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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1891-09-03 · N° 36. (3.9.1891) · p. Seite 140

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
20 (1891)
Issue
N° 36. (3.9.1891)
Date
1891-09-03
Page
Seite 140 (sequence 2)
Language
German
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HO — grosse Feld, welches seine begeisterten Propheten für die Menschheit bearbeiteten. Und diese grossen Philanthropen haben nicht umsonst gearbeitet, denn ihre kernige Moral machte die Runde durch die ganze civilisirte Welt. Erheben sich nicht überall, wohin die monotheistischen Religionen gedrungen sind, Paläste Gottes, — Spitäler, — Waisenhäuser, — Armen• häuser, — Versorgungshäuser u. s. w.? Hatte das heidnische Alterthum dergleichen Institutionen des Menschheitscultus aufzuweisen? Wir begreifen uicht, warum der kluge Engländer sich scheut, dem Menschheitsdienste den Namen Religion zu geben. Wahrscheinlich missfallen ihm die Mittel, mit welchen manche Religionen ihre Existenz sich erkämpft haben. Wer aber historischen Sinn besitzt und den rouservativen Charakter des Menschen in religiöser und gesellseltHt’ilicher Beziehung kennt, wird es manchem Religiousstifter verzeihen, wenn er in der Noth zu den chirurgischen Instrumenten der Religion, — zu Flüchen, Verwünschungen und ewigen Höllenqualen — griff, um mit diesen die auf dem Menschenstamme üppig wuchernden Schmarotzer — Roheit, Gemeinheit, Sittenlosigkeit — mit Erfolg zu onlfernen. Dem Judenthume kann allerdings ein derartiger Vorwurf nicht gemacht werden. In ruhiger, gemessener Rede trägt Moses seine Lehre dein Volke mit der Wahl vor, zu wählen das Leben oder den T0J, den Segen oder den Flucti. ״Das eben ist der Fluch der bösen Thai, dass sie fortzeugeud Böses muss gebaren,“ sagt unser Schiller 1m gleichen Sinne. Im Grossen und Ganzen haben aber alle monotheistischen Religionen so sehr zur sittlichen Veredelung der Menschheit beigetragen, dass ein wahrer Menschenfreund unmöglich ihr Feind sein kaun. Dies musste schon ein Oskar Peschei bestätigen. Den Menschheitsdienst bietet uns Morison als ״Ersatz“ für Religion an. Ist denn gegenwärtig die Religion schon .-o entbehrlich, dass man auf einen ״Ersatz“ bedacht sein muss? Man schlage den Pentateuch aut, man durchblättere die Evangelien, mau lese den Koran und sehe, ob die Menschheit schon jenes Ziel aut dem Felde der Sittlichkeit erreicht hat, welches ihr eiu jedes dieser Bücher gesetzt! Wir glauben, dass dies noch nicht der Fall ist. Noch immer werden wir täglich durch Wafiengerassel an dio Schrecken des männermordeudeu Krieges erinnert — Umschmieden der Mordinstrumente in Ackergeräthe ist das Ideal der jüd. Religion; — noch immer giebt es Nationen, die Fremden den Autenthaltin ihren Gebieteuerschweren,— Die Bedrückung eines Fromdeu ist eine Verhöhnung Gottes, lehrt die jüd. Religion; — uoch immer giebt es Menschen, die, stolz aut ihren alten Stammbaum, mit Verachtung auf Bürgerliche niederblickea, — Ihr seid alle Nachkommen Adams, lehrt die jüd. Religion; — noch immer giebt es Menschen, die im alleinigen Streben nach materiellen Gütern an die Pflege ihres Geistes vergessen, — Es giebt keine grössere Armuth, als die der Erkeuutniss, lehrt die Religion; — noch immer giebt es Mensohen, die Nackte gleiobgiltig vor die TLüre weisen, — Bekleide sie! befiehlt die Religion; — und noch immer giebt es Menschen, die nicht liebreich Hungrigen ihre Hand öffnen, — Sättige sie! befiehlt die Religion. — So in Europa, von den andern Welttheilen nicht *u reden. Wozu also ein Ersatzmittel? So lange die Menschheit jene Sittlichkeit nicht erlangt hat, welche ihr die Religionen verschreiben, ist es nioht zeitgemäss, ein Ersatzmittel zu suohen und kann man sioh die Mühe ersparen, ein Wörterbuch zu durchblättern, um einen passenden Ausdruck für dieses Ersatzmittel zu finden. Ceterum censeo — jede wahre Religion eo ipso auch Menschheitsdienst. Miscellen aus dor jüdischen Alterthumskunde. Von B. Königsberger-Kattowitz. I. Der eigenthümliche Ausdruck עד קריאת ר גבר, welcher sich b. Joma 20 b findet, war schon zur Amoräerzeit erklärungsbedürftig. Rab erklärt es als ״Rufen des Mannes“ v.xz IzT/ip, d. h. desjenigen, dem das Ausrufen oblag (vgl. Rasch! das,), Rao Sc heia als ״Rufen des Hahues“. Es scheint mir nöthig, darauf hinzuweisen, dass נבר auch nach letzterer Erklärung nichts Auderes bezeichnen kann, als das Männchen einer paarweise vorhandenen Gattung. Da9 geht am Deutlichsten aus Tosephtha Sabb. 6,5 (auch angeführt in b. Sabb. 67 b) hervor, wo es bei der Aufzählung abergläubischer Momente heisst:..סקלו תרנגולת זו שקרא כזכר, im babylou. Talmud (a. a. st.) aber שקראה גברית. Es erregte offenbar abergläubische Furcht, wenn eine Henne nach Art des Männchens krähte, ebenso wie es auffiel, wenn der Hahn am Abend sein ״Kikeriki“ hören liess (תרנג’ל(ת) 1ה שקרא בערב; dafür im Talmud שקרא ערבית!. Lewysohn führt iu seiner ״Zoologie des Talmuls“, S. 194 § 246, da er offenbar die Tosephtha-Stelle nicht kannte, unter den verschiedenen Namen des Hahnes auch הגבר (nach Joma) und für ״Henne“ auffallender weise auch גבריה an, was, wie gesagt, nur Ailverbiam sein kann. (Die Henne kräht nämlich gewöhnlich erst dann, wenn sie aufgehört hat, Eier zu legeu.) Seine Erklärung ist um so mehr unbegreiflich, als Rasehi selbst (Sabb. a. a. 0. Stichw. גברית) bemerkt: ״ ,כתרנגולwie ein Hahn“. Zugleich wird durch den Wortlaut der Tosephtha die Erklärung Rascbi’s (Stiobw. ערבית) hinfällig, da er sagt: ״Mir scheint, dass er so gerufen, wie ein Rabe (כעורב).“ — Da der ״Hahnenruf“ frühzeitig erscholl, so benutzte man es als Signal für den Tempeldienst. II. Das im ungarischen Magyar-Zsiiö Szemle (Juliheft 1891) S. 458 aus b. Sabb. 104 b erwähnte Citat, das sich in den gewöhnlichen Talmudausgaben nicht findet und vielleicht nur eine Glosse ist, berichtet naoh der Lesart des Rabbenu Chanauel (das.) von einem פט'א p (st. סטדא p); vgl. jedoch Tosephtha ib. 12,15 (mit anderem Wortlaute 1m Talmud angeführt). Die Tosaphoth (a. a. 0. Stiohw. סטדא p) scheinen in der angeführten Stelle Berachotb 61b eine andere Lesart gehabt zu haben, als in den Drucken sich findet; denn R. Tarn stützt auf dieselbe seine Angabe, das ‘Q בי zur Zeit des Pappus ben Jehuda und des R Akiba gelobt, nicht mit erslerem identisch sei: Die Wiener Hdsch. der Tosephtha liest 0טרא p, die Drucke טירטא p, (nicht סיטרא p wie Zuckermandel anführt); vgl noch Tos. Sanh. 10,11. An der diesbez. Talmudstelle (b. Sank. 67), die auch Aruoh, s. v. סטרא, erwähnt, fand ich das Citat nicht, wohl aber in jer. Sanh. VII, 25d (oben), wo בן סוטדא steht, während die Tos.-Drucke an dieser Stelle nur לאיש אחד lesen. Mir scheint nun, dass uns die obige Lesart des R. Chan, auf die richtige Erklärung des Eigennamens führen wird. Das טטדא p bleibt unerklärlich; wohl aber lässt sich סטרא p in der Wien. Tos.-Hosch. verwerthen. Ohne Zweifel ist nämlich פטיא und 0טרא corrumpirt aus פטרא, das nichts Andres bedeutet als ״Petrus“ (nicht, wie der Autor im M.-Zs. S. will, ־= Maria). Das p ist dabei vielleicht überflüssig (wenn nicht als ״Jünger“ zu übersetzen) und vielleicht (vgl. die Lesart der Wien. Hdsch.) zu Tos. Synh. a a. O. in בית zu corrigiren. Die im M.-Zs. S. (nach Dikduke Sofrim zu Sabb.) angeführte Beziehung des ‘D כ zu dem Stifter der ohristliohen Kirohe, כן פ נדר א, ist dahin

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