Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 52. (24.12.1891)
- Date
- 1891-12-24
- Page
- Seite 202 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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~ 202 — Erwähnung geschehen durfte. Wir begreifen auf diese Weise, wie es gekommen, dass das Chanuk&fesb nur versteckt die Bedeutung seiner Feier angab und angeben darfte. Es beruht dies nicht auf Vermuthung, die historischen Belege hierfür finden sich in der Geschichte des Herodes nach der Erzählung des Josephus und den Notizen des Talmuds (Graetz, Bi 3). Was unter Herodes üblich war, hatten die Römer Grund, in gleicher Weise beizubehalten. Auch ihnen war daran gelegen, die Erinnerungen der Juden an ihre früheren eigenen Könige und die damit verbun• denen besseren Zeiten nicht autkommeu, und den | Muih zu erneuten Kämpfen behufs der Wiederher- Stellung der früheren politischen und religiösen Selbstständigkeit nicht auf’s neue aufaoheu zu lassen. Am meisten lag hierfür Grund vor nach!lern verunglüokteu Aufstand Bar Kochba’s unter Hadrian. Später wurden hierin die Römer von der griechischen Kirche unterstützt, um so mehr, als an die Stelle des judi- : sehen Chanukafestes das christliche Weihnachtsfest getreten war und treten sollte; das Licht des Judenthuins schien ausgelöscht, das neue Licht des Christenthums war aufgegangen So sind die Feierlichkeiten und Freuden des Chanukafestes iu Vergessenheit gej ratheu, der Art, dass Viele heute glauben, sie haben nie bestanden, und die Erneuerung desselben für eine Nachahmung fremder Sitten, während umgekehrt die bezüglichen fremden Sitten ursprünglich Jüdische waren. Die Bestrebungen der Neuzeit, die!,eierlichkeiten und Freuden des Chanukafestes in alter Herrlichkeit wieder herzustellen, haben wirkliehe Berechtigung, und es verdient Anerkennung, wenn Diejenigen auf ihre Verirruug aufmerksam gemacht werden, welche bewusst oder unbewusst ihr Judenthum vergessend oder verleugnend, antireligiöse Feste bei sich heimisch machen zu dürfen glauben. Dr. Rothschild. Tempelvfeihe,. und *Weihnachten. Von M Silberstein, Breslau. jfr Wie verschiedenen Zeremonien des alten Judenj thums iu das junge Christeuthum verpflanzt worden lind, und im Letzteren nach und nach andere Formen angenommen haben, so dass die Aehnlichkeit 1 zwischen Beiden manchmal fast versohwiudet — wie e. B das Christeuthum die jüdische Tradition: dass die Welt am Neujahrtage erschaffen worden ist, angenommen, und die Weltschöpfüug auf den 1. und I den Geburtstag Christi auf deu 6. Januar, als den Schöpfungstag des ersten Menschen verlegt hat, 1 so ist auch ohue Zweifel das Lichttest — Chanuoa — ' der Juden, welches meisteutheils mit dem Weihnaohts-; feste zusainmeutrilft, von den Erstereu mit iu das Christeuthum hinüber genommen worden. Beide Feste sollen sich nach christlicher Ausleguug auf Chaggai II, 20 beziehen, wo es heisst: ״so schauet au von dem 24. Tag des 9. Monats als : den Tag, au welchem der Tempel des Herrn gegrüudet u. s. w.“ — Bekanntlich hat früher das Jahr naturgeuiasser mit dem Erwachen der Natur, im ן Frühling angefaugtu: bei den Juden 1m Nissan und j bei den Christen im April, demzufolge fällt nach I obiger Weissagung der 21. Tag des 9. Monats aut j den 21 Kisslew, bez. den 21. December. Dass aber I trotzdem der 25. der eigentliche Festtag ist, kommt j daher, weil nach der jiul. Rechnung der vorgeheude i Abend zum lolgeudeu Tage gezählt wird. So fängt : denn am Abend des 24. des obeuaugetührten Monats ' das Lieh! fest an, welches zum Audeukeu an die Siege der Makkabaer uud der Wiederherstellung des Teuipels und des Gottesdienstes gefeiert and ״Chanuoau geaannt wird. Dieses Wort bedeutet Einweihung — Weihe des Tempels, uud von dieser Benennung ist Weihnachten entstanden, welche wiederum nach ohristlicher Idea- oder Symbolisiruug als Einweihung des Tempels der Menschheit in Christo gedacht wurde. Streng genommen ist das jüd. Liohtfest kein eigentlicher Feiertag, aber während des Brennens der Lichter dürfen keine Arbeiten verrichtet werden; jung und alt freut sich uud sucht sich zu amüsirea, es werden Spiele arrangirt und in vielen Gemeinden wird für arme jüdische Kinder eine Bescheeruug veraustaltet. Zehn Wochen später wird ein ähnliches Fest — das Purimfe3t — gefeiert, an welchem nach dem Buch Esther ״einer dem anderau Geschenke maoht. Diese beiden Feste zusammengenommen bilden die Hauptbestandtkeile des Christfestes, mit der Ausnahme des Christbaumes, dessen ideale Bedeutung erst nach und naoh entstanden ist. Anfangs war auch Weihnachten überhaupt kein Fest, und man nimmt an, dass es zuerst im zweiten Jahrhuudert der gewöhnlichen Zsitreohauag in Antioohien dazu erhobeu, im vierteu iu der morgeuläudischen, und erst im fünften Jahrhundert in der abendländischen Kirche gefeiert wurde. An demselben wurdeu Paradiesspiele aufgeführt, iu denen Adam und Eva erschienen, die Schlange uud der Paradiesbaum grün aufgeriohtet waren, woraus hervorging, dass Christus der zweite Adam war und die Schlange die Fruoht des Todes gab. Es ist allerdings schwierig den Zeitpunkt festzusetzen, an welchem der Baum zuerst am Christfeste gebraucht worden ist, aber wir dürfen keineswegs deu Ursprung desselben in der glauzvolien Ersoheinung suchen, iu welcher wir ihn jetzt in den Häusern der Reichen finden, sondern vielmehr in jener kleiuen unscheinbaren Pyramide, wie sie nooh heute iu den Hütten der Armen anzutreifen, welcher dem achtarmigen Leuchte! des jüdischen Lichtfestes nioht so ganz unähnlich ist. Beide, Leuchter und Pyramide, sind in ihrer winzigen Form bestimmt eine kleine Anzahl Lichter aufzuuehmen. Dass aus der bescheidenen Pyramide eia grosser Baum geworden, ist auch uicht so ganz anwahrscheinlich, aber über die Gattuug des Baumes waren die Gelehrten lauge im Streit, uud siud es wohl noch; in jedem Laude gehört sie zu einer andern. In Italien war es der Orangenbaum. Iu der grieohisohau Kirche galt der in der Bibel genannte Feigenbeim dafür; iu der Champagne war es der Weinstock, wenn auch allen der Apfel fehlte. In Deutschland ist es die bescheidene Tauue, die uns zugleich in einen neuen Sagenkreis führt. Die Judenviertel in Marokko. Von J. E. Budgett Meakin. Wenn wir von dem traurigen Zustand der Quartiere lesen, auf welche die Juden versohieJener Länder während des Mittelalters beschränkt waren, so sind wir leicht geneigt, einen derartigen Zustand als ganz der Vergangenheit angehörig zu betrachten. Wir brauchen jedoch nur den Blick nach Marokko, nahe au den Pforten Europa’s, zu wenden, um noch heute zu finden, was mit dem Aergsteu aus der Vergangenheit rivalisireu kann. Die Angehörigen der veraohteten, aber kräftigen Rasse maurischer Uuterthaueu — iu mancherlei Beziehung fast Sklaven — jedoch, abgesehen davon, dass sie Europäer siu.t, habeu sich noch so viel gefallen zu lassen, als wenn Russland