Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 17-18. (22.4.1891)
- Date
- 1891-04-22
- Page
- Seite 67 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/6492408-5990872-5991337--2231-5368859- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
«- 67 Einerseits hat man Mühe angewandt, die Quelle! dicker wunderbaren Nachricht aufzufinden, andererseits suchte man auch, wenn es auch nicht gelang, ihre Wirklichkeit zu beweisen, sie wenigstens wahr- ן scheinlioh zu machen. Es lässt sich vermuthen, dass Joachim Lelewel auf Ersuchen seines Freundes, des Herrn Lubliner, sich bemühte eine Quelle für dieses Märchen zu finden. Aber umsonst. Die Folge der ausserordentlichen Bemühungen Lelewels war sein Geständniss, dass das über den polnischen Juden-König Veröffentlichte gar keinen historischen Boden habe. Ungeachtet des entschiedenen Urtheils des berühmten Historikers behauptet einer der oontemporären Schriftsteller (Kraushar), dass man an der Existenz der königlichen Persönlichkeit Saul Wahls nicht zweifeln könne, da uns davon Fakta, wie auch die Anwesenheit der Nachkommen Wahls, die jetzt in Lublin wohnen, überzeugen. Meiner Meinung naoh, sagt Mazeiowsky, führten folgende Umstände die Verfasser der Fabel über den Juden-König irre: Lelewel theilt uns mit, dass irgend ein Jolowitsch in den Oxforder Handschriften darüber las, dass Saul aus Brest-Litowsk, der als Knabe von Padua naoh Polen kam, daselbst ein berühmter Mann wurde. Nach dem Tode Sigismund Augusts soll er auf Vorschlag Radziwills zum Präsidenten und Interrex der Rebschy Pospolitoi Polsky ernannt worden sein. Dieses Amt bekleidend, verfügte er über die königlichen Akten und trug in dieselben Privilegien für die Juden ein, u. A. dass man den Mord eines Juden mit dem Tode bestrafe etc. Daraus sollte man folgern können, dass Saul und seine Nachkommen den Namen Wahl (deutsches Wort: Wahl, Erwählter) erhielten, daher auch Sauls Titel: Magnat, Fürst, König, Gesetzgeber. Dasselbe veröffentlichte Herr Edelmann aut Grund der Handschriften Denis Moisesoh’s. Er fügte nur hinzu, dass Saul auch dann das Schicksal des Reiches beeinflusste, als er die Krone niedergelegt hatte, da er mit dem Kronkanzler Jan Samoisky befreundet war und gemeinschaftlich mit ihm Sigismund III. in Krakau auf den Thron erhob, wotür ihn dieser (oder etwa für seine erwiesenen Dienste) mit einer goldenen Kette beschenkte. (Fortsetzung folgt.) Noch einmal פוקד (Gott ,ahndet’ oder ,gedenkt’?). In der ״Neuzeit“ sucht Jellinek anscheinend die Bedeutung von ״ahndet“ zu rechtfertigen. Er polemisirt nicht direkt gegen unsre Deutung ״gedeukt“ (Lbl. No. 2); es ist ihm vielmehr zunächst darum zu thun, den neuen Verfolgungen der Juden durch die russische Barbarei gegenüber das ״Gott ahndet“ ins Gedäohtniss zu rufen und unsere Zeit daran zu erinnern, dass die folgenden Generationen noch für solche Sünden der Väter zu büssen haben würden. In gerechter Theiluahme und Erregung macht er einen letzten Versuch, den rollenden Stein aufzuhalten, ehe es ״zu spät“ ist. Wir sympathisieren mit diesen Bestrebungen, denn wie könnten wir anders als ebenfalls das Unrecht bekämpfen und das Reoht unterstützen! Aber es ist uns auch darum zu thun, die Wahrheit zu fördern, deshalb vertheidigen wir nochmals die Deutung: ״Gott gedenkt“. J. sagt: Gott verfolgt mit Ernst und Eiter das Böse, er muss die Sünde strafen, er kann und darf sie nicht ungestraft, ungeahndet hingehen lassen, um des Guten willen, das er fördern will. Soweit gehen wir ganz mit J. Aber J. sagt weiter: Gottes Strafgericht ist die natürliche Fdge von Ursache und Wirkung, ist der Causalnex, der sich, wie in der Natur, so auch in Geschichte und Leben der Menschen und Völker geltend macht und als Causalwirkung ebenso wenig dort wie hier ausbleiben kann. Hier stimmen wir nur zum Theil zu. Die böse That hat freilich auch ihre natürliche Wirkung und Folge, aber damit erschöpft sie sioh nioht, denn ihre Wirkung und Folge ist auch eine moralische. Ferner: Gottes Waltung in Geschichte und Leben ist nioht, wie in der Natur, eine mechanische Aneinanderreihung von Ursache und Wirkung, nicht ausschliesslich eine naturgesetzliche Folge, denn da würde die göttliche Waltung aufhören das zu sein, was sie sein soll und will: ein bewusstes, von Gottes Allmacht, Gerechtigkeit und Liebe geleitetes Eingreifen in die Handlungen der Menschen, ein Correctiv zur Abwendung von Gefahr und Wirkung. Auch wir Menschen treten schon in der Natur den nachtheiligen Folgen von Ursache und Wirkung entgegen, dämmen die Hochfluth und heilen die Schäden von Hitze und Kälte : so sucht auch Gott den rollenden oder fallenden Stein vom Haupte des unschuldig Gefährdeten abzuhalten, denn seine Liebe will, seine Allmacht kann dies. In der moralischen Welt hilft nur Umkehr vom fälschen Wege, auf den der Mensch gerathen ist; wohl ihm, wenn er auf die Stimme Gottes hört, die ihn zurückruft, denn Gottes Thaten sind seine lauten Reden, sie retten auf dem abschüssigen Wege vor Unfall und Verderben. — ״Gott ahndet bis ins dritte und vierte Geschlecht.“ Ist die göttliche Ahndung blos natürliche Wechselwirkung, so tragen wir: warum dauern die natürlichen Folgen so lange oder so lange? Wir können uns denken, dass J. in Eifer für das Recht und das schuldlos unterdrückte Israel an die Völker einen warnenden und mahnenden Haltruf ergehen lässt: ״Bedenket die Folgen für euch und die Zukunft, Gott ahndet bis in das dritte und vierte Geschlecht. Aber wir glauben, nicht, dass J. eine exegetische Erklärung des Bi bei worts abgeben will, ohne zu bedenken, dass er den Gegnern des Judenthums Concessionen macht, indem er die Juden aus den Händen ihrer Feinde zu retten sucht, indess Gefahr läuft, den Gott der Bibel als eineu Gott der ״Rache“ hinzustellen. J. ist zwar weit entfernt, Gott als rachsüchtigzu denken, aber er nennt Gottes ätrafgericht eine natürliche Folge der Sünde im Zusammenhang von Ursache und Wirkung. Diese Anschauung schliesst die Mitwirkung Gottes, seine Waltung, Liebe und Gerechtigkeit aus; sie beruht auf dem meohaniseh wirkenden Naturgesetz und bedarf keiner Hindeutung j auf das biblische ״Gott ahndet bis in das dritte und! vierte Geschlecht“. Anders ist es mit unserer Deutung:! ״Gott gedenkt der Sünden der Väter bei den Kindern und Kindeskindern, Enkeln und Urenkeln, wenn auch j sie sündigen (לשנאי)“ d. h. die Sünden der Väter nach- ' ahmen, um nicht in Ungerechtigkeit raohsüchtig sie | zu bestrafen und die Sünden der Väter au ihnen noch ן zu ahnden, sondern in Nachsicht ihnen zu vergeben, 1 weil und so lange sich der Einfluss der sündhaften! Eltern geltend macht, was in der R9gel 3 und 4 Gej sohlechter hindurch, nicht länger, dauern kann. Schuld- | lose, die Sünde der Väter nicht nachahmende Naohkommen gehen also nach dem Wortlaute der Schrift, die nur von dem Fall selbst sündiger Kinder (לשנאי) redet, frei aus, die Ahndung Gottes kann sich demnaoß. nicht in der Wirkung eines Causalnexus fortsetzen, und nach dem vierten Geschlecht ist der Causalnexus ohne dies aufgehoben und di6 etwaige Sünde eine selbstständige. Di*Deutung .,ahndet“, wird also von den That- Sachen ausgeschlossen und schliesst selb-t Uie göttliohe Waltung aus, die Deutung ,,gedenkt“ dagegen widerspricht weder den thatsäohliok&n Folgen uocu der religiösen Anschauung.