Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 51. (17.12.1891)
- Date
- 1891-12-17
- Page
- Seite 199 (sequence 3)
- Language
- German
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199 — | man, and aaf einen als Zauber geltenden Kultus muss das Blntmärohen auf seineQaelle znrüchgefübrt werden, näm• lioh auf das Abend mahl der ersten ohrist liehen Gemeinden. Im Abendmahl wird (80 dachte man) Christus vom Priester duroh sein priesterliohes Machtwort sozusagen vom Himmel herabgezaubert und von neuem als Opfer für die sündhafte Gemeinde dargebraoht! Duroh das Machtwort des geweihten Priesters werde das Brot und der Wein in ״wirklichen Leib und wirkliches Blut Christi“ in Gestalt einer Transsubstantation verwandelt, das hiess im Munde der Heiden, es wird gezaubert.* **)) Daher besohuldigte die römische Welt die Christen wegen ״Men so he nfr e s 8 er e i und Bluttriuken8.“ Tertullianus (160 bis 230 n. Chr.) widmet den zweiten Theil seines über apologetious adversus gentes der Widerlegung solcher Vorwürfe. Mit Blutzauber rufen die Christen alles Unheil hervor, so glaubte die römisoh-heidnisohe Welt: ״Bi Tiberis ascendit in moenia, si Nilus non asoendit in arva, si ooelum stetit, si terra movet, si fames, si lues, statim.: Christianos ad leonem.“ Als die Börner in Massen Christen wurden, da nahmen sie keineswegs diese Religion sogleich als eine Religion d. h. eine aut den Glauben an einen Gott aufgebaute Ethik, sondern als eine neue Mythologie an. Der Aberglaube bleibt, nur da98 er ein ohristliohes Manteloheu umhängt. Das selbst ״wenigstens dem Namen nach christliche“ Volk kann doch unmöglioh die Christen beschuldigen; da es aber keineswegs gewillt ist, seinen Aberglauben und die Zauberfurcht aufzugeben, so überträgt es diese aut ein anderes Objekt, und dieses findet man in einer anderen den ״alten" Christen an! nächsten stehenden Minderheit, in der jüdisohen Nation. Das Christianos ad leonem verwandelt sich in ein: ״Der Jude wird verb ran nt“. Das Werkchen Gorel’s empfiehlt sioh durch klare und lichtvolle Darstellung, obwohl es von historischen Thatsaohen manche der wichtigsten übersehen hat. Wir können es nur bestens empfehlen. _ H. L. Moderne Uaubritter. Roman von Paul von SzozepAuski. Zwei Bände. Verlag von Karl Reissner. Leipzig 1892. Die hässliche Krankheit unsererer Tage, der Antisemitismns beginnt seine Bacillen in Romanform abzulegeu. Das gegenwärtige Buoh ist ein soloher Baoillus. Es will wohl nicht — jedenfalls kann es moht — den Anspruch erheben, irgend einer Kunstgattuug zugezählt zu werden, obwohl os sich selbst Romaun nennt, da es lediglich den Zweck verfolgt, den sein Inhalt allein verfolgen kann: mit antisemitisoher Unduldsamkeit und Unwahrheit die deutschen Christen gegen die deutschen Juden aufzuhetzen. Natürlich übt sich dieses Gesohäft besser im Rahmen der unverantwortlichen Erfindung, welches sich ״dichterisohe Freiheit“ nennt, als im Rahmen der persönliehen Verleumdung in Tagesblättern, welcher das Sohötieugericht kraitig auf die Finger klopft. Aber eben darum hat die Kritik — und ich beton9 das sehr nachdrücklich, hat grade die von Christen ge- , schriebeue und zu schreibende Kritik — doppelt die i Pfliuht, dem Herrn mit der slawischen Consouanten- ' fülle des Namens und seinen etwaigen Nachfolgern j auf dem Gebiete des antisemitischen ״Romans“ vor I dem Schöfiengerichte der öffentliche Meinung das j Urtheil und die Verurfheiluug rücksichtslos z״ sprechen. Ein ״Roman“ soloheu Iuhalts und soloher *) Hocuspucus, da* bekannte Zauberwort, isi nichts weiter als ein verstümmeltes ״Hoc est corpus (8c. ineuin)“■ Tendenz ist kein Kunstwerk, sondern eine im wüste• 8ten Parteikampf meuohlings gezüokte vergiftete Waffe, deren rechtloser .Gebrauch Denjenigen riohtet, welcher sie an wendet; ihn richtet, grade und haapt• sächlich nach unserer christlichen Lehre. Denn das Gebot unseres Heilandes ״Liebet Euch unter einander“ gilt nicht blos für uns Christen, sondern allen Menschen gegenüber, gleichviel welchen Glaubens, welohen Volksthums sie sein mögen. So hat neben unserm Herrn auch seiu bedeutendster Apostel Paulus gepredigt. Wenn aber unser antisemitischer ״Diohter“ auch von der Verpflichtung entbunden weiden mag, die Juden zu lieben, so trifft doch den Dichter iu noch höherem Grade als selbst den Geschichtsschreiber die Pflicht, gereoht und wahr zu sein Denn ohne das Geleit dieser Gotteskiader wird die dichterische Freiheit zur Frechheit und zum Cyuismus des litterarischeu Gladiatoren, welcher in der unsauberen Arena der Tagesleidensohalten kämpft. Gerechtigkeit und Wahrheit sind unserm Verfasser unbekannte Dinge. Die Juden, welohe er als ״modern Raubritter* vorführt, sind unter allen Umständen verächtliche, niohtswürdige ״schmutzige Juden". Die wirklichen Abkömmlinge der alten ״christlichen “ adligen Raubritter dagegen, welche nicht blos Juden uud Christen gewissenlos betrügen, sondern auoh ihre eigenen Familien mit wahnwitziger Verschwendung und Liederlichkeib an den Bettelstab bringen, oder wenigstens an den ״Rand des Bettelstabes", erhalten von unserm ״Diohter“ allemal noch einen Lorbeerkranz um die Stirn gewunden, auch wenn diese Stirn selhstuiör* dorisch durschschossen wurde! Jedes gesunde, namentlich jedes wahrhaft christliche Gefühl mus■ sich über eine so grobe Verirrung vermeintlichen Kunststrebens empören. Und diesem Hauptfehler des vorliegenden Werkes gegenüber können alle anderen, keineswegs unwichtigen Ausstellungen betreffs der Composition und Darstellungsweise des Verfassers —- die unglaubliche Häufung völlig entbehrlicher Fremd- Wörter, der mehr als oberfläohliohe und gedankenlose Stil, die auf leichtfertigster Unkenntnis beruhende Schmähung der deutschen Gesetzgebung (II, S. 114) mit jenem Mautel der christlichen Liebe bedeckt werden, weloheu der Verfasser nioht unter seine Besitzthümer zahlt. Leipzig. H an s B ln m.*) Liitterarische Notizen. 1. Wenig bekamt und noch weniger erklärt ist das K'ri und K’tib in Ps 24,4 (נפשו i. נפשי)• Wenige Ausgaben verzeichnen es; auch Sachs' Siddur kennt es nicht und nicht einmal im Midrasch schocher tob ist aut dasselbe Bezug genommen. Es muss demnach sehr späten Daturas sein. An genannter Stelle giebt es keinen rechten Sinn uud besonders ist Hirsch' Uebersetzuug hierbei (aeiue Mir entstammte Seelo) gezvtungen. Ohne Zw01 ׳ dürfte also wohl נפשן zu lesen sein. — Zur Erklärung dieses K'ri glaube ich aut 2 Sam. 18,13 hinweisen zu dürfen. Dort giebt jeuer Bote, welcher Joab meldet, dass Absalom an der Terebintbe hinge, auf die Frage, warum er ihn nicht getötet, zur Antwort, der König lmbe dessen Schonung ausdrücklich anbetohlen. Nicht füc alles Uold und Silber würde er solches haben tbun können. Alsdann fährt er fort: ״ או עשיתי כנפשו שמרOder konnte ich gegen seinen (de• Königs) Willen trügerisch handeln: ״V* Nun bot der Schlusssatz: ואתר. תתיצב כנגד. der von Zanz nicht correct wiedorgegeben ist (״da du dich dagegen gestellt hättest): Und du wirst aus der Ferne Zusehen“, dum Gedanken Kaum, .jener Bote wollte sein Leben nicht aufs Spiel setzon, wonach zu übersetzen wäre: ״Oder sollte ich mit Gefahr meines *) Der geehrte Herr Recensent ist ein Sohu des 1848 zu Wien erschossenen Freiheitskämpfers Robert Blum. (Red.) **) Vrgl. dagegen Graetz’krit. Oomuiuut. z.. den Psalmen 8. 233.