Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 21. (21.5.1891)
- Date
- 1891-05-21
- Page
- Seite 81 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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״In Folge des Fettmilch’schen Aufstands in Frankfurt haben nicht wenig von den verjagten Juden Unterschlupf in der Grafschaft Hanau begert und endlichen nach vielem Suppliciren mit diesem Beding erlangt, dass sie zur aussführung des Walls bei der Judengassen jedtweder Hausgesess zehn Gulden contri• buiren solle und seindt in der gassen allein fünfzig paar Frankfurtische eheleut mit Kindern vndt Magdt 209 Seelen befunden.“ 5. 1615 wurde der Wall um das Schloss ״justificirt“ und aufgeführt mit grossen Kosten und der Graben! gleichsam zu einem schönen Weg her bequemt, wozu j die frembde Jüdische ־ gest vn״ Frankfurt, deren I 60 Familien in der gassen, jede 15 Gulden gesteuert, j lieber ,כ־נד Andacht. TT־ Von Rabbiner Dr. Landau in Zürich. In seiner jüngst veröffentlichten Schrift ״Zu Bibel* und Religiosphilosophie" (Berlin 1890) Seite 152 drüokt Herr Prof. Steinthal sein Befremden darüber aus, dass wir in der Bibel kein Wort finden, welches den Begriff'״ Andacht“ bezeichnet, ja dass selbst der Talmud kein besonderes Wort dafür ausprägt. Das neuhebräische בונה, meint er, sei ein Erzeugniss jüngeren Datums und tauchte erst im Mittelalter auf. Diese Ansicht ist jedoch nicht zutreffend, namentlich die j letzte Behauptung unrichtig. Die folgende Auseia- י andersetzung soll dies beweisen. Zuerst jedoch müssen wir Steinthal selbst hören: ״Noch mehr aber darf es Wunder nehmen, dass auch im alten Hebräischen unser Begriff ״Andacht“ keine Bezeichnung gefunden hat-auoh nicht im Talmud. Und ist es nun nicht um so überraschender, dass in der jüdischen, auch neuhebräisch genannten Sprache unser deutsches Wort in dem Worte Kawwona sein genau entsprechemles Gegenbild findet? Also weder das alte noch das neue Testament, weder Syrer noch Talmud haben den Begriff der Andacht sprachlich erfasst; aber die Deutschen seit etwa einem Jahrhundert und die Juden •des Mittelalters seit etwa sieben Jahrhunderten. —“ Was nun das Althebräische betrifft, so muss man zwar zugebeu, dass es für Andacht in unserem modernen Sinne kein besonderes Nomen ausgebildet hat. Das Wort שיחה Psalmen 119,97, 99; Hiob 15,4 wird zwar von vielen Uebersetzern mit ״Andaoht“ wiedorgegeben; (siehe Fürst und Gesenius s. v.), aber man kann diese Uebertragung ablehnen, weil שיחה nur vereinzelt auferitt und daun überwiegend doch den Begriff des Sprechens, des lauten Redens bezeichnet. Aber einen zusammengesetzten Ausdruck für Andacht hat schon die althebräisohe Sprache geschaffen und das ist: ״ הכין לבdas Herz auf Gott richten, andächtig sein“. Diese Redewendung treffen wir schon Samuel I 7,3 an.;והכינו לבבכם אל ן; ferner Psalmen 78,8; Hiob 11,13; Esra 7,0; Chronik I, 29,11; Chronik II, 12,33; 27,6; 30,19. An diesen religiösen Terminus knüpft das Neuhebräisohe an und bildete ihn weiter aus bis zum Abstraotum כונה. Statt jedoch des Hiph. gebraucht das Talmudisohe Piel und Hitpael. So sohon die Mischnah, Beraohoth H, 1 כיק לבו, Talmud Nasir 23a שנתכוונו לשם מצוה und an vielen anderen Stellen. B’rachoth 13 b und M'gillah 20, stossen wir auf den Ausdruck — כונת הלב ״die Andaoht des Herzens“. Und nun noch ein weiterer Schritt, das bestimmende Wort לב wird ausgelassen und כונה allein ist der Stellvertreter für Andaoht. ־זו Dass es aber schon im Talmud und in dem Midrasoh kein seltenes Wort ist, bezeugen folgende Zahlen: B’rachoth 13a kommt es 3mal vor; 13b 12 mal; Hrubin 95 b lmal, 96 a dagegen wird es 10 mal gebraucht; P’sachim 114, 4mal; Chullin 12b, 31b mehrmals; auch im Talmud Jeruschalmi Jebamoth VIII, 8 c. Auch den Targumim Sifre (Seite 79 8. v. .והחריש לך) i®fc dieses Nomen nicht fremd; es findet sich in Targum zu den Psalmen 7,4, ferner Targum * Jonathan zum 4. M. 35,20. Hierdurch glaube ich nun, dass ich genügend naohgewiesen, dass schon in der Bibel die Andacht zum vollen Ausdruck gekommen ist, dass ferner schon die alten Mischnahlehrer dafür das Wort Kawwonoh gebildet haben; demgemäss ist es fast ein Jahrtausend älter, als Steinthal es angiebt. Wer aber der Schöpfer dies Wortes gewesen ist, das kann freilich nach den spärlichen Quellen nicht mehr festgestellt werden. Es ist aber eiue grosse Wahrscheinlichkeit, dass der Autor desselben kein anderer war, als Rabbi Akiba. Soweit mir bekannt, ist er der älteste Tanaite, der diese Bezeickuuug gebraucht. Berachoth 13 b ist er es, der behauptet, dass das ganz$ Gebet Sch'ma mit Kawwonoh gelesen werden muss. Berücksichtigt man dessen Vorliebe für Neuprägungen von Namen und Kunstausdrücken (vergl. Landau: die Synonyma für Gott, Zürich 88, Seite 49 Nota 1), und erwägt mau ferner, dass vor ihm dieses Wort nicht auzutrefien ist, so wäre diese Mutmassung wohl berechtigt. Recensionen. The Jewisli (Juarterly Ilovi0w,edited by J. Abrahams and C. G. Montefiore, Vol. III. No. 11, April 1891. London. D. Nutt. 270. Straud, W. O. Die hier erscheinende Jewisk Quarterly Review fährt nach wie vor fort, muthig und hoffnungsvoll ihrem sich vorgestreokten Ziele entgegen zu gehen. Die gelehrten Redakteure und Mitarbeiter derselben scheinen eifrig bemüht zu sein, altes und neues Material auf dem Gebiete der gesammten jüd. Litteratur im Liohte der modernen Forschung zu bearbeiten, um dadurch der besagten Zeitschrift einen bleibenden Werth zu verschaffen. Das oben angezeigte April-Heft der ״Roviow“ steht seinen Vorgängern hinsichtlich der Reichhaltigkeit und Gediegenheit seines Inhalts keineswegs nach, und ist somit wie jene höchst lesenswerth. Der Ehrenplatz wurde darin einem Aufsatze eingeräumt, welcher Monsieur le Rabbin Debre in Paris zum Verfasser hat. Darin wird ein treues Bild vom modernen Judenthum in Frankreich entworfen und zugleich auch auf die Ursachen und Wirkungen hingewiesen, welohe die innerhalb desselben erzielten Fortschritte in religiöser und sozialer Beziehung hervorgerufen und geschaffen haben. Unter den verschiedenen daselbst besprochenen Gegenständen befindet sich auch einer, der auch ausserhalb Frankreichs Veranlassung zum Kritisieren giebt. Dies ist nämlich die zuweilen vorkommende Anstellung eines Rabbiners oder Predigers in gewissen Gemeinden in Folge einer einzigen gelungenen Probepredigt, die nioht selten irre führt und keinen richtigen Massstab für die wirkliche Fähigkeit oder Unfähigkeit des betreffenden Candidaten abgiebt. ״Ich hatte einst — so erzählt der Verfasser —• eine Unterredung über den fraglichen Gegenstand mit dem Präsidenten einer der grössten französischen Gemeinden und er theilte mir scherzweise seine eigene Erfahrung darin mit. Wir haben, sagte er, unsern Rabbiner auf seine einzige inhaltsreiche Probepredigt hin zum Geistlichen gewählt. Seitdem haben wir aber herausgefunden, dass derselbe alle guten Eigenschaffen besitze, die sein Amt erfordert, mit Ausnähme der wichtigsten Eigenschaft, eine gute und interessante Predigt halten zu können“.