganzeu jüdischen Volkes wieder. Diese Auffassung ist es auch, die das jüdische Volk vor unfruchtbarer Kopfhängerei und düsterem Fanatismus bewahrt uud ihm stets neue Lebenskraft eingehaucht hat. Der Talmud hat ihm seine Wege gezeichnet, auf denen es wandeln 8011. — Wieu. F. Jo 11 es. Weltliche und theologische Studien. Ein Wort über die Ausbildung unserer Rabbluer Ton Dr. Alexander FCohut, Ilabbiner in New York.'/ Wenn Mohamed die Juden ״das Volk des Buches“ (Ahl al-Kitäb)') nannte, wollte er sie nicht als geistig allen Völkern überlegen bezeichnen Er anerkannte in ihnen bloss die Besitzer des Buohes, jener Quelle, von der der Koran abstammte. Wir aber sind für jene glückliche Bezeichnung dankbar. Sie spriokt beredter denn Büoher. Poesie und Wirklichkeit umfassen da einander in diesem passenden Ausdruck, der die Israeliten treffend als ein Ganzes bezeichnet, dessen unauslöschliches Merkmal identisch ist mit dem Bang zum Studium. Es ist zwar nicht mein« Entdeckung, doch immerhin merkwürdig, dass sowohl der Ausdruck ״Religion“ als auch ״religiöses Individuum“ weder im biblischea noch im nachbiblisohen Wörterbuch sich vorfindet; zugleich ist es interessant zu bemerken, dass dasselbe mit dem Ausdruck ״Glaube“ der Fall ist; denn die Bezeichnung ״Emunah“ in H&bakuk (11,4) ist keineswegs eiu Aequivaleut für ״Glaube“ in dessen eigentlicher Bedeutung, durch das er spater ersetzt wurde, ebenso die Bezeichnungen ״Treue, Redlichkeit“, die abermals mit ״Emeth“, ״Wahrheit“ sinnverwandt sind Dem gläubigen Sinne der biblischen Zeit war ״Keligion“ gleich ״Gottes- •rkenntniss“ und ein ״religiöser Mann“ war derjenige, der Gott und seine Wege zu hegreifeu sich bestrebte. Dieser Auffassung entsprechend wird diese Verkörperung von Religiou und Glaube, \on der Kenntniss Gottes und der in ihm ruhenden Treue ״Thora“ genannt, d. i. ״Lernen, Studium.“ Die Sammlung der traditionellen Vorschriften, die entweder mündlich überliefert oder (später) schriftlichen Zeugnissen anvertraut wurden, führeu den Namen ״Jiischneh“, welches wieder um ״Lernen und Lehren“ bedeutet. ״Midrasch“ (d. i. halachische und haggadische Auslegung des Gesetzes) bezeichnet ebenfalls ״Untersuchung, Forschung, Studium“. Die erste Sammelstätte des mündlichen Gesetzes, allgemeiner unter der neuheoraischen Be־ net.nung״Taitnud“ (aramäisoh Gemara) bekannt, enthält ebenfalls die Idee des Lernens und Studireus. Demgemäss werden die Autoren ״Soferim“ Schreiber, ,״Tannaim“Lebrer, ״ Amcrai1n“Prediger, ״Sabnräiin“ Forscher, duroit Rede uud Gegenrede den Gegenstand Erschöpfende, genannt. Es ist demnach augenfällig, dass die Grundidee sowohl des schriftlichen als auch traditioi eilen (mündlichen) Gesetzes das Lernen, Lehren, Studiren, Forsohen ist. Die Maxime: Credo quii absurduui konnte nicht auf einein Boden gedeihen, wo soharisiniiige Beobachtung und gründliches Forsohen *) Aus dem Englischen übersetzt, von S. Glaser in Juug- Inumlau, mit Anmerkungen versehet! von I)r. M G lüuwald. Jv.1n> XXIX 15. 4!i. vorzüglich gepflegt wurden und die Nothwendigkeit; intellectueller Bedürfnisse besonders nachdrücklich! empfunden wurde. Die Wurzel ״ ידעwissen“ mit ihren ן Ableitungen kommt beinahe tausendmal in den vier- I undzwanzig Büchern der heiligen Schritt vor. Eine! dieser Ableitungen ist das Adverb ״ כדועwarum“. Eben dies beweist entschieden die Forschuugskraft des jüdischen Geistes, welcher in die unergründlichen i Geheimnisse der Dinge eindringend, bereit ist, ihre Tiefen zu erforschen, zu sondern, zu durchdringeu ( und zu messen. Es ist dies tragende מדוע, womit ן Moses dem heiligen Boden sich näherte, um den Gott 1 der Offenbarung’) zu verstehen. Wie die Flammen des Dornbusches, so brannte in Moses Seele das ״warum, wesshalb und wie“. Seine Absicht war nicht der Zweifel, sondern das Wissen. Der Penta- ' teueh beginnt mit der Erzählung vom ״Baume des Lebens“ und endet passend mit 'אשר ה( Gott I kennen lernen und umgekehrt, von Ihm gekannt | sein.*; Auch David hinterliess sterbend die erhabene i Lehre: ״Verstehe den Gott deiner Väter — dann wirst . Du Ihm dienen.“ ״Mioh zu verstehen udJ kennen zu ן lernen “9) war der luhalt aller prophetischen Mahnungen, I und umgekehrt, ״sie haben aulgehört mich zu kennen“*) | war der leidenschaftliche Klageruf, der aas der Tiefe 1 solcher trauernden, von göttlicher Begeisterung eri füllten Seelen widerhallte. Es ist richtig, dass die I Nation, solange sie in ihrem eigenen Lande von Segen j aller Art umgeben war, nioht immer den propbe- : tischen Ermalmnugen Gehör schenkte. Aber in das! Gebiet ihrer Feinde versetzt, inmitten von Elend und Noth, gerade wie es Moses mit richtiger Voraussicht : geweissagt, ״suchten sie den Gott ihrer Väter“. Gleich : ihrem Vorfahr Abraham, der Nimrods Feueroten an- I versehrt entkam, durchschritten sie den Glühofen der Leiden, dem sie im Exil ausgesetzt waren, und kamen! ganz verjüngt hervor. Es war wieder Moses Zauber- : stab, das Gesetz, welches bei den Bewohnern des heiligen Bodens das Wunder der Neubelebung hervor-; brachte. Esra ״der eitrige Sohreiber“, der erste der! Soferim, war der zweite Moses’), indem er die Gesetze : Moses gleichsam zum zweitenmal gab. Die ״grosse Syna- | goge“, bestehend aus Priestern, Propheten, Aeltesten 1 und Jüugeru'), entsprechend der mosaisohen Einsetzuug der siebzig (resp. einundsiebzig) Aeltesten in Israel, bildete die grosse gesetzgebende Körperschaft. Diese richterliche Körperschaft in Verbindung mit den Repräsentanten der folgenden Jahrhunderte, bis zur Beendigung des Talmuds, was beinahe ein Jahr- I tausend umfasst, formten den Judaismus. Wir mögen 1 seine Formen umbilden und umgiessen, das Wesent-! liehe kann uud darf nicht geändert werden. Die geschickten Aufbauer der Mischnah und des Talmud, — wie seine Jünger treffend bezeichnet werden — haben auf uud um das Grund werk des Mosaismus ein Gerüste erbaut, das sich fest genug bewährte, um den Stürmen von vierzehn Jahrhunderten zu trotzen, und fhiitig genug scheiul, um eben so vielen künftigen I Jahrhunderten Stand zu kalten. Und wisset ihr, was , die eigentliche Basis dieser Feste ist? Es ist niohts : anderes als das Studium der Thora, welches das >) Exod. Ui 3.! *) Nachmauides au Deut. XXXIV. 10 : *) I. Ohrou. XXVIII.9. 1 *) Jerem. IX, 23.; *) Ibidem 5 (,Cf. Dr. Kobat’s ״Haggadic Elements in Arabic; Legende“ im Independent, Jan. 15, 1301, Cap. III § 1 und 2, auch Genesis Eabba Cap. XVII.) ’) Synh. 22a; jer. Meg. 1, 1 Ib; jer Sot. VII 2 Ic: ct. '׳ Kuhut Arukb Completum I :125 a. Beraob. •‘13a; Meg. 17 b; Frankels Mscl! IV 302.