Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 28. (9.7.1891)
- Date
- 1891-07-09
- Page
- Seite 109 (sequence 3)
- Language
- German
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109 lassem. Gleichwohl lag mir*eine eigentliche, die Ergebnisse der in diesem Werke niedergelegten Forschamgen von Anfang bis za Ende prüfende Besprechung fern»— wozu mir — ioh gestehe offen — die gleich innivc Vertrautheit mit dem weitsohichtigen Material, wie/sie Verf. besitzt — doch fehlt; doch meine ioh, ein Artikel, der den heutigen Stand klassischen T^lmudstudiums skizzieren sollte, doch au einer so bedeütsamen — fast hätte ich gesagt — instruotiven Erscheinung auf talmudisoh-wissensohaftlichem Gebiete, wie Schwarz’ Tosiphta-Ausgabe zu Seder Sera'im nicht vorübergehen dürfe, ohne dieselbe in grossen und allgemeinen Zügen wenigstens zu skizzieren und an einigen Proben zu zeigen, was hier für klassisches Talmudstudium überhaupt geleistet worden, und wie nur auf diesem und keiuem anderen Wege auf dem Gebiete klassischen Talmudstudiums weiter zu kommen sein wird, mag es nun kritische Bearbeitung und Commentieruug von talmudisohen Texten oder talmudische Lexicographie und Grammatik sein, uud bleibt nur zu wünschen, dass die talmudische Forschung in nicht zu ferner Zeit gleichwerthige Erzeugnisse zu verzeichnen habe. Einige ästhetisch-pädagogische Bemerkungen. Von G. Wolf in Wien. Die Notiz >ד Liturgisches “ in dies, gesch. Litteraturblatte über die Stelle כל טנפת לא וכף ini Sohir hajichud hat in mir eine Fluth von Erinnerungen geweckt. Vielleicht gestatten Sie mir dieselbe mitzutheilen. Ioh sah die Stelle zum ersten Male als ich noch ein Knabe von etwa 11 oder 12 Jahren war. Der Schir hajichud für Sabbath war mir damals schon lange bekannt, da ich ihn jeden Sabbath mitbetete, die aber für die andern Tage der Woche lernte ioh zum ersten Male in einer Kol-Nidre-Nacht kennen. Nachdem das eigentliche Abendgebet zu Ende war, blieb noch ein grosser Theil der Beter zurück, die die ganze Nacht im Gotteshause verweilten. Die Recitation der Schir hajichud wurde ״versteigert“ und die achtbarsten und gelehrtesten Mitglieder der Gemeinde wurden ״beehrt“, dieselben vorzutragen. Als ich zu dieser Stelle kam, war ioh im höchsten Grade empört darüber, wie man dem lieben Gott gegenüber einen Ausdruck gebrauchen könne, den ein anständiger Mensch nicht in den Mund nimmt. Ioh stockte förmlich, der Satz wollte mir nicht aus der Kehle und noch lange nachher wollte ich nicht daran gehen, diesen Schir hajichud zu lesen, geschweige denn denselben andächtig zu beten. Im Laufe der Zeit, als ich an Wissen zunahm und anfing die Autoren aus ihrer Zeit zu beurtheilen, habe ich mich mit dieser Stelle versöhnt. Zu schweigen von früherer Zeit, 80 braucht man nur Luther zur Hand zu nehmen und man wird in demselben Ausdrücke finden, die kein anständiger Mensch jetzt gebraucht. Ioh erinnere ferner, dass auch Goethe sagt eine ״Spottgeburt aus l)r . . . und F*euer“. Wenn daher sonst der i^atz gilt: Wer Schmutz berührt, beschmutzt sich; Gott kann selbst vom ärgsten Schmutze nicht berührt werden. Seine Erhabenheit und Beiuheit könuen durch nichts getrübt werden. Heut liebt man derartige Kraftausdrücke nicht, und sucht man die Dinge zu umschreiben. Es heisst übrigens schon im Talmud •לעולם ידבר אדם בלשון נקיה Dieses führt mich auf einen andern Punkt, der im allgemeinen nicht ohne Bedeutung ist. Die Bibel ist für uns das heiligste Buoh und {unter allen 24 Büchern ist der Pentateuoh am Wichtigsten. Wir Alte kannten den Pentateuoh vom ersten bis zum letzten Wort. Ist es da jemanden eingefallen aaoh nur im entferntesten daran za deuken, dass die Bibel überhaupt oder der Pentateuoh insbesondere etwas Unsittliches enthält? Wir lernten den Pentateuoh von Anfang bis zu Ende und ebenso Basohi. Ist es früher einem Leser eingefallen, aus Schickliohkeit gewisse Stellen wie die von den Töchtern Lot’s etc. wegzulassen. Ebenso lernten wir, wenn das Passahfest kam das Lied der Lieder, ohne eia Wort auszulassen und die Nuditäten als sohlüpferig zu behandeln. Ioh erinnere mich auoh, dass ioh noch nicht 13 Jahre alt war und פתח פחוח lernte. Ioh kann mich jedooh nioht erinnern, dass ioh oder meine Mitschüler dabei an etwas Schlechtes dachten. Wie haben sich die Zeiten geändert! Heute wagen wir es nicht da, wo Bibel im Urtexte noch gelehrt wird, alle Stellen zu übersetzen und wenn wir den Kindern eine deutsohe Bibel in die Hand geben, sorgen wir dafür, dass sie castrirt und ad usum delphini eingerichtet sei.1״) Ein grosser Theil der jetzt heranwaohsenden Jugend kennt überhaupt nicht das Chumesoh, geschweige denn die Bibel und jene, die es kennen, kennen nur Theile desselben und wenn es sonst hiess: dem Beinen ist alles rein, 80 gilt heute טמא טמא יקרא. Wir leben eben in einer andern Zeit und unter andern Verhältnissen und gewiss ist es besser, wenn man weitgehende Vorsicht übt, statt irgendwie Veranlassung zu einem unkeuschen Gedanken zu geben. Es fragt sich nur, ob man nicht in dieser Beziehung denn doch zu weit geht, so dass Erwachsene unkeusohe Gedanken, die sie hegen, auoh als in den Herzen der Kinder vorhanden annehmen. Aus meiner Lehramtspraxis ist mir folgender Fall bekannt, der sich vor etwa 30 Jahren und darüber zugetragen hat. Bevor ich denselben beriohte, muss ich jedooh eine Bemerkung voraussohioken. Ioh habe es stets für angemessen gehalten, beim Beginn des Schuljahres meinen Sohülern und Schülerinnen zu sagen, dass sie, falls sie das eine oder das andere nicht verstehen, nur tragen sollen und ioh werde ihnen gern den Gegenstand näher autklären oder die betreffende Frage beantworten, wenn sie zum Fach gehört. Einmal wurde ich von einem Mädchen im 14. Jahre, deren Eltern zu den achtbarsten in der Gemeinde gehörten, mit welchen ioh seit Jahren befreundet war, die ich also genau kannte, gefragt, wie es komme dass Ftauen Kinler haben. Ich suchte, soweit uls möglich ganz ruhig zu bleiben, als wäre die Frage, wie so viele andere, ohne alle Bedeutung. Dabei aber hielt ich Musterung über die Schülerinnen, etwa 30 an der Zahl, die zwischeu 13 und 15 Jahre alt waren. Mit Ausnahme eines einzigen Mädchens, das die Nase rümpfte, blieben die anderen ruhig. Ich erkannte daraus, dass mit Ausnahme dieses Mädchens keine die Tragweite dieser Frage kannte. Der Fragstellerin bemerkte ich hierauf: Wie Gott den Bäumen die Kraft gegeben, Früchte zu tragen, so hat er auch dem Weibe Kraft gegeben, Kinder zu haben. Damit war der Zwischenfall erledigt und ioh unterrichtete ungestört weiter. Nachdem der Unterricht zu Ende war, achtete ioh daiauf, ob etwa die eine 01er die andere ״zisohelu“ werde, aber es war nichts davon zu bemerken, loh will weiter keine Consequenzen an diesen Fall knüpfen, aber es kommt mir manchmal vor, als würde man die Jugend im allgemeinen für schlechter halten als sie wirklich ist. *) Die lutherische Bibel lässt sich, abgesehen von anderen Gründen, nicht benutzen, da in derselben Ausdrücke vorkommen, dis heute das Schamgefühl verletzen.