Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 36. (3.9.1891)
- Date
- 1891-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches ÄiL Litteratur-Blatt. Bar Baieanktaag allar iataltaa aaa >a<a katreBkadaa HSUr.rt.eSe■ Eraekalaaagra •af deai e •kl«t« der Pkila• aafkle flaaeklrkte. Etkaographle, Tkeolegi« OrteaUll., txegeee, Hoailletlk, Lltarglk a. Pldagoglk. Heraasgegeben ron Rabbiner Dr. Moritz Rah me r. 9Tta<j3e{n*1<j., 3 Septem^ei1891 ׳ Bteker 4«ra!ad1IMI|11‘ Lltlaritvr, vtlrlt 4«r IU4set.ua werde■, fl■ des 1■ 41cm■ Blatts •ligchiite Rcaprcckiai. Bel KliHadng vca 1 w 11 Keetacioai* Ezeaplsr«■ crfelfft «!■■*11*• karac H rstl•-!■■ertl•■. Das-Jüdische Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich in ־einem halben Bogen. Preis bei allen Buohhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ,Israelitischen Wochenschritt“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Bnchhandlnngen SMark zahlen, erhalten das ,Jüdische Litteratur-Blatt“ gratis. — luserate werden mit Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 80 Mark, berechnet and sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. Buchhändler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. Inhalt.: Wie senschaftliehe Aufsätze: Religion — Menschheits- , dienst. Von Jacob Robinson. — Miscellen aus der 1 jüdischen Alterthumskunde. Von B. Königsberger- | Kattowitz. LitteratUTbericbt. Receusionen: Frague II. Annuaire des ,Archives israelites“ pour l'an 5652. - Adler Re v. Dr Hermann. The Ideal Jewihs Pastor. — Dr. M. F r i e d 1 ä n d e r. Bei den sociali sti sehen Sek ten des •Tudenth. etc. Litterarische Notizen. — Diucktehler-Berichtigung. Unbefugter Nachdruck ans diesem Blatte is• nicht gestattet Religion — Menschheitsdienst. Von Jacob Robinsou. Vor einiger Zeit verliessen zwei Schriften die Di uckerpresse, deren Autoren nur scheinbar geistige Antipoden sind. Die eine nennt sich ״Menschheits• dienst“ und hat den Engländer James Cotter Morison znxn Verfasser, die andere besteht ans einer änsserst sorgfältigen Zussmmenstellung ethischer Grundsätze aus Bibel und Talmud, die ihnm anonymen Editor — er nennt sich Minor — alle Ehre macht. Bemüht sioh nun MiLor den Lohen Werth der jüdischen Moral* gesetze in den kernigen Worten der Alten darzuthun, geht Morison direct darauf los, der Religion die Zukunft zu tauben und bietet uns einen Ersatz in dem Menschbeitsdienste, d. h. der Mensch diene der Mensch• heit. Gutes strebt auch er an und deshalb können wir ihn nicht als einen geistigen Gegner Minors bezeichnen. Was wir aber an Morison tadeln müssen, ist Verkennung des pädagogischen Werthes der Religion bei der Völkererziehung. Es gab und gieht keine Religion, die dem Menscbheitsdienste keine bedeutende!Stellung in ihren Lehren einräumen würde. Wenige Monde vor den olympischen Spielen konnten sich griechische Stämme noch aui’s Blut bekämpfen, da naht die heilige Zeit, Herolde verkünden den Gottesfrieden; Alles, Alt und Jung, pilgert nach Olympia zum Zeus Hellemos und feiert bei diesem gemeinsamen Vater ein inniges und herzliches Verbrüderungsfest. Wurde der Grieche nicht sittlich gehoben, wenn er da zu Zeus betete, der als Borkios Unrecht bestraft, als Xenios Schutz flehende beschützt sowie müde Warderer labt ut,d als Eleutherios sich als Gott der Freiheit ruanifestiit? War der ״Alles sehende“ Apollo nicht ein gutes ethisches Vorbild für jeden Hellenen? Arbeitete nicht die griechische Mythologie dem Eigendünkel, dem Stolze und Uebermuthe der schwachen *) MenschbeitsdieDgt von James Cotter Morison, deutsch von Lauenstein. Karl Reissner, Leipzig 1821. **) Die Gesetze der Moral in Bitet und Talmud, zusammengestellt von Minor. J. Fritsch0. Reichenberg 1821. Menschen entgegen, indem sie eine Ate, Litai, Hybris and — Nemesis schat? Ja! in Hellas and Rom waren die unsterblichen Götter die einzigen Besohützer der Aermsten aller Armen — der Sklaven; au ihren Altären fanden sie Schutz vor den Misshandlungen ihrer Peiniger, an ihren Festen athmeten sie freier auf und fühlten sich als Menschen. Warden sie doch im unmenschlisohen Rom, wo ihre Zerfleisohung durch wilde Bestien in der Arena vom Publikum mit Beifallssalven aulgenommen wurde, an den Saturnalien von ihren Herren selbst — incredibile dictu — bewirthet! Das war die Macht des Heidenthums. Auch der alte Homer giebt uns ein classisches Beispiel von der sittliehen Veredelung des Menschen durch die Religion. Der kluge Odysseus will vou Ilos in Ephyra eia tödtliches Pfeilgift einhandeln; 1108 verweigert es ihm aus Furcht vor den ewigen Göttern, die keine Gewalttbätigkeit dulden. Müssen wir also schon dem Menscbheitsdienste im Heidenthume eine bedeutende Stellung einräumen — wir erinnern hier noch an die durch uud durob sittliehe Sage von Philemon und Bauois —, so gilt dies in weit höherem Grade voa sämmtlichen monotheistischen Religionen. Man darf da allerdings unter Religion nicht lediglich peinlich genaue Beobachtung gewisser kirchlicher Gebräuche verstehen. Davor warnen uns iu gar gewaltigen Reden schon die alten Propheten, besonders Jesaias. Das Judenthum geht dieser einseitigen Auflassung von Religion ״ganz“ aus dem Wege, indem es eiueu religiösen Manu als Zaddik d. i. als gerechten, rechtlichen Mann bezeichnet. Die Handlungen eines Menschen allein sind eben der einzig richtige Massstab für seine sittliche Höhe. Heiligkeit des Lebenswandels ist oberste Pflicht des Juden, — die Heiligkeit ist sein Feld, auf welchem er als Knecht Gottes im Sohweisse seines Angesichts gegen Sittenlosigkeit, Egoismus und Gleichgiltigkeit gegen seine Mitmenschen zu kämpfen hat, denn kittegorisch heisst es: ״Liebe Deinen Nächsten wie Dieb selbst.“ Uud ist Nächstenliebe kein Mensohendieust? Es ist unglaublich, dass dem Judenibume noch immer dieses höchste Postulat seiner Religion abgesprochen wird, trotzdem die biblischen Büoher und der bestgehasste Talmud diesen in jeder Hinsicht ״einzigen“ Satz in hunderten von Aussprüchen wiederholen und comraentiren. Liebe will der Herr, nicht Opfer, sagt Hosea (6,6). Warum wir unsere Nebenmensohen lieben sollen, ei klärt Maleachi (2,10): ״Haben wir nicht alle einen Vater, hat uns nicht ein Gott erschaffen? Warum sollten wir treulos gegen einander handeln?“ Dem Ideale des Judenthums schwebt also die Verbrüderung aller Völker vor; die Verbrüderung der Menschen ist das