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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1891-07-02 · N° 27. (2.7.1891) · p. Seite 105

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
20 (1891)
Issue
N° 27. (2.7.1891)
Date
1891-07-02
Page
Seite 105 (sequence 3)
Language
German
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— 105 — י Jaffi'Anität. So Bd. XL Seite 462 (wir citieren □ach der *lartenstein’schen Ausgabe): «,Die Pädagogik betrachtet die Religion nicht objektiv, •ondelrn subjektiv. Religion betreundet und schätzt; aber eie pass Idem Kinde doch nicht zu ausführlich gegeben werden, mehr»hinweisend als lehrend; die Empfänglichkeit nicht er- •cb&pitend, also am wenigsten unzeitig geübt; nicht dogmatisch, »bw/ in Verbindung mit Naturkenntnissen und mit Zurück- *ei»lung des Egoismus; hinweisend über die Grenzen des \Vi»8ens . . . mit Hülie der Bibel, also historisch und vorbeisitand auf die kirchliche Gemeinschaft.“ f Erst Ziller hat das confessionell Dogmatische hwaugezogen in seinem Hauptwerke ״Grundlegung lur Lehre vom erziehenden Unterrichte“; siehe daselbst Seite 100 folgenden Satz: ״Soll der Erziehungszweck in den Mittelpunkt des Ganzen gerückt werden, 80 wird es geschehen durch die Gruppirung »lies Unterrichts um den Gesinnungsunterricht und anderntheils durch Hervorhebung des biblischen GesinnungsstofFes und durchgängige Rückbeziehung alles Inhalts des übrigen Gesinnungsstoffes aut die biblische Lehre des Christenthums, welche in ihren sittlich-religiösen Momenten durch Ethik und Religionsphilosophie im Allgemeinen bestätigt wird.“ Hier heisst es nach unserer Meinung fort schreiten, wenn wir uns an Herbart anlehnen. In dieser Richtung wissen wir uns eins mit den hervorragendsten Berbartianern Lazarus und Steinthal, mit Männern, die nicht allein dem Judenthum, sondern der gesammten deutschen Nation zur Ehre gereichen. Ich schliesse meine Arbeit mit den herrlichen, nicht genug zu beherzigenden Worten Steinthals, in dessen Vortrag: ״U«ber Toleranz“ im Lessing-Mendelssohn Gedenkbuch, herausgegeben vom Deutsch-Israelit. Gemeinde-Bund, siehe daselbst Seite 305: ״Und wenn Jemand erklärte, er habe gar keine Religion? Sage nicht, es könne zwar Jeder nach seiner Fasern selig werden; aber in irgend einer Fa<;on müsse es doch geschehen — sage das nicht! Sieh nur zu, ob er sittlich ist. Zeige ihm, hauptsächlich stillschweigend, durch die That, dass d u sowohl religiös, als frei und sittlich seiest; und gieb ihm zu verstehen, dass der Unterschied zwischen dir und ihm nur darin liege, dass er, wie du zu glauben geneigt seiest, aus Freiheit, die religiösen Gebote unbeachtet lasse, du aber aus derselben Freiheit diese Gebot« haltest.“ Classisches Talmudstudium. (Fortsetzung.) Als Resultat solcher auf die Misohna gerichteten, Inhalt und Zusammenhang überall sorgfältig von Neuem untersuchenden Detailforsohung liegt uns nun eine stattliche zum ersten Male nach den Absätzen derMisch a geordnete A u8g a b e der Tosiphta vor mit fortlaufendem, alle Fragen der Texteskritik wie Wort- und Sacherklärung hineinziehenden Commentar, und Verfasser ist damit um ein Bedeutendes der Erfüllung seiner Lebensaufgabe näher gekommen, als welche er vor Jahren schon die Bearbeitung dieses Zweiges der talmudischen Litteratur bezeichnet hat. Es bekundet den genialen Blick des in sein Forsohungsgebiet eingedrungenen Gelehrten, dass er als Haupt* grund des uns noch mangelnden Verständnisses dieses Halaohawerkes das erschreckende Chaos und das Durcheinander erkannt hat, in welchem der Text desselben, wie kaum ein zweites Werk dieses Litteraturgebietes sioh befindet. Der Schlüssel zur Erklärung dieses Chaos dürfte ohne Weiteres in der Thatsache erbliokt werden, dass in der heutigen Tosiphta zwei ' ursprünglich gesonderte Sammlungen, die des R. Chia und des R. Oschaja zusammengeflossen sind, ln langem Studium, in fortgesetzter Vergleichung ist die Ansicht gcieift, dass die Tosiphta ihrem Grund- I Charakter noch eine Sammlung von theils erklärenden, theils näher ausführendeu Zusätzen zur Mischuah ist, \ theilweise wohl auch selbständige ältere Mischnajot-h enthält, die der letzte Mischna-Redacteur aus älteren I Sammlungen eliminirt hat. Verf. hat es sich sauer genug werden lassen, Mischna und Tosiphta nicht nur sondern auch beide Talmude mit dem Gang der einschlägigen Discnssion bis ins Einzelste zu vergleichen, um die Norm für eine den Forderungen der Wissenschaft entsprechende Gruppirung der Alinea’s der Tosiphta zu finden, es hat der Talente, vor allem Jahre langer Vorarbeiten bedurft, dass eine solche Tosiphta-Ausgabe möglich ward. Mit Recht vergleicht Schwarz die Schicksale der Tosiphta, die vielfache Uu- Ordnung, in der sie auf uns gekommen, mit den Erdrevolutionen, wie sie etwa Erdbeben an den Schichten des die Erdstufe bildeudeu Gesteins hervorbringt. Und mit den Ausgrabungen bei Pompeji und Hercu- ' lanum oder den Funden eines Sohliemann bei dem sagenumkränzten Troja darf man füglich das Werk der ordnenden Hand des Verf. an der Tosiphta vergleichen. Hier wie' dort ein grosses Trümmerfeld, aut dem es in gleicher Weise bald anzufügen, bald wegzunehmen galt und das Auseinander(!!ebenda zu einem einheitlichen Ganzen zu vereinigen, in welchem wir wieder Leben, Wirklichkeit zu erblicken ver- I mögen. Absolut Gütiges überall und in jedem Theil i dieser einen ganzen Seder umfassenden Gruppierung j gefunden za haben, solchen Anspruch erhebt Verf. ן selber nicht einmal und weist ihn bescheidentlich im Vorwort zuräok Doch weit mehr als der glückliohe Anfang ist gemacht. Dort aber aut archäologischem Gebiete hallt auf die Veröffentlichungen, durch welche eine Welt, die man längst begraben wähnte, wieder ersteht vor den staunenden Blicken der Alterthumsfreunde, allgemeiner Jubel in der gelehrten Welt naoh, und hier bei uns? da findet eiu consequentes Verfahren nur noch gar zu viel Ungläubige, die lieber mit Soheingrüudeu die überlieferte Ordnung der Tosiphta retten möchten, als dass sie muthig den neuen Weg mitmaohten. Woher das Chaos der überlieferten Ordnung gekommen, darüber spricht sioh Schw. im allgemeinen Vorw. p. XV bestimmt genug aus:והערביביא הגדולה השולטת בתוספתא — שנתחברו בה שני קבוצי ברייתות שונים זה מזה. Weder macht er für das eingerissene Chaos die Nachlässigkeit und Gedankenlosigkeit der Absohreiber verantwortlich — obschon auch diese und auch bei talmudisoher Litteiatur nicht gering gewesen sein kann — in der Profanlitteratur gilt der Grundsatz diplomatischer Kritik, dass man Ab3ch1eiber für nioht gedankenlos genug halten kann, noch nimmt er ein eigenmächtiges and willkürliches Umstellen und Umgestalten der Ordnung, eher nooh eine nicht gerade im Ordnen glückliche Hand eines Sammlers an (כנראה היד אשר אספתן וקבצתן לא היתד, יד של אומן). Eine spätere Zeit wird nicht anders als lächeln können über so viel Connivenz gegen Bestehendes und Ueberliefertes, die wohl in Fragen der religiösen Praxis ihren guten Sinn und ihre volle Berechtigung hat. Aber was hat die Wissenschaft mit solcher Connivenz zu tliuu? Nun ist solche Dislocierung gar nicht einmal ohne Beispiel bei älteren Talmudlorsohern. Schwarzens Vorgänger speziell in Transposition von Alinea’s der Tosiphta ist kein Geringerer als R Elia von Wilna.! Ein Beispiel bietet gleich der Anfang des Traot. i Maaseroth, wo der Absatz נרנן למעשרות, womit die! Ausg. der Tosiphta den Traotat beginnen lassen,! bereits von Elia von Wilna weiter herunter hinter M. 5 des Perek gerückt worden, wo er auch iu Schwarzens Ausg. zu finden. Der Herausgeber verfährt genau nach der auch anderwärts tiir diplomatische Kritik geltenden Methode, er hat seine inneren wie äusseren Kriterien für Dislocirung von Tosiphta- Stellen. Seine inneren Kriterien sind die B ziüiuugen j zwischen Mischna und Tosiphta. Dazu kommen die | sehr gewichtigen äusseren Kriterien, die von der Au-

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