Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 20. (14.5.1891)
- Date
- 1891-05-14
- Page
- Seite 76 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492408-5990872-5991339--2242-5368870- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
rikanischen Lebens entsprechende .Schattirangen; er gestaltet z. B. den König Saul zum Präsidenten um. RubinsteinausGrodno.derin New-Orleaus wohnte, theilte auf Ersuchen des Herausgebers der Oxforder Handschrift denjenigen Text der Legende mit, der nun die am meisten verbreitete Version über den König Saul Wahl bildet. Wie Herr Rubinstein versichert, gelang es ihm noch wahrend seines Aufenthalts in Grodno in den Papieren seines Schwagers, Israel Schatzkel, Saul Walils Geschichte zu lesen, die er auch nach der Eriunerung wieder erzählt. Der abe Radziwill, in dessen Händen sich die Leitung vieler wichtigen Staatsangelegenheiten befand, war in seiuer Jugend ein sehr schlechter Mensch. Er vergoss unschuldiges Blut, schrieb den Juden Undinge zu und warf viele von ihnen ins Gefängniss. Als nun das Alter heiannahte, wollte er beichten. Zu diesem Zwecke begab er sich nach Rom zum Papst. Dieser sagte ihm: ״Deine Sünden sind sehr gross, doch können sie Dir verziehen werden, wenn Du 3 Jahre in Gestalt eines Bettlers durch die Welt wandern und Dich nur mit Wasser und Brot ernähren wirst.“ Radziwill nahm diese Busse auf sich. Er stellte seine Güter unter Vormundschaft, vertheilte seine reichen Gewänder und trat im Busshemde seine Reise um die Welt an. Sein fürstliches Wappen trug er jedoch auf der Brust. So wandelte er von einer Stadt zur anderen und kam auch nach Padua; hier gab er sein letztes Geld aus. Ohne Geld, ohne Bekannte, im elenden Busshetnde setzte sich Radziwill erschöpft aut eine Bank, die dem Hause des Rabbiners Samuel Juda gegenüber stand. In diesem Augenblicke schlug ein Wind Radziwills dünnes Gewand auseinander. Der am Fenster sitzende Rabbiner bemerkte nun, wie unter dem Hemde das Wappen aufblitzte. Er schickte hierauf einen Diener hinunter, liess ihn zu sich bitten und empfing ihn mit hoher Achtung. Auf des Rabbiners Frage, woher er komme und welcher Abstamiuuug er sei, antwortete ihm Radziwill, dass er ein einfacher Bauer wäre. Erst auf Drängen des Rabbiners, gab sich Radziwill zu erkennen, erzählte ihm seine Geschichte, dass er jetzt gern nach Hause zurückkehren möchte, ihm aber die nöthigen Geldmittel fehlen. Der Rabbiner übernahm es, den Fürsten mit Geld zu versehen, stattete ihn mit Dienerschaft und Pferden aus und lud ihn ein, •doch als Gast in seinem Hause zu bleiben. Der Fürst nahm die freundliche Eiuladuug an und weilte einige Tage im Hause des Rabbiners. Das Porträt eines wunderhübschen jungen Mannes, das an der Wand hing, lenkte die Aufmerksamkeit des Grafen auf sich. Er erkundigte sich, wen das Bild vorstelle und ob das Original am Leben sei. Der Rabbiner antwortete, dass es das Bild seines Sohnes wäre; ob er aber noch am Leben sei, wisse er nicht, derselbe hätte sich behufs weiterer Ausbildung nach den grossen Talmudschuleu (Jeschiboth( Polens begeben. ״Suche mir meinen Solia auf, sagte der Rabbiner, und Du erweist mir eine grosse Wohlthat.“ Radziwill versprach sein Möglichstes zu thun. Der Fürst kehrte nach Polen zurück. Das Bild des jungen Mannes führte er mit sich. ln Polen angelaugt, erliess er den Befehl, dass alle Ortsrabbmer mit ihren samuitiicheu Schülern ihm auf seiuer Durchreise eutgegenkommen sollten. Die Juden, die Radziwill von der schlechtesten Seite kannten, erschraken schrecklich bei dieser Anordnung und setzten sogar einen Fasttag test. ln einer jeden Stadt musterte Radziwill die ihm entgegengekommenen Jünglinge ganz genau uui ve'־ \ glich ihre Physiognomien mit dem Bilde, das er tt'Vifc I aus der Hand liess. Als er in Brest (Lit'.haueaj ank^ , erkannte Radziwill unter der Menge der Rabbi^erschüler die von ihm gesuchte Person. Er bestimme dem Rabbiner eine Stunde, iu der er ihn mit seineUi Schüler bei sich zu sehen wünschte. Sie fanden siok im Schlosse ein und wurden auch gleich, nachdenL sie angemeldet wurden, iu sein Kabinet geführt. Aut Radziwills Frage, wer er denn eigentlich sei, wollte der Jüngling nicht seinen wahren Namen nennen. Der Rabbiner empfahl ihn als grossen Gelehrten und Ta'.mudisten und sprach »eine feste Ueberzeugung aus, dass der junge Mann nach 2—3 Jahren eine Beriihmtheit werden würde. Nun holte Radziwill Sauls Bild hervor und sagte zu ihm: ״Gieb Dich doch zu erkennen. Dein Vater ist Samuel Juda, Rabbiner is Padua.“ Der junge Mann gestand es hierauf ein. 1 Radziwill räumte nun Saul ein Haus eiu, liess für ihn! vom Rabbiner koscheres Essen kommen, benachrichtigte Sauls Eltern von seinem Funde und theilte ihnen mit, dass er ihm eine Frau vom guten Hause zu geben w äusclie. Saul wuchs indess heran und als er 18 Jahre alt war, gefiel ihm Debora, die Tochter von David, der Vorsteher in Brest war. Drucker willigte in diese j Ehe seiuer Tochter ein. Die Hochzeit wurde auf I Radziwills Rechnung gefeiert, der zum Feste viele polnische, litthauische Magnaten und auch Juden einlud. Zu dieser Feierlichkeit kam auch Sauls Vater nebst I Familie. (Forts, folgt.) Oie Haiberstamm’sche Manuscripte-Collection. Wir sind in der angenehmen Lage, über ein Er-; eigniss von ausserordentlicher litterarischer Wichtigkeit berichten za können, zu welchem die Juden Euglands und besonders die spanisch-portugiesischen Gemeinden herzlich zu beglückwünschen sind. Herr Rabbiner Dr. Gast er, Direct or des ״Judith Lady Montefiore- College“ in Ramsgate, iiat die Halb erst am in’sch« Mauuscripte- Sammlung, 411 Codices enthaltend, käuflich für das College erworben. Die Erwerbung ׳ dieser weltberühmten Collection wird die Herzen und den Sinn der Jaden noch einmal wieder Euglaud zuwenden, wo die reichsten Schätze der hebräischen Litteratur-Erzeugnisse so freundliche Aufnahme gefanden haben. Die Erwerbung dieser Collection ist die bedeutendste, welche seit der Zeit, als die Bibliothek der Bodleiaua iu den Besitz der 0 p p e n h e i m 'sehen und M i c h a e 1’sehen Collectioneu gelaugte, gemacht wurde, nur mit dem grossen Unterschiede, dass die genannte jüngste Erwerbung in den Besitz einer jüdischen Anstalt gelangt und ihren Depositar, die Montefiore-College-Bibliothek hierdurch über alle audern jüdischen Institute der Welt erhebt, sogar über die Bibliotheken zu Cambridge, Berlin, München und Wien. Wir übertreiben nicht, wenn wir sagen, dass es kaum einen modernen Gelehrten giebt, welcher der Halberstamm’scheu Collection nicht zu Danke verpflichtet ist; umfasst dieselbe doch beinahe alle Zweige des menschlichen Wissens, als: Philologie und Philosophie, Grammatik und Exegetik, Geschichte und Geographie, Talmud uud Litteratur der Geonim, liitualia, Liturgica uud poetische Compositionen, die ihres Gleichen schwerlich finden dürften. Führen wir einige der wichtigsten MSS. au, von welchen zum Theil keine zweite Copie existirt: No. 105 ist ein Werk von De Balm es, ganz unbekannt. No. 301 ist eine einzige Copie von Isracli’s Werk, von welchem iu 0 sich nur eiu Bruchstück be-