Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 46. (12.11.1891)
- Date
- 1891-11-12
- Page
- Seite 179 (sequence 3)
- Language
- German
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£ Grillparzer steht ihr bewuss• antipathisch gegenüber, Walling durchaus sympathisch. Er nimmt zu einer Judenverfolgung seine Zuflucht. An einem jener ScbreekenMage, wo die Juden Toledo’» von den Chrietonschwertem fallen, Hiebt sie ,eine Waise, Kind des Volkes, das die Nazarener hassen“, durch die Strassen vor den Peiuden. Schon fühlt sie ihre Kräfte schwinden, schon erreichen sic ihre Verfolger da erscheint ein Ritter hoch zu Ro>s. Sie witft »ich| um Hilfe weinend, vor ihm nieder. Dieser ihr tutbekannte Ritter war der König. Er nimmt sie, betroffen von der Gewalt ihrer Schönheit., in seinen Schut z. ״Und sie dankt ihn! schaiuerr-uliend Im zerrissneu Kettle!kleide: - — Aber schon am andern Tage Trug sie Purpursamint und Sei lek. Dadurch, dass Rahel sich dem Könige hin״iebt, fallt aut ihren Charakter der lau I läufigen Moral ״״ach ein entschiedener Makel. Dennoch kommt es auf das psychologische ״Warum“ an. Da ist denn die Motivirung bei Walling unvergleichlich reiner, als hei Grillparzer. Die Rahel des letzter•■!! liebt den König mit sinnlicher Glut, sie liebt aber auch Geschmeide, Putz, schöne Kleider. Sie hat deu Kotig Absicl1tli. lt aufgesucht; sie wollte vou ihm hören, dass sie die ״schöne Jüdin“ sei. Wie au ler- Walliug. Hier ist Rahel eine arme Waise. Sie w 11 vom Toie durch einen ihr uubekauuteu Ritter gerötet. Er giebt. der Armen Obdach uud Kleidung. Xuu liebt sie ihn mit der ganzen keuschen Glut, dereu sie faltig ist. Nicht deu König Alfonso liebt sie, sondern i u Geliebleu gleichen Namens. Sprecht war« möglich, .11., er u.ilite, Ihm, dem hol.eu, widerstehen? Spiucht, war*» möglich. :׳.Is er seutzh• Taub sein liei Allouso'.s Kleben':■ * Wohl wei»s sie, was sie gethau, was sie hingegeben. Uud manchmal nahen auch die Gespenster trüber Stunden, wo sie au die Zeit ihrer Unschuld zurückdeukt, wo sie nicht eiu Golges biueide trug, unr das Armulbsgewaud weiblicher Tugeud. Aber das Bewusstsein, nur aus reiner Liebe sich hiugegebeu zu haben, übeilliegt daun iure düstere Stirn hellleuchtend wie Sonnenstrahl aut dunkler Haide. ״Liebe, grenzenlose Liebe, Waren alle meine Kehle, Nicht dein König, dem Geliebten (lab ich Jugend Inn 11ml Seele" A111 auffälligsten ist «1er Unterschied der Todesart Rahel’s bei Grillparzer und Walling. Bo dem er.-teren wird Rahel von deu kas'.iüaui.schen Grossen ermordet; woi.l zurul Altonso eiueu Augeubiick. Aber er erkennt, ■lass er in der Jüdin nur d״n Körper geliebt und versöhnt sich mit seiucr Gemahliu. Wie unvergleichlich edler bei Walliug! Der letzte Tug Kahels bildet den Inbaii des Walling’.-cheii Gedichtcyklus. Alfonso will auf die Jagd gehen, Rahel lieht: ״Wenn l>u gehst, mein Herr und König, 0 verweile nicht zu lange, Jeden Tag, an dom Da lort l>i»t. Wird stell bleichen ineiue Wange." Sie weiss, dass sie als Tochter eiues fremdeu •Stammes, ohne Fiettude, arm und verlassen ist, .lass alle ihr llucheu uud um ihretwillen den König hassen. Eine bange Ahnung überfallt sie. Schon sieht sie, wie er iu seinem Kutschluss waukehuuthig wird. Aber da fall! ihr ein, da.-s er die Jagd leideiischaltlieh liebt, •fass er ihretwegen schon viele Lebensfreuden entbehrt, und ab« echt liel eudes Weib lieht s« ihn nunmehr au, sie zu verla.-sen, auf die Jagd zu gehen. ״Nimm das llioLorn, nimm den r-.nger, Mein liebieter, sieh, ich liebe, Kleb anl Kuieen, weil' nicht langer, Geh, mein Herr und!(••ui,;, ge*!e " Alfonso geht auf die Jagd. Sie bleibt, banger Ahnungen voll, allein im eutlegeueu Schloss zurück. Als ״unter Thränen so uud Lache!•■“ die Naoht h o-einbricht-, wird sie plötzlich ans ihrem dampfen Briiten durch eiu lautes Pochen am Thor autge-clireckt. Auf den Treppen regt sich’s und klirrl’s. Noch ehe sie einen Laut, ausstossen kann, ist sie von einer Schaar kastilianischer Ritter tnngebeu. In der Hand das blanke Schwert ruft ihr ein greiser Ritter zu: ״Dn mns-t sterben!“ Und ihr banges Herz muss hören, dass Alfouso schwach geworden — durch ihren Arm; dass er von den Maurvu bezwungen — durch ihre Liebe; dass er sein Weib verlassen — um ihret• ' willen: ״Sterben musst D11, also schwuren Vou Castilien alle Grossen.* An der Grenze traue der Feiud und der König träume und träume un i träume iu ihren Armen ״von d.-r Liebe Rosenkränzen'* Da erwacht ihr L“l>3nsiustinkt. Sie umklammert deu Thron und fleht um Erbarmen. Nicht dem Könige gehöre ihr Herz, nur dem über alles Geliebten Ihre rührenden Worte, die Macht ihrer siegreicheu Suhöuheit lässt die Schwerter der Ritter nie ler-iukeu. Da regt, sich in ihr das gauze Weib, der ganze Stolz des im Herzen todwuudeu Weibes. Eiue Kraft, die sic bisher nie gefühlt, durchströiut sie. Mit leuchtcndeu Blicken tritt sie in den Kreis der erstauute•! Ritter. Mit 1 einem Ruck reisst sie dem greisen Ritter •las Schwert 1 aus der Haud und erstellt sich. Sie weiss, nur ihr Tod kaun den Geliebte!! erlösen. Da tönt ihr Name bang und klagend durch die Nacht. ״Rahel, Rahel,“ ruft des Königs Stimme auf!lern Hofe, aut der Treppe. Als er in den Saal stürzt, sieht er die Geliebte am Thron liegen. Sterben׳! richtet sie sich empor: ״Keinen Groll, Geliebter, .!oder Streit ist j׳*t*t geschlichtet; Dcun aus I.ielio lur Dich, König, Gab den Tod sich selbst die Schwache, Lebe einzig Deinem Volke Und dem Kw'gen lass die Kachel* Mit diesen ergreifenden Verseu eudigt die schöne Dichtung. Der Tod Rahel'» erscheint hier durchaus ׳ edel uud legt Zeugnis* ab für den reiueu humanen Geist des Dichters. Bei Lope de Vuga uud Grill• ’ parzer wird Ruhe! vou deu Ur>s>eu ermordet, ja bei erstereu wird sie noch 1t1׳ mittelbar vor ihrem Tode Christin. Bei Walling giebt sie sich selbst deu Tod, 1 um dem *panischen Volke!len König wiederzugeben,; eine neue, freilich uuhistorisdie Versio«, die aber den j Vorzug schöner uud wahrer Menschlichkeit hat. Litteniturbericlit. Rectmsioaen. lrrgiinge der Seele. Erzählungen vou W. Herz be rg. Siegmuud Mayer. Trier. IVJl. Der Verfasser zeigt schon iu ■lur Aut schritt, die er seinem Buche giebt, woiauf cs ihm hauptsächlich aukommt. Er will nicht durch die Schilderung frappanter und er.-tauulieher E1eigu1׳se die Thciluahta* wecken, sondern er »t-igt in die Tiefeu des tnoiuchliehen Gemüt hs und zeigt, wie selbst in gatg .־arteten und ,•dien Seelen /,uw-i.eii ״Irrungen“ entstehen, di« dann!len ganzen Mu-elieu au den Rau l des Ab- ״rundes bringen. D-r V-rla-s -r 11:0t es in je ie der Erzählungen irgen 1 *•in phanta-ti-ct1׳.*s Moment hinein• zubringen, dadann •lie Entscheidung herbeifuhrt. Darunter leidet, »o scheint s un-, «du» Feinheit dieser