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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1893-01-01 · N° 1. (1.1.1893) · p. [Seite]

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
22 (1893)
Issue
N° 1. (1.1.1893)
Date
1893-01-01
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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M 1. Jüdisehes Jahtg. XXII. Litteratur-Blatt. In Beleucht»* aller Jilnthn nl Jalta hetrcffeaden lltttrarlachea Er* eeheU»*em aaf de. Gebiet* der Philo* Mfki*. Oeeehlelite, Ethaofraphle, Theolefflt, Orleatelle, Exegeee, Ho.iletlk, Lltarflk a. PidafOglk. Harausgegeben Rabbiner Dr. Moritz Rabnier, Biekar dar eleeehligieee Littuatar, weicht der Ktdaetloa aageaaadt werden, Bade, la dltaeaa Blatte elageheede Bce»reehw*. Bel Elaeeadaag rea a w e I Keeeaileae- Eaeaiplaraa erfelgt elaatallge karit Brätle •IaaerUaa. 3eWt^, 3en 1. aJamiat- 1893. Das ,^I0dlsche Litteralnr-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis hei allen Buchhandlungem in Le ipzig bei Bobert Friese pro Jahrgang 8 Hark. Abonnenten der „Israelitischen Wochensohrift“ di e vierteljäh'lieh bei allen Postans'alten und Buchhandlungen 8 Hark zahlen, erhalten das „Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. I nserate ‘werden mit tt PL für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 80 Hark, berechnet und sind an die Expedition die m Blattes zn senden. Buchhändler u. Lehrer, welche direot oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalte Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Der Talmud und Byiun. Von F. Jolles. — Weltliche und theologische Studien. Von Dr. Alexander Kohut. Litterat'urbericht: Receusiou: Rawicz, Dr. A. Der Traktat Saohedrin. — Wald hausen, Dr. li. Jüdisches Erwerbsleben. — Freimann, Dr. Jacob. Deo öregorius Abelfarag, gen. Bar. Hebräus, Scholien zu Daniel. Nachtrag. — Li t terari sehe Anzeigen. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet Der Talmud und Byron. Eine Lebensbetrachtung zum Jahreswechsel. „Genlesse schnell, iss schnell und trinke hchsell, denn die Welt, welche wir verlassen, ist wie eine Hochzeit!“ (Talmud, Grübln 64, 8. 1.) „Das Leben ist nur ein Rausch; aber der Katzenjammer stellt sieh stets als Nuchwehe ein!“ Byron. Die Flüchtigkeit des menschlichen Lebens und seiner Qenüsse, die Vergänglichkeit aller Dinge, die an dasselbe geknüpft sind, das räthselhafte Ende desselben, diese Oedanken sind es, die von jeher des Menschen Geist gefesselt und ihn zu Vergleichen mit schnell dahinfliessenden Momenten innerhalb des Lebens selbst angeregt haben. So nennt der Talmud das Leben eine Hoohzeit, der Weltschmerzdiohter Byron einen Rausch. Dort ist es einem freudigen Momente des menschlichen Lebens, hier einem Momente der sinnlosen Betäubung verglichen, der dem Trunkenen allerlei freudige und schreckliche Bilder vortäuscht. Optimismus und Pessimismus stehen sich hier schroff gegenüber. „Die Welt ist wie eine Hochzeit“, sprioht der Talmud, denn es vergeht so rasch als diese. Frohe Momente in unserem Erdenwallen scheinen uns stets mit rasender Schnelligkeit dahin zufliegen und lasseu lassen in uns die angenehmsten Erinnerungen, Vorstellungen undQedanken zurück, sie erwecken in uns die Sehnsucht, das Verlangen, des glücklichen, frohen Momentes noch einmal gemessen zu dürfen. Ein solcher freudiger Moment, getragen von dem tiefen Ernste de« bedeutungsvollen Schrittes, der zwei Menschenherzen verbindet zu Freud und Leid, ist die üoohzeit. Ernst und Freude vereinigen sich in diesem Momente und verleihen dem Feste die würdige Weihe. Die eisobienenen Gäste nehmen alle Theil an diesem freudigen Ereiguiss, jeder in anderer Weise, jeder in anderem Maasse, der eiLe mehr, der andere minder; dooh alle verlassen das Fest freudig im Bewusstsein, frohe Stundeu genossen zu haben. Von diesem Gesichtspunkte stellt der Talmud das Laben der Hochzeit als Bild und Gegenbild gegenüber. Emst, Kampf, Noth, Freude und Glüok durohziehen das menschliche Dasein; kein Meusoh kann sioh des einen oder andern vollständig entschlagen; kein Mensch ist so unglüokliob, so elend, dass seine Erinnerungen ihm nicht glückliche Momente in seinem Leben entrollen würden. Wohl keinen gibt es, der beim Scheiden aus diesem — beim Verlassen der Hoohzeit. — nach einem glücklichen Momente vergebliob forschte! Nicht einen, sondern zahlreiche Momente des Glückes, dar Freude hat ihm das Leben trotz seines Ernstes und der Stürme geboten, die wie leuchtende Gestirne am dunklen Firmamente seinen Lebenspfad erhellt haben. Rasch sind sie hingeflossen wie eine Hoohzeit, allzurasch die Tage des Glückes, die Tage des Lebens, als dass er in dieser Spanne Zeit alles, was ihm hätte Freude bereiten können, gemessen konnte. Allzu oft traf ihn die Schuld allein, drum „Iss schnell und trinke schnell!“ Die Zeit ist kurz, sie lässt sich nicht wieder zuriiokbringen. Geniesse, solange es Zeit ist, versage Dir nichts, was Dich erfreuen, was Dir nützen könnte! Von diesem Standpunkte sehen wir den Talmud das menschliche Leben auflassen, uioht als Jammerthal, nicht bestimmt zur quälenden Vorbereitung für die Aufnahme in den Himmel. Er ist eiu Feind der Kopfhängerei, der Bussübungen und des Asketismus. Arbeiten und Geniessen ist seine Devise! Wie grundverschieden ist Byron’s Auffassung! Das Leben ist ihm ein Rausch, ein bewusstloser Zustand, in dem Freude und Schmerz den Menschen zum Spielball ihrer Launen machen. Das Scheiden aus diesem Leben vergleicht er mit dem Erwachen aus diesem Zustande und seinen Folgen, dem — Katzenjammer! Wüst und schwer ist der Kopf, die Bilder der Freude und des Sohmerzes, die die erregte Phantasie vorgegaukelt, erkennt der Erwaoheuie als leere Phantome; Ekel ergreift ihn vor diesem Rausche, er preist sein Erwaohen. Ebenso schnell wie der Rausch verpfliegt unser Leben und dem aus demselben Scheidenden erzeugt die Rückschau nur widrige Gefühle. All unser Streben, all unsre Glückseligkeit waren nur eitel Hirngespinste; vergeblich ist unser Müh'n und Thun gewesen. Eine weite Oede ist das Leben gewesen, eine Wüste, in der nur die fäta morgana mit ihrem glänzenden Trugbildern unser Auge getäuscht. So Byron. Wenn wir nun diese Auffässuingen miteinander

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