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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1891-06-18 · N° 25. (18.6.1891) · p. Seite 96

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
20 (1891)
Issue
N° 25. (18.6.1891)
Date
1891-06-18
Page
Seite 96 (sequence 2)
Language
German
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sind vielmehr wunderbare Combinationen des Uralten, das unter seiner Feder eine neue, sich und andere belebende Gestalt annimmt. Es ist nicht zn sagen, wie bei Jellinek jeder, auch det an sich unfruchtbarste Midrasch, zu einer duftenden (Blume voll Schönheit und Erhabenheit wird; man meint er hätte geschaffen, nein, er bat aus dem Herbarium der Agada eine fast ganz verdorrte Pflanze geholt, seinen Geist über sie wehen lassen, und eine herrliche durch ihre Frische bezaubernde Gottespflanzung gebildet, und das in einer Weise, als ob ihr ursprünglicher! Schöpfer sie nur so und nicht anders gedacht hätte, }loch eins: die meisten Midraschim werden zu Worten oder Sätzen, die in einander fliessen und zwar ohne weitere Reflexion. Dem Hörer erscheinen sie als ein Ausfluss oder auch Aufputz des Gedankens des Sprechers, ohne zu ahnen, dass ein anderer (Redner erst eine Analysis des ganzen urtextlichen Midrasch und dann erst die Auslegung und Anwendung folgen lassen würde. Das ist fast in jeder Eanzelrede zu finden. Woher solches Vermeiden der Behandlung des Midrasch coram publico, auf das sich Andere so viel zu Gute thun in der Meinung, sie hätten ein dunkles Bäthsel gelöst und dann vortrefflich an gewandt? Es ist das Bestreben, die Gedankenarbeit dem Hörer nicht anmerken zu lassen, damit er mehr als diese die Consequenzen, den Honig aus der Bienenzelle geniesse und die Reflexion weniger als die Ethik, die aus ihr quillt, beachte. Philosophischer erschiene wohl die Analyse und Synthese innerhalb der Gedanken- Operation, die der Redner dem Hörer böte, Jellinek meint jedoch, solches gehöre ins Beth ha-Midrasch nicht auf die Kanzel, hierher bringt er nicht ein דבר שאינו מתוקן, sondern den der Schale entledigten Kern, die enthülste Frucht, denn hier herrsche die Philosophie des Lebens, die Ethik.' Das genügt um als das Was der Jellinek’schen Rhetorik die praktische Philosophie zu setzen, d. i. nach Herbart die Ethik. Aber ist das Wie seiner Beredsamkeit nicht auch philosophisch? In dem oben angeführten Satze Jellineks ist von einem Zurückdrängen der Ueberschwänglichkeit träumerischer Phantasie die Rede, dafür stellt er Klarheit, Bestimmtheit und Sicherheit bei der Unter- Weisung in der Thora als Hauptforderung hin, redet von der Unerbittlichkeit der Regel und Gesetzmässigkeit in ihrer Behandlung, und der Ueberblick über seine homiletischen Schöpfungen beweist, wie er es vermeidet, nach blumenreichen Phrasen zu suchen, wie ausser der urwüchsigen Fülle des Ausdrucks und dem von ihm beherrschten agadischen Bilderreichthum, bei welch letzterem aber auch mehr als das Gemüthliehe, das Gedankliche hervorgehoben wird, jeder phantastische Zug, jedes Haschen nach poetischer Aus- Schmückung zurückweicht. Dieses um 80 mehr als er besorgen muss: die Schönheit, das äusserlich Bestechende könnte die Wahrheit, Tiefe und Hoheit des Gedankens dem Hörer verloren gehen lassen. Ist diese Klarheit und Durchsichtigkeit in der Disposition, in dem systematischen Bau der Bede, in jedem Worte und Wortklange bei Jellinek nicht die Folge des unablässigen Strebeus nach dem Ausgangs- und Mittelpunkte aller wahren Philosophie, der Logik? Logisch ist sein Denken, logisch dessen Verarbeitung in der Explication, in der Combination, in der Consequenz; nirgends fiuden wir einen!Sprung, nirgends einen falschen Syllogismus, nirgends eine Willkür, einen Zwang, eine Deutelei, ein Verdrehen der Wahrheit. Die Wahrheit bedarf nicht erst der Poesie um schön zu seiu, sie ist in ihrer Natürlichkeit und Ungekünsteltheit die Vollendung der Schönheit, und darum ist ״das Siegel der Gottheit — die \V ahrheit.“ Aus dem Gesagten folgt die Selbstverständlichkeit der packenden Wirkung dei Jellinek’schen Rede, Fügt man die Gewähltheit und die Ton- und Farben!• fülle des kaum von einem andern Prediger erreichten Wortschatzes und Spraohreichthums hinzu; ferner das an Jesaias erinnernde Feuer der Begeisterung, das uns ihn so oft während des Vortrags erscheinen liess wie einen die Staubhülle abstreifenden Seher, ohne das Massvolle je zu überschreiten, 80 haben wir die hinreissendste Form lebendiger Aesthetik und aesthetisch vollkommener Darstellung des göttlichen Wortes. Lassen wir zum Schlüsse den Meister selber sprechen : ״Wfts wäre der am Pergament haftende Buchstabe ohne den erläuternden Hauch des Gottesleh rer 8? Ein Leib ohne Seele! Er allein, der Gotteslehrer in Israel ist es, der das Stumme belebt, das Starre bewegt, mit dem Wunderstabe des Gottesgeistes dem Felsen des Alterthums den Wasserstrahl entlockt, welcher die Durstenden labt, die Matten erfrisoht, die Wankenden aufrecht erhält.“ — Das ist Jellineks Philosophie. Classisches Talmudstudium. Von Asarja de Rossi’s Meor Enajim, dem für Wissenschaft aes Judenthums grundlegenden Buche, bis zu dem neuesten talmudischen Werke, der Bearbeitung des Seder Seraim der Tosiphta v. A. Schwarz, für welche der Lector am College Cambridge, Schechter, die einzig richtige Würdigung in dem kurzen praecisen Urtheil ausgesprochen, dass sie die bedeutendste Leistung des abgelaufenen Jahres auf jüdisoh-iitterarischem Gebiete sei, geht duroh all’ die einschlägigen Productionen das dankenswerthe Streben, einem kritischen und also auch klassischen Talmudstudium, dessen Ziele wohl von Manchem dunkel geahnt, klar und leuchtend aber von Zacharias Frankel ausgesprochen worden (Vorwort zu Vorstud. d. S. 11.) die Wege zu bahnen. Die Frankel, die Friedmann, J. Levy, Rabbinowicz, Schwarz, Weiss, Zuckermandel, sie haben bei sonstiger Verschiedenheit das gemeinsam, dass sie der ersten und dringendsten Aufgabe historisoh-philologischer Wissenschaft, einen kritischen Text ihres Autors herzustellen, theils vorgearbeitet, theils einer glücklichen Lösung dieselbe um ein Bedeutendes näher gebracht haben. Wenn man die Wissenschaft des Talmuds gleichwohl noch als eine junge, wenig angebaute bezeichnen muss, sc hat das seine inneren wie äusseren Gründe. In Deutschland und Oesterreich, den für Wissenschaft des Talmuds zunächst in Betracht kommenden Ländern, sind die Talmudisten yjxx i&yrp nicht eben dicht gesäet. Ausser zwei, drei oben in den Wipfeln, vier, fünf an den Aesten — ohne Bild! — den paar Dozenten, deren Fach es ist, Talmud zu lehren, zieht einen grossen Theil unserer jüdischen Gelehrten, wie ja das nur öffentliches Geheimniss ist, die Neigung anderwärts hin. Andere sind mit Amtsgeschäften so überhäuft, dass für eingehendes, vergleichendes Talmudstudium, von dem allein hier die Rede ist, weder Zeit noch Lust bleibt und bleibt noch ein ״Zehutel“, so vermögen auch diese nicht alle mit der modernen, wissenschaftlichen Methode des Talmudstudiums sich zu befreunden. Von inueren Gründen aber dürfte hier vor allem die Uu־ Sicherheit des Weges, der Mangel an einer allgemein gütigen Methode sich fühlbar machen; das ist’s wohl auch, dass sich hier die entgegengesetztesten Hypothesen gegeuüberstehen und was noch mehr zu verwundern, (lass die vagesten Theorien sich haben breit machen können, schon bei geringer Stütze, das ist’s wohl auch, dass ein so eminent gelehrtes talmudisches Werk wie Öchwarzens Tosiphta-Bearbeitung, eben weil

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