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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1891-07-02 · N° 27. (2.7.1891) · p. Seite 104

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
20 (1891)
Issue
N° 27. (2.7.1891)
Date
1891-07-02
Page
Seite 104 (sequence 2)
Language
German
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— 104 — ׳' Es erfolgte hierauf die Besprechung der T h r ä u - d o r f 'sehen Arbeit: ״Präparationen für die Behandlung der Zeit der Aufklärung in der Kirchengeschichte.“ Wie aus früheren Arbeiten Tbrändorfs auf diesem Gebiet (siehe u. a. sein ״Beiträge zur Methodik des Religionsunterrichts“ im Jahrbuch des V. f. w. P. 20. Jahrg.) hervorgeht, ist des Verfassers gewiss richtige Ansicht, dass sich der Schüler in den Geist der Geschichte versenken soll;,,er soll durch die Vergangenheit sich über das Vergangene erheben und in die Gegenwart hineinwachsen“. Er sammelt desshalb aus der sogenannten l’rofangeschichte all das Material herbei,! aus dem nach seiner Meinung sittlich religiöse Momente! sich für die Kirchengeschichte verwerthen lassen. Das j Verfahren kann jedoch verhängnissvoll werden, wenn; au Stelle objektiver Gesokichtsdarstelluug und Betrachtung die subjektive Meinungsäusserung tritt;! dann ist die Geschichte keine Lehrerin der Menschheit,! die sie nach Herbart sein soll, sondern ein Tummelj platz willkürlicher Deuteleien; es ist dann Goethe's; Wort am Platze: ״Im Auslegen seid frisch und munter! j legt ihr’s nicht aus, so legt was unter.“ Es scheint, j als ob Dr. Thräudorf diese gefahrvolle Klippe nicht j umschifft hätte. Wir weiden das des Weiteren er-! örtern. In der ersten der uus vorliegenden Präparationell wird als Ziel hingestellt: ״Welche Stellung nahm Friedrich der Grosse zu Religion und Kirche ein?“ Zur Beantwortung dieser Frage citiert der Verfasser aus ״Dem Fürsteuspiegel“ (1714) u. a. folgende Sätze: ,,Sie sind das Oberhaupt der bürgerlichen Religion des Landes, die in Rechtschaffenheit und allen moralischen ,fugenden besteht. Es ist Ihre Pflicht, sie ausüben zu lassen und besonders die Humanität, die die Haupttugend jedes denkenden Wesens ist. Ueberlassen Sie die geistige Religion dem höchsten Wesen — — — —. Hüten Sie sich vor dem Fanatismus in der Religion, der Vertolgungen hervorrul't. Wenn elende Sterbliche dem höchsten Wesen getallen können, so geschieht es durch die Wohlthaten, die sie über die Menschen ausschütten und nicht durch Gewaltthätigkeiten, die sie gegen eigensinnige Geister ausüben.“ Und weiter aus der Schrift über Regierungsformen und Regeutenpiiichteu: ״Es giebt einige Länder, in denen alle Bürger eine und dieselbe Religion haben; es entsteht daher die Frage, ist eine solche Einheit zu erzwingen oder kann man jsuem unbeschränkt seine eigene Denkart gestatten v Mürrische Staatsmänner werden Euch sagen: Jedermann muss dieselbe (Jeberzeugung haben, ani das nichts die Bürger von einander trenne; der Theologe wird hinzutügen: Wer nicht denkt, wie ich, ist verdammt. — Steigt man auf den Ursprung der Gesellschaft hinab, so ist klar, dass der Souverain kein Recht hat über die Denkart der Bürger. — Die allgemeine Duldung allein verbürgt das Glück des Staates. Wo der Kultus frei ist, ist Jedermann ruhig; Religionsverlolgung dagegen hat noch immer (len blutigsten Hader hervorgeruten.״ Und Friedrich des Grossen Diktum: ״Die Religionen müssen alle tolerieret werden.“ Prägung und Zusammenschmelzung, welche der Redende ihm verleiht, einen neuen Werth bekommt.“ Oder ibid. 381: ״Wir erinnern nochmals an den Vergleich der Wörter mit Münzen, die anMünzwerth gleich viel gelten, sind doch anlnhaltund Form oft verschieden genug; diese ist vollwichtig, scharf ausgeprägt und blank, jene abgeschliffen, verwischt und trübe; aber die Geldstücke, die physikalisch betrachtet sehr verschieden sind, gelten für den Verkehr als vollkommen gleich.“ Im übrigen weist Prof. Lazarus in s. L. d. S. nach, dass der Vor- Stellungsinhalt iiu Kinde anfangs unbestimmt ist und, nur in der Form der Sprache fostgehalteu wird, dass erst allmählich die Seele aus dem Worte heraus oder in das Wort hinein eine Vorstellung bildet, welche auch von ihm ablösbar d. h. deünierbar wird. Als drastisches Beispiel hierzu dient eine Mitthoilung Friedrich Rückert’s au Lazarus: ״Ein Enkelchen desselben hatte sich die Phrase angeeignet: ״Das ist doch ein Unterschied“; es war aber offenbar, dass cs noch keinen bestimmten Sinn mit den Worten verband. Eines Tages kommt das Kind, das bis dahin ein Schaukelpterd besessen hat, auts 1-and. wird in den Stall geführt und aut ein lebendes Pterd gesetzt: ״das ist. doeb ein Unterschied“ ruft es mit so lobliattem «rlnnz der Augen und so bewegter .Miene, dass mau deutlich erkennen konnte, es habe in diesem Moment die Bedeutung des ״Unterschiedes“ erlasst.“ Nach diesen Citaten kommt Dr. Thr&ndorf dem Schluss: ״Am Christenthum schätzt Friedr nur die ethisohe Seite, das eigentlich Religiöse kämme ihn nicht. Er verkennt die Bedeutung der Geschieht und wandelt damit ganz in den Bahnen der Auf‘[ klärung.“ Unter dem eigentlich Religiösen verstehe der Verfasser das spezifisoh Christliche; wir würdet unter dem Begriff allgemeine religiöse W&hrheite verstehen Und das Verhältnis des Philosophen von[ Sanssouci zu den konfessionellen Unterschieden be-| leuchtet Dr. Thr. folgendennassen: ״Wenn Friedrich der Grosse den Gedanken der Toleranz als erster Monarch in Europa mit vollster Entschiedenheit geltend macht, so wandelt er ganz in den Bahnen Jesu.;- Auch auf die ethische Verwerflichkeit und psychologisch Hut*- losigkeit der Intoleranz hat Friedrich richtig hingewiesäz.“ Nun kommt der Pferdefuss; der Verfasser resümirt sich nätnlioh dahin: ״Trotz alledem kann man aber die Toleranz, wie sie Friedrich übte, nicht als eine christliche Tugend bezeichnen, denn erstens hat sie Wurzeln zum Theil wenigstens in dem Hochmuth des Philosophen, der in allen positiven Religionen nur verschiedene Formen des Aberglaubens sieht, und sodann ist sie zu sehr bloss passiv, sie lässt die Leute gehen, weil ihnen doch nicht zu helfen ist.“ Das ist ein entschied en zu missbilligendes Unterfangen, die eigenen religiösen Ansichten, die doob beschränkt und subjektiver Art sein können, als Massstab bei der Beurtheilung von Geistesheroen, die höher stehen als auf der Zinne der Partei, anzulegen. ״Wer den Dichter will verstehen, muss in Dichters Lande gehen.“ Besonders verzeiht der Verf. Friedrich dem Grossen nicht, dass er aus Toleranz gegen die Jesuiten nicht intolerant gewesen ist. Weiter ist es von Interesse zu erfahren, dass Dr. Thr. einen Unterschied macht zwischen der Religion Christi und der christlichen Religion, denn er bemerkt ausdrücklich, dass Friedrich der Grosse mit seiner Toleranz ganz in den Bahnen Jesu wandelt und trotz alledem sei sie unohristlich. Ist das Herbarts Geist, der uns hier entgegen weht? Das müssen wir verneinen. Der Verf. vertritt den Standpunkt der äusseren Mission, wonach der Andersgläubige nur duroh Taufwasser der ewigen Seligkeit theilhaftig werden kann. ״Bei der christlichen Toleranz, sagt der Verfasser, tritt zur psychologischen Einsicht die Liebe hinzu, die alles duldet, aber auch alles hofft, die laugmüthig und freundlich den verirrten Bruder auf den rechten Weg zu bringen sucht.“•) Auf wen 6011 sich die Toleranz erstrecken? Auf diejenigen innerhalb der evangelischen Christenheit, bei denen Strauss Frage zutrifft: ״Sind wir nooh Christen?“ und auch auf die katholische Christenheit, die nicht minder von der ״Wahrheit“ überzeugt ist als die evangelische? Und nun gar die grosse Schaar derjenigen, die ״aus Religion“ zu keiner Religion gehören, die man ihnen nennt. Lauter zweiflerische Fragen und keine bestimmte Antwort. So ist es der Fall, wenn in philosophische und pädagogische Ideen theologische verwebt werden. Darum auoh hat der Philosoph and Pädagoge Herbart über die kirohliehe Seite der Erziehung sich fast gar nicht geäussert, wohl aber über die religiöse im Sinne eohter *1 Eine ähnliche Definition finden wir in dem Leitfäden für den evangelischen Religionsunterricht von Dr. Otto Riematn, Prediger in Magdeburg, es heisst daselbst S. 2 u. 3: ״Das Christenthum nimmt allen anderen Religionen gegenüber eine ganz exklusive Stellung ein und will sie alle durch die j Mission überwinden und allein Weltreligion sein. Andererseits ist es treilicli der Inbegriff' der allerhöchsten Toleranz in seiner Lehre von der Liebe Gottes, der nicht will, dass irgend ein Mensch verloren gehe, sondern, dass sie sich alle bekehren und zur Erkenntmss der Wahrheit kommen und selig werden.“ i Was ist hier Wahrheit und wo ist sie zu linden? im evangelischen! oder katholischen Christeuthum? u. s. w. u. 8. w.

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