Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 17-18. (22.4.1891)
- Date
- 1891-04-22
- Page
- Seite 66 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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bestraft :wurde, warj damals7 noch in voller Kraft. Heinrich Yalois und Stephan Batory bedienten sich beim Besteigen des Thrones diplomatischer Dienste der Juden. Einer der Vorsteher der Posenschen Gemeinde, Simon Ginsburg, wohnte den Sitzungeu im ״königlichen Rathe“ bei, auch die Königin Bona hatte gern einige Juden um sich. Der Postlegat Kommendoni*) beschreibt erstaunt und ungehalten die blühende Lag« der polnischen Juden, die sich mit• Ackerbau und Viehzucht beschäftigen, als Handwerker ihre christlichen Goncurrenten übertreffen und mit Danzig und Zadegradom in Geschäftsverbindung stehen etc. Dies Alles müssen wir iu Betracht ziehen, wenn wir die Sage über die eintägige Regierung des Rabbi Saul historisch beleuchten wollen. Es irren diejenigen, welche die Sage als Produkt der Phautasie, das Faktum der Wahl als Extravaganz der zur Wahl versammelten Parteien ansehen, die, als sie Radziwill in Begleitung des Juden sahen, dem Fürsten zuriefen : ״Also dies ist dein König? Gieb ihn uns her! Es lebe Saul, der König Polens41. ״Ich“, sagt Gold bäum, ״erkläre mir die Sage einfacher und natürlicher. Als der Wahltag sich seinem Ausgang zuneigte und die verstockten Parteien keine Majorität weder für einen Schweden, noch für einen Oesterreicher bekommen konnten, schickte Radziwill den weisen Saul hin, damit er sich bemühe, die Hartnäckigsten der Gegner zu beschwichtigen und auszusöhueu. Als nun die ehrerbietige und ruhige Figur Sauls unter der erhitzten, ereiferten Menge erschien, tauchte derselben plötzlich der Gedanke auf, den Faktor Radziwills an die Spitze zu stellen, bis sich die feindliche Richtung beruhigt hätte und der wirkliche König gewählt werden könnte. Radziwill und Samojsky, die der Familie Saul wohlgeneigt waren, hatten gegen dieses Projekt nichts einzuwenden. Die Brüder Sborowsky mochten nach üeizenslust zürnen und opponireu, aber was konnten sie der Mehrzahl gegenüber vornehmen? ״Und so wurde Saul von Brest-Litowsk, der Sohn des Paduanischen Rabbiners, König auf eine Nacht, ein gefärbter König, ein König in absracto, wie sich einst Stephan Batoiy im Landrathe über jene Vorgäuge ausser te. Den 16. August 15S7 Abends begann seine Regierung, den 19. Morgens endigte sie, und ging noch an demselben Tage huf den schwedischen Prinzen Sigismund III über. ״In Israel herrschte zu jener Zeit grosses Staunen und leise Freude. 1500 Jahre dauerte schon das Umherstreifen, die Verfolgung und die Unterdrückung der Juden. Die Krone der Wissenschaft zierte wohl schon einige Nachkommen Ahasverus’, nun ruhte auch die Krone der Macht auf dem Haupte eines der ihrigen.“ ״Die glücklichen Nachkommen des Rabbi Saul tragen noch nach Jahrhunderten eine lebhafte Eriuuerung an ihren gekrönten Almen im Herzen. Wenn es Söhne, Enkel oder Urenkel waren, so eilten Väter ihnen tausende Meilen entgegen, um ihnen die reichsten israelitischen Töchter anzubieten; wenn es Töchter*) oder Enkeltöchter waren, so gab es keinen Ruhm, keine Gelehrsamkeit, die ihnen nicht zu Füssen gelegt wurde. Dem Israel hat keinen würdigeren Sprössling, als den, der dem königlichen Geschlechte entstammt, und nichts Heiligeres als Gottes Gnade, die in jener Nacht auf Rabbi Sauls gesalbtem Haupte ruhte. In vielen Häusern Englands, Polens und Deutschland bewahrt man noch jetzt dem Könige Rabbi Saul ein ehrendes Andenken. Mit vor Freuie strahlendem *; Die Auakünlte, aut die sich Goldbauin beruft, stammen nicht vom Ourdinal Kommendoni, sondern von dessen Sekretär Ciray.inui aus dem Werke: ״l.'asLeheu desCurdinalsKommendoni4'. **) Saul hatte nur eine Tochter. Antlitze zeigen da Wirthe ihre Geburtstabellen, an deren höchster Spitze die Namen Sauls aus Brest- Litowsk uud seiner gesegneten Frau in goldenen Buchstaben prangen.“ Wir werden uns nicht lange mit der historischen Auflassung H. Goldbaums aufhalteu, da die Leser eine ausführliche Kritik darüber in einem Artikel W. A. Mazeiowsky finden; als Widerlegung für den von Goldbaum augenommeuen Standpunkt kann auch unter anderem unsere Auseinandersetzung dienen. Der Frage ״Saul Wahl“ widmete der berühmte Gelehrt« W. A. Mazeiowsky in seiner letzten Arbeit*") einen besondern Abschnitt unter dem Titel: ״War ein Jude während eines Tages König von Polen?“ Indem er die Vorgänge kritisirt, trägt auch Mazeiowsky seine eigene Ansicht über die Entstehung der Legende vor. ״Auf die Zwisohenregieruug nach dem Tode Stephan Batory’s, sagt er, bezieht sich die besonders charakteristische Nachricht, welche die Aufmerksamkeit der Forscher früher uud auch jetzt auf sich lenkte, die Nachricht über einen Juden-König. Eine Variaute zu dieser Mittheilung wurde in den Oxforder Handschritten entdeckt, eine andere in einer Broschüre von Denis Moisesch auf Grund der an ihn gerichteten Briete verschiedener Personen veröffentlicht. Indem er darauf auf die angeführte Meinung Lelewels hiuweist, fährt Herr Mazeiowsky folgendermassen fort. Unser Quelleuhistoriker verneint nicht unbedingt die Naohrioht bezüglich eines jüdischen, polnischen Königs, obgleich er auch geueigter ist die Wurzel dieser Legende in den Mittheilungen der Zeitgeschichtsschreibar über die Königswahlen durch Loose zu sehen, als den Erklärungen des Gelehrten Jolowitsch Glauben zu schenken. Wer Jolowitsch war, theilte uns Lelewel nicht׳ mit. Dies war schliesslich auch nicht nöthig, da Jolowitsch’sErklärungenkeineBedeutung beigelegt wird. Viel wichtiger ist die Berufung des Historikers aut die Chronikschreiber, aber auch dies klärt nicht die Sache genügend auf, da diejenigen von ihnen, die über das Erscheinen der Juden iu Polen sprechen, sich nur auf die 2. Hälfte des XI. und die 1. Hälfte des XII. Jahrhunderts beziehen. (Gail und der Magister Winzenty, genannt Kadlubky.) Aber auch diese Schriftsteller erzählen fast nichts über die politischen (?) Beziehungen der Söhne Israels zum polnischen Volke. Ich, sagt Mazeiowsky, setze voraus, dass die Sage über den ״Juden-König44 auf Grund der alten Sagen über Könige, die aus der Mitte des Volkes gewählt wurden, erdichtet worden ist. Als Ursache der Neubelebung dieser aus dem 2. Interregnum stammenden, als halbvergessene Sagen, beim Durohbreohen der Jagellonischen Dynastie, kann wohl eine spasshatte Erzählung über die Erhebung eines Bauern Badur, auf den Königsthron angesehen werden. Der den polnischen Bibliographen wenig bekannte Peter Barika schrieb, naoh dem Muster der Erzählung über einen Bauern, dem Spassvögel einredeten, das» er König wäre und die in ganz Europa cursirte, einen ähnlichen Spass über den polnischen Soltis (Badur). Als Naohahmung dieses Sp&sses ist auch die Sage über den ״Juden-König“ anzusehen, der nach Stephan Batory einen Tag über Polen regiert haben 8011. Obgleich dieses Märchen nicht auf der Scene aufaelührt wurde (wie das über Badur), so wurde es doch nichts destoweniger der Gegenstand bald obertlächlicher, bald tiefer Nachforschungen. **) W. A. Mazeiowsky. Die Juden 111 Polen, ]tus»lani und Litthaueu. Warschau 1676. •Der »Saul Wahl gewidmet Abschnitt heiiudet sich »Seite 136 u. v.3—133 .׳ö.;