Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 16. (16.4.1891)
- Date
- 1891-04-16
- Page
- [Seite] (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Viel mehr Aufmerksamkeit schenkt Kr&ushar der Legende über Saul Wahl, obgleich er auch hier aua Mangel an genügendem Material bei der genauen Entscheidung dieser Frage den Mittelweg vorzieht. Wie wir aus Früherem ersehen können, verhält sich Lelewel gegenüber der historischen Authenticität, betreffs des Faktums über einen König-Juden vollständig skeptisch: ״Was uns anbetrifft, sagt Kraushar, entschliessen wir uns, nicht an der Existenz Saul Wahls zu zweifeln. Dazu haben wir ja genaue und keinem Zweifel unterliegende Beweise; auch die Nachkommen Wahls, die noch jetzt in Lublin existiren, verleihen diesen Beweisen eine noch grössere Wahrscheinlichkeit. Nach unserer Meinung schimmert durch diese Sache eine Ausschreibung der Babinischeu Republik, die z. Z. Sigismund Augusts und auch später nicht die letzte Rolle im häuslichen Leben des ״Rietchi Pospolitoi“ gespielt hat. Ja, der reiche und weise Saul war beim vollständigen Contraste der jüdischen Sitten zu den Sitten der hochmüthigen und ritterlichen Schljachte des alten Poleus, ein prachtvoller JFund für die Babinisclie Republik.“*) In den Volksüberlieferungen bewahrte sich bis zur heutigen Zeit Erinnerungen über die beneiienswerthe Lage der Juden in Polen. Obgleich der historische Kritiker diese Erinnerungen auf die Zeit der Nachfolger der jagellouischen Dynastie bezieht, liefern unserer Meinung nach auch Fakta aus der Zeit Sigismund Augusts Material für einige grell ange __ strichene Legenden, die vorübergehender Erwähnung werth sind. ״Zur Zeit Sigismund Augusts lebte in Brest- | Libowsk eiu reicher Israelit, Namens Saul. Wegen, seiner Gelehrsamkeit und Freigebigkeit Armen gegenüber, geachtet, befand er sich in fortwährender Be- Ziehung za den einflussreichen, mächtigen Sohljachtizhäusern. Nun geschah es einmal, dass bei einer stürmischen Sitzung des Landtags zu der Saul eingeladen wurde, um den entstandenen Streit zu eutscheiden, er solch einer allgemeinen Anerktanung begegnete, dass dadurch unter den Juden Gerüchte zu oursiren begannen, Saul wäre zum Vorsitzenden des; Slims (?) gewählt. Im Laufe der Zeit gewann dieses Gerücht solche Bestimmtheit, dass jetzt unsere Juleu behaupten, einer ihrer Glaubensgenosseu wäre zim polnischen Könige erwählt und hätte während einer Nacht regiert.“ ״Wieviel Wahres an dieser Sige ist, sagt Kraushar, 1 ist schwer zu entscheiden. Keinem Zweifel unter- 1 worfen ist aber das Faktum, dass die Legende den! Charakter einer historischen Wahrscheinlichkeit bekommen hat, noch jetzt lebt und mit Stolz die Herzen der Glaubensgenossen Wahls erfüllt. Eine kleine Schrift, die im Englischen herausgegeben wurde und eine hebräisc.ie*) Broschüre, die ausführlich diesen Gegenstand behandeln, schildern uns in lebhaften Farben das Faotum der Wahl ״Wahls“. *) Für die Leser, die mit der ״B&hinischeu Republik“ nicht bekannt sind, erlauben wir uns folgende Mitteilungen aus den Werken Babinski’s und Lipinski’s (Das alte Polen II Seite 1101 und 101g.) zu macken. Babin war ein, aus einigen Theilen bestehendes grosses Dorf auf dem Wege von Lublin nach Rjeschitz, etwa 2' , Meilen von der ersteren und I von der letzteren Stadt entfernt. Dieses Dorf ist in den Volkshandlangen dadurch berühmt, dass sein Besitzer, der Lubliner Richter Stanislav Pschouka unter der glücklichen Regierung Sigismund Augusts daselbst die sogenannte ״Babinisclie Republik“ gründete. Dieser geistreiche und aufgeklärte Mann und sein Freund Peter Kaschewsky. ebenfalls Richter zu Lublin, stellten sich zur Aufgabe die Sitten mit Hülfe des ״Scherzes“ zu bessern. So bildete sich in Babin eine scherzlustige Gesellschatt, die der ״Retsolije Pcspolitoi Polskoi“ nachgebildet war und auch ״Ketscbje Pospolitoi" genannt wurde. Ein jeder, der sich etwas in Wort, oder Handlung zu Schulden kommen Hess, der eine ungeluugene Mittheilung machte, oder sich einen schlecht angebrachten Spass erlaubte, der prahlte etc konnte dessen gewärtig sein, in der babmischen Republik ein Amt zuertheilt zu bekommen, das seinen Talenten entsprach. Wer schlecht sprach hatte das Amt eines Staatsredners zu bekleiden; wer sich sehr seiner Iieldenthaten brüstete, wurde zum lletman ernannt. Demjenigen, der sich in unpassender Zeit, z. B. beim Schmause, vom Jähzorn hingerissen, unehrerbietig über Religion äusserte, wurde das Amt eines Piedigers oder Inquisitors zuertheilt etc. Hauptsächlich benutzten die geistreicüen Begründer der babinischen Republik verschiedenartige Zufälle, Extravaganzen bei öffentlichen Versammlungen, Gastmählern etc, um so!! >rt dieser oder jener Person, ihren Aeusserungen und dem Benehmen entsprechend, ein gesiegeltes Patent zur Bekleidung dieses oder jenes Amts zu übersenden. Niemand, sagt Sarnitzky, verstand besser als sie, einen Menschen seiuen Reden, seiner Handlungsweise, ja Physiognomie naca zu erkennen. Nicht einem Jeden wurde das Amt, um das er sich bewarb, bewilligt. Verleumder und Klatscher von Profession waren von dieser Versammlung ausgeschlossen. Aulangs theilten Pschonka, Kaschewsky und ihre Freunde die zur Leitung der Republik nöthigen Aemter unter einander. Pschonka war Burggraf oder Verwalter von Balnnsk, Kaschewsky — Kanzler. Späterhin nahmen alle thätigen Leute der Gemeinde wie z. B. 'i'arnowsky, Jan Sauioisky. Pntozky, Ossolinsky, Misehkowsky, auch die berühmten Gelehrten jener Zeit, wie Niwlai Rei, Jan Koclianowsky. Tschezjeskv, Senn, Paprozky an der Verwaltung der babinischen Republik Antheil Sigismund August hörte mit hohem Interesse allen Nachrichten über die bab. Rep. zu. Einst trug er, die an seinem Hofe anwesenden babinischen Beamten, unter denen sich auch Pschonka befand: Existirt ein König in Euerer Herrschaft? Der kluge, listige Burggrat antwortete ihm daraut: ״Gott hüte uns, dass wir bei Deinem Leben au die Wahl irgend eines andern Königs denken sollen. Regiere, gnädigster König, in Polen und in der babinischen Republik." König .Sigismund August fühlte sicli nicht nur nicht beleidigt, gondern lachte auch selbst viel darüber. (Fortsetzung folgt.) Nachlese zu dem Targum der 5 Megilloth. Von Dr. Jacob Re iss, Rabbiner in Kuttenplan. (Fortsetzung.) Im Targum I z. d. B. Esther Cap. 2,21 ist ia der Stelle ליה רבותא לםלר,א הרי־ הלופנתרין ולאוקמא חד בכין das Wort בכין unverständlich und räthselhaft. Levy in seinem chali. Lexikon B. I S. 79 bringt diese Stelle unter d. W. בביין; er vermuthet, dass בכיין statt בכין zu lesen sei und übersetzt sie ״es ist keine Art, zwei Fürsten abzusetzen und einen Pförtner aazustellen.“ Für בכיין in der Bedeutung ״Pförtner, Thorsteher“, kommt sonst keine Beweisstelle bei Levy vor. Im B. I, S. 97 wird unter d. W. בכיין wieder aut ' unsere Targumstelle hiugewiesen und dieselbe Vermuthuug wiederholt. Unter dem Worte ברבראי ist I im chald. Lex. v. Levy B. Ij S 1L3 die blosse Ver-! muthaug schon zur Gewissheit erhoben und als sicher; behauptet, dass unsere Targumstelle ״ בכייןPförtner“ j hat und wird mit diesem neu gebildeten Worte daselbst! auch die ähnlich lautende Stelle im Midrasch Esther 1 z. Cap. 2,21 näher erklärt. Höchst wahrscheinlich verleitet durch diese Angabe und Erklärung Levy’s l bemerkt Dr. August Wünsohe in seinem Midrasch 1 z. d. B. Esther S. 45 Anmerkung 3 fast wörtlich ״da 1 das Targum בכיין hat, so ist vielleicht auch ברברי I gleich בביין zu nehmen. Der Sinn wäre dann : der drausseu (an der Thüre) sich aufhält“. Dieselbe I Targumstelle ist nochmals im chald. Lexikon B. II, , S. 365 unter d. W. קלופנתרא angeführt und abweichend v. B. 1, S. 79 übersetzt ״es ist kein Ruhm, zwei 1 Züchtiger (Trabauten) abzusetzen und einen Weiner (oder בביק Pförtner, näml. Mordeohai) anzustellen“. | Der erste Theil diese!׳ Targumstelle ist auch angel führt und übersetzt im chald, Lexikon B. II, S, 399 unter d. w. רבו. Der Kommentar מחנות כהונה zu Midrasch Esther R. Cap. 2,21 macht es umgekehrt; *) Damit ist wohl das iu London (1804) von ll.Edeimaaa herausgegebene Schrittohen גדולת שאול gemeint. (Red.)