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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1891-08-13 · N° 33. (13.8.1891) · p. Seite 128

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
20 (1891)
Issue
N° 33. (13.8.1891)
Date
1891-08-13
Page
Seite 128 (sequence 2)
Language
German
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— 128 — O Zunge, warum'sagst du nicht, was du weisst und fühlst?“ Zum Schluss erbietet er sich zu Auskünften in Sachen Portugals, der Verheirathung des Oraniers und dergleichen und bittet den König, ihn unter dem Siegel des grössten Geheimnisses zu benachrichtigen, wenn •r seine Dienste in Anspruch nehmen wolle; ״der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der die ־Welt geschaffen, möge Ew. Majestät beistehen und Sie barmherzig mit Ihren Juden sein lassen, die Gott {־a nicht vergessen, sondern nur zu ihrer Strafe ins Jnglüek gestürzt hat1“ Saul Juditsch Wahl. Ton Professor Berschadsky in Petersbnrg. j Aas dem Russischen übersetzt von Sophie Gordon.; VIII. Es ist ja möglioh, dass späterhin in Brest, als das alte Archiv der Gemeinde wieder zurüokgegeben wurde, auch die von Saul bewirkten Gramoben von Neuem auigefunden wurden, so u. A. auch die Gramota, j auf die sich Saul stützte, und die sich auf die In• : competenz der niohtjüdischen Gerichte für jüdische | Angelegenheiten, auf das Recht des Handels und j Ausübung des Handwerks, das Nichterheben grosser j Zölle u. s. w. beziehen. Es ist ja möglich, dass sich bei Sauls Nachkommen königliche Gramota mit daran hängenden Siegeln, achtbare Pergamente in unverständlicher lateinischer Schrift befanden. Weshalb, wird nun die Frage aufgeworfen, waren bei Sauls Nachkommen solohe Gramota, weshalb gab man den Juden solche Privilegien? Als Schlüssel zum Räthsel dienen nur Sauls Siegel: auf einem befand sich ein Löwe, der die Gesetze hält, auf dem andern ein Löwe, der einen Adler krönt. Was bedeuten diese Siegel? Die Antwort ist sehr einfach. Der Löwe, det Mächtige, ist der Macht ausübende Saul Wahl, er hielt die Gesetze — folglich ist er Gesetzgeber. Er krönt den eiuköpfigen Adler, Polens Wappen — folglich bedeutet, es, dass Saul das Haupt des polnischen , Reiches krönt. Wie konnte dies aber geschehen? Als Antwort gilt Sauls Wahl zum Könige und seine Krönung des Nachfolgers! Personen, die Michael Wischnewetzki’s Wahl zum Könige mit ansahen, konnten in dieser Combination nichts Unmögliches ersehen. Ueber diese Wahl erzählt Sohnisky Folgendes: ״Die Schljachta hatte die Geduld verloren. Da gefiel ihnen der von Kschizky ausgesprochene Name des { Fürsten Michael Wisohnewetzky. — Es wurden nun unaufhörliche Ausrufe: ״Es lebe der König Michael“ erhoben. Um ü Uhr Abends waren die Primas gezwungeu den ausgemergelten, unbekannten Fürsten, der vom Wiener Hof beschützt war und noch unlängst beim lothringischen Gesandten 300 Thaler geliehen hatte, zum Könige auszurufen.“ König Saul Wahl schenkte nun den Juden all die Rechte, deren sie stoh bis zu den Kosackenkriegen J erfreuten.; Auf diesem Wege erklärten sich die Leute des ' XVHI. Jahrh. die früh ere bevorzugte Lage der Juden ן in Litthaueu und überhaupt 8aul Wähle Stellung, j der es ja wagte, sich ״der Mächtige“, ״Machthabende“ zu nennen und, gleich den Magnaten, in goldenen ן Ketten zu stolzieren, Geld für Synagogen, Hospitäler und andere wohlthätige Anstalten zu spenden. Für die Phantasie des damaligen Juden, der im Geiste der Bibel und des Talmuds erzogen war, stand die Sage! über Saul Wahl in unwillkürlicher Verbindung mit dem alttestamentarisohen Ereigniss: ״Die Wahl zum Könige des israelitischen Saul aus dem Stamme Juda.**) (Saul Juditsch d. h. Saul, Sohn des Juda.) Darin wurzelt nun die Idee, die in der Sage über Saul einen verdeckten, aber keinem Zweifel unterworfenen Grundgedanken der Legende bildet. Wir wissen ja, dass Juden - Zeitgenossen des Kosaoken-Sohljaohtezkrieges (wie z. B. der Autor des Javan-Mezula) sehr geneigt waren, die Ursache des jüdisohen Unglücks in dem Verfall der Gelehrsamkeit und der Gottesfurcht zu sehen. Es ist daher natürlich, dass die Juden früherer Zeiten ihren Glaubensgenossen am Ende des XVIL Jahrh. nicht anders, denn als ״Säulen derGelehrsamkeitundGottesfurcht“ersoheinen konnten. Eine derartige Vermuthung wurde durch eine ganze Reihe talmudischer Koryphäen, die in Litthauen undPolen als Ende desXVI. und Anfang des X VII. Jahrh. lebend genannt werden, wie z.B. S.Lurie, M.Isserlesu.A. mehr, bestätigt. Deshalb erscheint Saul Wahl in der Volkslegende weder als Pächter oder Arendator, sondern als das Ideal;)er Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, Sanftmuth und Demuth. In dieser letzteren Beziehung will aber die Volksversion nichts von den Familien-Ueberlieferungen der Nachkommen Sauls wissen. Ebenso wie der erste israelitische König Saul aus dem Stamme Juda (?) von Gott dem israelitischen Volke zu dessen Wohl und als Belohnung für Sauls Frömmigkeit hingewiesen, so wurde auch der gelehrte uud gottesfürohtige Saul Juditsoh aus Brest, ein Naohkomme Dawidows, nach unsichtbarer Hinweisung Gottes zum Könige gewählt, damit er dem israelitischen Volke in Litthauen und Polen Gutes erweise. ״Gottesfurcht wird mit der Königskrone belohnt.“ Iudem duroh dieses Faktum die hohe Bedeutung der Gelehrsamkeit uud Frömmigkeit bestätigt wird, reohtfertigt es auch den Familiennamen Saul Juditsoh — Wahl — d. b. der Gewählte, Ausgewählte.•*) Dies sind unserer Meinung nach die wahrsoheinliehen Gründe für das Auftauohen der Sage über Saul Wahl. (Schluss folgt.) Ein halachisches Quidproquo. Von Rabb. Dr. M. Löwy in Temesvär. (Fortsetzung statt Schloss.) Sehen wir uns jedoch die Talmudstelle etwas genauer an. So wie sie dasteht, ist sie offenbar confus oder defekt, wenn nicht gar Beides zusammen. Das erste Citat: דכתי' והאיש אשר לא ישמע sollte man, aller Analogie uach, doch eben nur für eiu Citat halten, d. i. für Nichts weiter, als für die blosse Anführung des Bibelwortes, daraus also für’s Erste noch gar nichts gefolgert wird. Nun käme erst die erste Deutung: קרי ביה לא ישמיע, d. i. unstreitig für הכובש - wie denn eben dieses auch sowohl in der Mischna (und in sämmtliohen Borait.) als auch in der Gemara selbst stets obenan steht —, uud sodann die zweite: וקרי ביה לא ישמע על דברי, das wäre, der Ordnung nach, *) König Saul war aus dem Stamme Benjamin nicht Juda. (Red.) **) Eine derartige Erklärung tür den Familiennamen Saul Juditsch ist'ganz natürlich tür das Ende des XVIL Jahrh., wo die russischen Juden sich in den Wellen des deutschen Judenthums aufgelöst haben. Doch unterliegt es keinem Zweitel, dass jeder beliebige Brester Jude des XVI. Jahrh. deu Famileunamen Saul Juditsch ״Wich“ nicht W8111, sondern ״Woloch“ d. h. Italien gelesen hätte, was auch richtig wäre, da doch Saut aus Padua gebürtig ist. (Diese Bemerkung haben wir einem der Nachkommen Sauls, H. M., Studenten an der Petersburger Universität, zu verdanken.)

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