Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 52. (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- Seite 203 (sequence 3)
- Language
- German
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— 208 — ihre Heimath wäre. Eine der schlimmsten Ein• echränkungeu, welche sie zu ertragen haben, ist der Zwang, in übervölkerten, verpesteten Mellahs (Juden• vierteln) wohnen zu müssen. Einige der Pforten, welche in früheren Zeiten unter fremder Herrsohaft standen, haben sich ihnen uud den Europäern ganz oder theilweise wieder geöffnet, aber im Allgemeinen bat das alte Regiment noch seine Kraft. Sogar im Atlasgebirge, wo der Sohn Israels unter den Berbern j eiue mehr seinen Nachbarn ähnliche Lebensweise führt, j lebt er mit den Seinigen in einem abgeschlossenen! Bezirke In grossem Städten indesseu machen sioh 1 die Uebelstände, welche ein beschränkter Aufenthalts-; ort im Gefolge hat, am meisten bemerkbar. Diese Uebelstände sind um so mehr zu beklagen, als der; Abschliessungszwang an sich, denn letzterer hat ' manchmal den Abgesperrten zum Schutz gedient. Trotz aller von verschiedenen Seiten fortgesetzten! Anstrengungen, die Mellahs zu erweitern, bleiben diese j wie sie waren. Daher sollte jeder Europäer, welchem Israels Wohl am Herzen liegt, diesem Zustande seine Aufmerksamkeit zuweuden und durch seiuen Eiufluss . demselben abzuhelfen suchen. Hören wir einen Herrn, der dem Mellah in Mogador einen Besuoh abget stattet hat, um über seine Wahrnehmaugen unpar• teiisch berichten zu können. Er sagt: f ״ln einem grossen verfallenen Hause waren un• gefäbr 40 Familien zusammengepfercht. In einem Zimmer, 12 Fuss lang und 9 Fuss breit, wohnten 3 Familien, Vater uud Mutter nebst 2 verheiratheten Töchtern, deren Männern und Kindern; die einzige Oefinung, dem Lichte und der Luft Eingang zu verschaffen, war die Thür. Wenn diese zu Privatzwecken geschlossen war, so waren Licht und Luft und wie; es scheint, auoh jeder Hoffnungsstrahl abgeschlossen. ■ Für dieses Zimmer mussten die Miether dem jiidi- I sehen Eigenthümer, dessen Herz, wenu er überhaupt j eines hatte, so hart wie der untere Mühlstein gewesen sein muss, eine hohe Miethe zahlen. In einem Looh unter der Treppe wohnte eiu Mann nebst Frau und Kind. Dieses Loch war angefähr 4 Fuss breit und kann 8 Fuss laug gewesen sein, jedoch gestatteten kaum 4 Fuss desselben Jemandem, darin aufrecht zu stehen. Für dieses erbärmliche Looh wurden monatlieh 2 Pesetas (1,60 Mk.) Miethe bezahlt. Nahe neben! der Thür zu demselben war eine andere, welche, wenn sie offen stand, nicht so viel Licht hineiufallen liess, dass man in den Raum hiueinsehen kouute. Wenn man ein Zündhölzchen ansteckte, so konnte man einen blassen, erbärmlich aussehendeu alten Manu aut einer Matte liegen sehen. Er war fast blind uud seine Familie war auf Arbeit ausgegaugen. Leberhaupt fanden sioh viele blinde Juden in!len Ecken und Winkeln, die zu nichts weniger als zu Wohuungen für Menschen oder sonstigen lebenden Wesen geeignet waren. Bei Oefinung der Thür eines andern änstern, unterirdischen Raumes wurde mit Hülfe eines Lichtes am Ende desselben eiu Mensch wahrgenommen, der über einem irdenen Topfe mit heisser Kohlenasche m Fieberschauern lag. Bei Oefinung der Thür zu einem andern ähnlichen dunkeln Raume fand man in demselben ausgespauute Seile, auf weio1׳e ganz reine Lappen hingen, die wahrscheinlich hitr trocknen sollten, wahrend sich die Insassen draussen beider Arbeit befanden mul wahrscheinlich iu Diensten eines reichen Juden, der sich iu Purpur uud fe nes Linnen kleidete und jeden Tag ein glänzendes Leben iiihrte, die kärgliche Nahrung zu verdienen suchten, welche uöthig ist, Leib und Seele zusammeuzuhalten und neu Miethzins zu erschwingen tür die erbarmliehe Höhle, in welcher sie Nachts zusamineugekauerl der Ruhe pflegen. In einem andern Raume, welcher auf einen sohmutzigen Hof (Patio) hinansgeht, auf welohen sioh das Wasser eines beschädigten Abzugskanals entleert, lag die einst sohöue Gestalt einer verheiratheten Frau, bedeckt mit Wunden und Geschwüren, auscheinend im letzten Stadium der Kräfteabnahme; ihr Gesioht verrieth noch die einstige Schönheit. Sie war eine der Gottesblamen, die das mensohliohe Elend geknickt hatte. Dieser Raum war ungefähr 9 Fuss lang uud 8 Fuss breit und batte 3 Männer nebst ihren Frauen während der Nacht Obdach zu gewähren. Eines dieser Paare schlief auf einer rauhen ungefähr 4 Fuss breiten Britsohe, das andere unter derselben, so dass noch für den Maua der kranken Frau gerade Platz g'uug übrig war, naoh der schweren Tagesarbeit während der Nacht neben ihr aisrihea zu können. — Ia eiuer andern Behausung auf dem Hofe in der Nähe eines andern beschädigten Abflusskauals, aus welchem der dampfende Koth sickerte, staud eiue arme Frau, welohe mit Brotknetea besohäfoigt war. Diese Wohnungen liegen rund um kleine Hofräume, Patios genannt, reihenweise neben einander und erhalten Luft uud Licht aur von obeu, während die Zimmer wie Schränke um die Oeffuang herumsteheu, uud iu diesen Räumen, rund um eiue offene Senkgrube, fristen ganze Familien, Greise uud Kinder iu ihrem sogenannten Heim ihr trauriges, menschenunwürdiges Dasein. ln einigen dieser elenden Räume sah mau Leute mit der Destillation geistiger Getränke aus den Abfällen von Honigscheiben and aus augefaulten Feigen emsig beschäftigt und beim Oefiaen einer Kellerthür bemerkte mau hinter derselben 2 abgemagerte Kälber, welche sioh vou den Feigen nährten, naobdem der Sprit denselben eutzogen worden war. Arrnuth, Hunger und Schmutz kennzeichneten die gaaze Umgegeud uud an Beweisen für Untugenden fehlte es durchaus nicht. Aach die Rabbiner hatten unter der Arrnuth in demselben Masse zu leideu. Sie erhielten aus dem Armenfond monatlich 8 bis 16 Schilling, wofür sie den ganzen Tag Psalmen singen und Gebete verrichten mussten. Einige Arme beschwerten sioh darüber, dass jene den grössten Theil ihrer Gebete nur für die Reichen sprachen. Wer fillte aber auoh den Armeuseckel und wer versagte oft das karge Gehalt, wenn die Rabbiner den grössten Theil ihrer Gebete nicht für die Reichen verrichteten? Dies zeigt uns sogleich, wie schrecklich uawissend und abergläubisch diese Leute noch sin l. Man sagt auch, dass die Tyrannei ihrer Reichen, welche unter fremdem Schutze stehen, so wie deren herzlose Grausamkeit viel schlimmer seien, als die der Mauren. Dagegen sprach mau mit dankbarer Anerkennung vou der Güte einiger ihrer wohlthätigen Brüder, aber es schieu, dass alle Anstrengungen dieser wenigen guten Männer durch die Machinationen der Uebelgesinnten zu Schanden wurden.“ Obschou ioh nun gestehen muss, dass das im Vorstehenden geschilderte Mellah das einzige von uennenswerthem Umfange in Marokko ist, welches ich nicht betreten habe, so berechtigt doch das, was ioh anderswo gesehen, diese Schilderung als eine typische herzustellen Ueber die Pforten des Mellah zu Maga ior hinaus mochte ich mich nicht wagen. Der Geruch, welcher mir bei meinem Nätiertreten vou dort aus eutgegenströmte, war sogar für Jemanden, der wie ich jahrelang an den Schmitz der Berberei gewöhnt war, zu uuer Täglich. Läge (tiesei Platz 1m Ostend von London, wo Grund und Bo l n fabelhaft theu ■r sind, so konnte mau eine solche Beschränkung in etwas noch entschuldigen, in Marokko aber ist der Bo leu so billig, dass noch