Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 25. (18.6.1891)
- Date
- 1891-06-18
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches "״UL Litteratur-Blatt. Zu Kclneltui aller Jilentha■ 1eä Jiin ketrefftatfea lltterarfschea Er• MhtluiKCi aif dm 6 •kitte der PhUo• •ephfe Geeehlehte, Ethaofraphie» Theo-!•fl« Orleatalla, Exegese, Homiletik, Mtinrik a. Pidwonlk. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Moritz Rahmer. 9H.a<j3e6׳i*t<j., 18. cJwui 1891 Bleh* 4«r •tiMkUfi(•!■ l.ltt«r*tar, walck• »« ■«Uft.Mi «nuill w»r*n. Ii<m 1■ UtM■ Blatt• •i**ek»•« inpneha». a«l Kla•*■••■• 1 *•ז w I Bcetaalo■■• Rxcaplirn arfalvt «tamalla• karic M r atl a ■ laaarlUa. Das ״JSdlsche Litteratur-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buchhandlungen (in Leipzig bei Robert Friesei pro Jahrgang 8 Hark. Abonnehten der ״Israelititchcn Wochenschrift“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten nnd Buchhandlungen 8 Mark zahlen, erhalten das ״Jüdische Litteratur-Blatt gratis. — Inserate werden mit 26 Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden, buohh&ndier n. Lehrer, welche direct o.der durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 % Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Die Philosophie in der Rhetorik Jellineks. Zum 70. Geburtstage des Herrn Dr. Adolf Jellinek. Von Prediger Dr. Leimdörter-Hamburg. — Classisches Talmudstudium. — Litteraturbericht: Recensionen: ש0 עולם Philosophischkabbalistische Abhandlungen und Briete von Rabbi Jonathan Eibenschitz. Von Dr. Immanuel Deutsch-Sohrau. — Meisel, A. W., Dr. 1בות אבות Homilien über die Sprüche der Väter. — Litterarische Notizen: Liturgisches. Litterarische Anzeigen. Unbefugter Nachdruck aus diesem Blatte ist nicht gestattet. Die Philosophie in der Rhetorik Jellineks. Zunt?0. Geburtstage des Herrn I)r. Adolf Jellinek. Von Prediger Dr. Le im dörfer- Hamburg. Oft schon ist die Beredsamkeit des Nestors der jüdischen Prediger unserer Zeit Gegenstand der Besprechung in den Fach blättern des Judenthums gewesen. Aeusserst flüchtig aber wurde auf das Wesen, auf das Originelle, auf das die Jellinek’sohe Rhetorik Kennzeichnende und sie von der anderer Bahnbrecher Unterscheidende hingewiesen. Es war bei Gelegenheit des 100. Geburtstags meines sei. Vorgängers Gotthold Salomon, dessen Andenken ich im Anschluss an seine erste in Hamburg gehaltene Rede zu dem Texte: ״Libbi lechokeke Jisrael“ eine kleineBrochüre widmete, welche über die Prinoipien der Salomon’schen Predigt handelte. Damals wurde in einer Versammlung von Gelehrten Folgendes geltend gemacht: Salomon und neben ihmMannheimer seien die gemüthreichsten, Meisel und neben ihm Stein die poetischsten, Joel der philisophisohste Prediger des Jahrhunderts. Philippsohn legte man das Epitheton eines ״volkstkümlichen“ und Jellinek das eines ״lebendigen Midrasch“, eines ״modernen Agadisten“ bei. Inwiefern das eine oder das andere zutriöt, sei dahingestellt, soviel ist gewiss, dass man den ״lebendigen Midrasch“ als einen Gegensatz zu behandeln versuchte zur philophischen Redeweise Joel’s, weil in letzterem entschieden das psychologische Moment sowohl in den thematischen wie auch in den Textpredigten vorwaltete. Der glänzende philosophisch geschulte Geist Joel’s redete Philosophie und auch die Gewandung seiner grossartigen Ideen trug ein philosophisches Geprägte. Jellinek dagegen redete Thora, verfuhr mehr objectiv didaktisch, populär pädagogisch, setzte seiner grossen Gelehrsamkeit reines Gold in gangbarer Münze um und sprach mehr nach dem Grundsätze: דברה תורה כלשון בני אדב. Es könnte nach dieser Unterscheidung scheinen, dass Jellineks Rhetorik sich mehr an die grosse Masse wendet, hier jene zündende Wirkung hervorruft, die ja zu bekannt ist, als dass mau ein weiteres Wort hierüber zu verlieren uöthig hätte. Dem ist aber nicht so. Wer wie ich jahrelanger Zeuge gewesen der wissenschaftlichen Dispute im Hause Jelliueks, die sich an seine Reden, unmittelbar nachdem sie gehalten wurden, von alten und jungen Vertretern der Theologie knüpften; wer weiter die von stupender Gelehrsamkeit und erstaunlichem Geistreichthum übervollen Noten und Anmerkungen unter den geschriebenen edirten Predigten Jellineks liest: wird finden, dass eine tiefe Philosophie, freilich in anderer Form als bei Joel, hier zum Ausdruck gelangt. Bei Joel ist ein Vorherrschen der Psychologie wahrnehmbar, bei Jellinek ein Prävalieren des Zwecks aller Philosophie, der Ethik. Ist aber Ethik keine Philosophie? Ist Socrates nicht als Ethiker ein Philisoph, führt hier nicht die Fülle des Erfahrenen zu den Grundsätzen der Begriffswelt und diese wieder zu dem Hinweis aaf die Ideutificieriing von Einsicht und Tugend. Weisheit und Tugend ist eins, sie fallen hier zusammen. Und bei Jellinek ist das Prinzip: die Thora sei ein Mittel לצרף את הבריות — d. h. zum Zwecke der Ethik Grundanschauung der Homiletik. All sein Wissen von Natur, Geschichte, Wirken des Geistes aus dem Leben der verschiedenen Völker, vornehmlich aber die Kenntniss des jüd. Schriitthums aller Epochen, sie sind ihm die Welt der Erfahrung, die er mit seltenem Geschicke verarbeitet und nutzbar macht für *las Leben — es athmet alles den Geist und die Methode der Induktion, die die mächtige Wirkung hervorbringt, welche Weise und Unweise, Alte und Moderne austauueu. Er sagt es einmal selber: ״Der Thora Reich ist diese Welt, diese Erde, diese menschliche Gesellschaft, die sie läutern, veredeln und heiligen will. Sie liebt durchaus nicht die Bilder einer träumerischen Phantasie, die Laute der Ueberschwenglichkeit uud Verzücktheit, sie kleidet ihre Lehren in Ge- und Verbote, welche klar und kurz, sioher und bestimmt sind wie die Grundlagen des Zahlensystems. Zu ihrer Verküudiguug bedurfte es eines Maunes, weloher im Hause Gottes, in den Gesetzen der Natur heimisch uud gewöhnt war, die unerbittliche Gesetzmässigkeit uud nicht die Unbestimmtheit und Uuklarheit der Willkür herrschen zu sehen.“ ״Die sittliche Veredlung des Menschen ist der Mittelpunkt der Thora.“ Daher fängt er meist seine Reden mit positiven, nicht abstrakten, allgemein bekannten Dingen an, erläutert sie nicht willkürlich, sondern nach den Ergebnissen der Wissenschaft, verarbeitet sie zum Ziele einer allgemein unabweisbar gültigen Lehre der Ethik. Nur selten tritt er als Schöpfer neuer Bilder aut, es