Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 46. (12.11.1891)
- Date
- 1891-11-12
- Page
- Seite 178 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 88% known words query
- IRI
…/6492408-5990872-5991369--2369-5368998- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
war zum Heile des Vaterlandes und zum Ruhme feiner Glaubensgenossen. Znm Schlüsse wollen wir noch einige biographische Daten mittheilen, indem wir gleichzeitig aut' G. Wolfs ״SelbstbiograpLie“ indem Werke .,Zur Biographie mährischerSchriftsteller“ von 1 •'Elvert und Wurzbach's ״Biographisches Lexikon“ Band ö7 hinweisen. GersouWolt wurde am 27. Juli 1 'ני.2י in Holleschau (Mähren) geboren Seine wolilsitnirteu Eltern gaben ihm eine gute Erziehuug und!■essen ihu der damaligen Sitte gemäss besonders in hehraicis und tnlmudicis gut ausbilden, achteteu aber auch!aranf, dass iht einziger Sohn in denprotauen Wissenschaften ebenfalls Unterricht erhalte. Nachdem Gerson Wolt noch auf den Jeschiwot Pohrlit z 11.Nikolsburg sein hebr. und prof. Wissen vervollftändigte,bezogeralslSjähriger Jüngling die WienerUniversiut 11. war schon damalsgenöthigt, durch Privatunterrieht sich Subsistenzmittelzu beschallen. Ernuterrichtete auch die Kinder des sei. Predigers Mannheimer uud dürfte es einerseits dessen Empfehlungen andrerseits seinen hervorrageudeii'Fähigkeiten auf pädagogischem Gebiete zu verdanken habet:, dass er in verhältuissmäsaig sehr jungen Jahren als Heligiouslehrer der Wiener Jsr.! Cultusgemeinde engagirt wurde, und so, aller materiellen; Sorgen ledig, den Anforderungen seines Amtes und I seinen geschichtlichen Forschungen pflichteifrig mich- : kommen konnte. Ein gütiges Geschick haben aus ihm da» gemacht, was er zum Segen und Heile unserer j Glaubensgenossen noch recht lange bleiben möge:; ein opferwilliger, wohlthäliger Freund der armen isr. j Studenten in Wien, ein erfahrener, practiscber Pädagoge aut dem Gebiete des Religionsunterrichtes und ein | fruchtbarer, geistreiche! Schnftsteller auf dem 1111dankbaren uud zeitraubenden Gebiete der jüdischen Geschichtsfotschuug. Jüdische Stoffe in der modernen Dichtung. Von l)r. pbil. Ludwig Jacobowaki, Berlin. I. Habel von Toledo. Ahasver, der ewige Jude, ist ein Lieblingsstofi der Poesie. Die Vorstellung von der unstet wandernden, ruhelosen, ewig leidenden Gestalt dieses Juden hat etwas Ergreifendes, das wie geschaffen war zur poetischen Um- und Verwerthnug. Der Ahasver unter den Völkern, die Juden, haben in gleicher Weise wie die gespenstische Gestalt des ewigen Wanderers durch ihre Leidensgeschichte Stoff zu vieleu Litteraturwerken geboten. Namentlich bietet die Geschichte der Juden in Spanieu ergreifende Motive dem Dichter dar. Echte Tragik wird zumeist erzielt durch Contrastempfinduugin, durch Coutrastsituationen,durch contrastierende Schicksale. Uud in der That zeigt die Geschichte der spanischen Juden durch die Behandlung, die sie seitens der Mauren uud nachher der Spauier erfuhren, Contra-te von erschütternder Tragik. Erst in gläuzemlcti Stellungen, hochgeachtete und uützreiche Mitglieder des Maureureiches, endigte diese Zeit mit dem grausame!! Edikt des Erzbischots vou Niebla, der 1391 den Pöbel Cordova’s, Barcelona’s u. a. Städte aufhetzte uud damit die Jahrhundertelangen Juden- Verfolgungen mit christlicher Liebe iuaugurirte. Während ein Jude, Cbasdäi b. isak Schaprut (gest. c. 970), Leibarzt des Chaliten Abdurralniian’s 111 war, Samuel ha- Levi, genannt llauagid (״der Fürst“), die Ministerwürde bekleidete, wahrend Alton» VI vou Kastilien jüdische Diplomaten verwandte uud ihre Gleichheit vor dem Gesetz trotz päpstlichen Eiusprttobs erwirkte, (107 's), begautien utit dem Uebcrgewiclit des Christentkutns die Juden Verfolgungen, die alten Anschuldigungen (BrunnenVergiftungen etc.) bis zur allgemeinen ErmorJung and Flucht der Jaden nach Nordafrika (1391). Aas der glücklichen Zeit, die die Jaden iu Kastilien im 9—12 Jahrhuudert verlebten, ist es eine jüdische Gestalt, die iu der neueren deutschen Lyrik eineVerherrlichnng erfahren hat. Ich meine den Liedercyklus ״Rakel von Toledo“ von Günther Walling (In ״Von Lenz zu Herbst“ 2. Au fl. Lpz. W. Friedrich). Wallings Motiv ist dichterisch schon einige Male behaudelt worden, z. B. von Lope de Vega in seinem spanischen Drama ״Las pazss de los Reyes y la Judia di Toledo“ und von Grillparzer in seinem historischen Trauerspi-1 ״Die Jüdin von Toledo“ Historisch beglaubigi ist nur Folgendes an diesem tragischen Stoffe: König Alfons ViiL von Kastilien, der Edle genannt, der mit einer englischen Prinzessin vermählt war, verliebte sich in eine schöne Toledaner Jüdin and vernachlässigte über seine Liebe seina Gemahlin. Er wurde iu der Schlacht bei AUroos (1195) von den Mauren besiegt. Diese Niederlage schoben die Grosseu des Reiches dem unheilvollen Einfluss der Jüdiu Rahel zu uud ermordeten sie im Einverständnis* mit der Königin. Lope de Vega uud Grillparzer differieren ungemein iu der Charakteristik der Jüdin. Die-e trägt in beideu Stücken die Hauptschuld am Rückgang des Reiches. Aber Lope de Vega ist voruriheilstreier als Grillparzer. Es ist der grössere Dichter, der nicht nöthig hat, die Jüdin unsympathisch zu zeichuen, um sie als Hauptschuldige zu kennzeichnen. Er steht auf Seiten der Jüdin. Er schildert eie als edel angelegt. Nur ist er so sehr Spanier und Christ, dass er Rahel vor ihrer Ermorduug selbst um die Tanfe bitten lässt. Bei ihm hat die Jüdin am wenigsten Schuld au dem Niedergang des Reiches, bei Grillparzer ist sie die Hauptschuldige. Bei diesem ist sie ein gefallsüchtige-, siunliches Weil•, das viel Schatten und nur wenig Licht zeigt, von deren todten Körper sich der König entsetzt wegwendet mit der Erkenutniss, er habe nur ihren Leib geliebt. ״Bin böser Zug um Wange, Kinn und Mond. Bin lauernd Btwas in dem Fenerbliek Vergiftete, entstellte ihre äebönhoit Zugleich schien sich ihr Antlitz zu verzerren, Die Arme sieb zu regen, mich zu lassen. Da warf ich ihr ihr Bild nach in die firuft Uud hin nun liier uud aebaudre . , . Günther Walling’* Behandlung des Rahelstotfe* ist edler und reiuer als die Grillparzers. Bei ihm fällt htdles, funkelndes Souneulicht auf die Gestalt des jüdischen Mädchens. Ihr Schicksal ist bei Walling ein unverdientes und erfüllt dtn Leser mit seiner tragischen Rührung. Schon die Art, wie der König sie kennen lernt, uiarkirt den Unterschied zwischen Grillparzer und Walliug. Der köuigliche Garten za Toledo, wo der König zu lustwandeln pflegt (s. Grillparzer(s särnmtl. Werke, Stuttgart 1887, Bl. VIII. S. 143), ist deu Juden verboten. Rahel will den König einmal sehen und wagt sich trotz der Warnungen ihrer Schwester iu den Garten hinein. Knechte verfolgen sie; iu ihrer zum Theil nur gespielten Augst wirft sie sich vor den König hin, seinen Schutz anflehend. Hier zeigt Grillparzer, wie siunlich seine Kabelgestalt gedacht ist, wie siuulich sie wiricea soll. ״Ihre Arme umfassen seine Ftlsse, ihr üppiger Busen wogt an seine Knie gepresst״, »o schildert Grillparzer (Bi. XII1. S. lö) die Gestalt der Rah••! m! Trauerspiel de< Lope de Vega und gleichzeitig auch seine Auffassung vou der ersten!!.'!״.:inlsidialt des Königs mit Rahel.