Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 15. (9.4.1891)
- Date
- 1891-04-09
- Page
- Seite 58 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 87% known words query
- IRI
…/6492408-5990872-5991334--2220-5368847- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
— 58 — der bekannte Historiker Joachim Lelewel. In seinem Anfsatae ״Das mittelalterliche?0160**1 sagt er Folgendes: ״Ueberall behaupten die Juden, dass einer der ihrigen über Nacht polnisoher König war. Davon stammt anch das Sprichwort der deutschen Juden :v ״Das wird nicht länger dauern, als Saul Wahls' Königthum“. ״Vor langer Zeit einigte sich die Sohijachta (Kleinadel), die zu keiner Debereinstimmung betreffs, der Wahl eines der vielen Präsidenten auf den Thron gelangen konnten, dahin, denjenigen Reisenden zum Könige zu wählen, der zuerst auf dem Landwege er• scheinen werde. Saul beschloss ganz früh in seinem ־Wäglein auf die Strasse zu fahren und wurde zum provisorischen Könige ausgerufen Daraus entstand die unter den Juden allgemein bekanntgewordeneBezeiob• nungSchoel-Boel. Die Grossmutter unseres Landmannes, des Advokaten Lubliner, vom Geschlechte dieses Saul, schärfte immer ihrem Enkel ein, dass in- Semjatitsch ein Dokument aufbewahrt sei, das in goldenen Buchsta’!1 zweifellos den Herrschertitel ihres Vorfahren bestätige. ״Seit langer Zeit bestehen Sagen von Kön!ויי־׳, die durch besondere Zufall (Loos) auf den Thron bei! worden, hier durch das plötzliche Erscheinen eiues Feuers, da durch das Wiehern eines Pferdes, bald durch iigend eine andere Vorbedeutung. Die polnischen Jahrbücher erwähnen auch ein derartiges Mittel. . Man kann daher denken, dass Schoel-Boel (d. h. Saal-König) sonderbarerweise ein Widerhall dieser Ueberlieferung ist, die in das graue Alterthum hineinreicht. Indess ist nach den Erklärungen des Gelehrten. Jolowitzsoh 801011 eine Vermuthung nicht richtig. Aus Hand- Schriften der Oxforder Bibliothek entnahm er, dass einst in Padua ein Rabbiner Samuel Juda lebte, dessen Sohn Saul in Padua die Wissenschaft erlernte und eich darauf nach Polen begab; daselbst erwarb er sich, nachdem er in Brest Litowsk geheirathet, Dank seiner außerordentlichen Unternehmungskraft, ungeheueren Reichthura. Es trug sich dabei zu, dass einer der Fürsten ltadziwill bei einer Reise durch Italien, in Padua in Geldverlegenheit gerieth. In seiner Noth wnudteersichandeultabb.SamuelJuda Dieser verschaffte bereitwillig dem Fürsten die gewünschte Summe. Als Dank für diese Gefälligkeit versprach Radziwill den Juden Gates zu erweisen und auf Saul sein Augenmerk zu lenken. Nach Polen zurüokgekehrt, lud er wirklich Saul zu sich eiu und knüpfte nit ihm dauernde Beziehungen an. Als nan im Interregnum, naoh Sigismund Augusts Tode, die Magnaten sich nicht bei der Wahl eiues Königs einigen konnten, 80 wählten sie auf den Vorschlag des Fürsten Radziwill den ihm lieben Saul zum Präsidenten der Wahlversammlung und provisorischen Könige auf eine Nacht, überreichten ihm die Kronakten, iu die Saul priveligirte ßestimrnungen für die Juden eintrug, u. A., dass die Ermordung eiues Juden mit Todesstrafe gesühnt werden müsse. Kraft dieses Ereignisses bekamen Saul und seine Naohfolger den Namen Wahl, d. h. Erwählter. (Ein passendes poluisches Wort fanden sie wohl nicht, dasieden lateinischen terminus ״eleotio" dafür benutzten.) Saul Wahl wird nun in den jüdischen Büchern als Magna', Fürst, König, Gesetzgeber de3 Volkes titulirt. ״England, das sich ja überhaupt damit brüstet, Exkönigen ein Asyl zu gewähren, birgt in Londons Mauern Denis Moses Samuel Esquire, einen Naohkömmling des Saul Wahl, wohl einen Erstgeborenen, da sich in dessen Händen die Krone befindet. Diesem **) ״Das uiittelalterliche Polen“ 2 B. S. 419.-Posensche .Ausgabe 105U. Zum Bedauern konnten wir diese Ausgabe in hiesigen Bibliotheken nickt bekommen und tilhren in Folge dessen Lelewels Worte aus Kraushars Schritt an. ist auoh bekannt, dass Saal Wahl im Jahre 158 7 Sigismund III naoh Krakau begleitete. Seine Magnatenkette vermachte Saul den Armen.“ ״Saul Wahl war ohne Zweifel sehr reich, da er in Brest 2 grosse Synagogen, 2 Bäder, einige Sohulgebände, einen Schlachthof und ein Waisenhaus bauen liess. Unlängst wurde bei dem Einreissen einer Synagoge sein in Marmor gehauener königlicher Herb (?) gefunden, der einen Löwen vorstellt, der sich selbst eine Krona aufsetzt und neben dem sich ein Adler befindet. Ausserdem ist es auch bekannt, dass die Familie Wahl, die von Saul herstammt, früher und auoh später den Namen ״Katzenellenbog״n“ trug. Cartnoly versichert auch, dass er genau die Genealogie der Wahl und die Zeit ihres Erscheinens kenne; er behauptet, dass die Familie keine italienische, eoudern eine deutsche, aus Deutschland stammende sei, und dass die Legende über Saul seine Herkunft nur dein Beinamen ״Wahl" zu danken habe; von der Legeude bildete sich auch das deutsche (jüdische) Sprichwort.“ (Fortsetzung tolgt.) Nachlese zu dem Targum der 5 Megilloth. Von Dr. Jacob ltei88, Rabbiner in Kuttenplan. (Fortsetzung.) . “ \ In dem Targum zu dem Buohe Echah kommt dreimal vor das cbaldäisohe Wort רתע und zwar Cap. 1,8 ורתיעת לאחורא zur Textesstelle ותשב אחור; ferner Cap. 1,13 ארתיעני קדל zur Textstelle השיבני אחור; dann Cap. 2,3 .ארתע לאחורא ית ימיניד zur Textstelle השיב אחור ימינו. Levy in seinem chahiiiischen Lexikon (B. II, 8. 441) bemerkt unter d. W. רתע, dass dasselbe ״vor Sohreck zusammenfahren, zittern, beben“ und im Afel ״zusammenfahren lassen, beben machen“ bedeutet und übersetzt obengenannte drei Stellen: a) ״sie bebte zurüok*; b) ״er liess miob mit dem Nucken zarüokbeben“; 0) ״er liess zurückfahren seine rechts Hand". Ausserdem sind daselbst noch zwei Stellen angeführt, welohe die Richtigkeit der angegebenen Bedeutung dieses Wortes darthun sollen und zwar eine Stelle aus dam Targum zum Hohenüede Cap. 2,5 ״ זעית ורתעית בתראיich zitterte und bebte zuri 10k“, ferner Traktat Parah, Abschnitt 3, Misohnah 3 נרתע לאחוריו ״er bebte zurück“. Levy soheint aber iu seiner Auff&ssung des Wortes רתע sich geirrt zu habe! Das Wort רתע iu Verbindung mit אהורא oder קדל oder 'בחרא bedeutet durchaus nicht ״vor Schreck zusammenfahren, zittern, beben" und im Af. ״zusammonfähren lassen, beben machen", sondern ״umdreheu, sich 11 indrehen, am wenden, sich umweuden, zurück wenden, sich zurückwenden, umkehren, sich umkehreu, zurückziehen, sieb zurüokziehen". Keine bessere Beweisstelle kann dafür angeführt werden, dass רתע in Verbindung mit אחורא nur diese Bedeutung hat, als Talmud Babli Traktat Nasir fol. 32b. Dort heisst es iu der Misohnah: Mehrere gingen des Weges und sahen, dass ein fremder Mensoh ihnen entgegenkam u. s. w. Dann heisst es weiter in derselben Misohnah: הרתיע לאחוריו. Wenn aber der ihnen Entgegenkommende sich umgekehrt hat und zurüokgeg&ngen ist, so dass nicht bekannt wurde, wer er war u. s. w. Nur diese Bedeutung kann daselb'st הרתיע לאחיריו haben, sowohl n&ob der Gemara fol. 34 a. wie auch naoh sämmtlicen Commentatoren. קדל uud בתראי sind aber synonym mit אחורא. Cap. 1,9 ist daher zu übersetzen: ורתיעה לאחירא .,sie kehrte um“ oder ״sie zog sich zurück“; Cap. 1,13 ארתיעני קדל קדם) בעלי דבבי) ist zu übersetzen: ״er liess mich den Nacken umdrehen (zu ergänzen ״vor“) meinen Feinden“ d. h. er trieb mioh zurück. Man vergleiche hiermit den Ausdruok מחזרי קדל in den Targumim zu Ex.