Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 15. (9.4.1891)
- Date
- 1891-04-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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X! 15. Jüdisehes Mrg. XX. MUT f.r 1l.lcachta.1t •lln Ja4«othaa1 aa< Jiita h.tTttr.a4«1 :lftcrari.ch.a Kr• •rteJaalgea aaf 4«a1 fl.klata der Phil*• •*.hl* flearhleht., Kthaoaraphl«, The«• ]•fle OrleaUlla, Freue«*, Renlletli. Lltantlk B. PI4a1r0|(tk. Herausgegeben ▼on Rabbiner Ur. Moritz Rahmer. 9Tta<j9e6wt<j, 9. «SlptvC 1891. Bicher der elaeehllglfei! l.ltter.tar, «eich, «er Sedaet ■■ *aaecaadt werde■, fladea la dleeea RUtl* el«|ekMde Beapreehaae. Bel Elaeeadaaf r.a iw.l Beren«loa<• KxempUren «rtol.t elanalld* knr« *• H rat■(• latertlca. Das -Jüdische Llttera! i.r-Blatt“ erscheint wöchentlich in einem halben Bogen. Preis bei allen Buohhandlungen (in Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnehten der ״Israelititchcn Wochenscbri;:״, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Hark zahlen, erhalten das ״Jüdische Litteratnr-Blatt gratis. — Inserate werden mit M Pf. für die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Hark, berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes zu senden. BuchhBndler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsendeu, erhalten 25 X Rabatt. In halt: Wissenschaftliche Aufsätze: Ein Jude — König der Polen. . Paul Wahl, Nachfolger von Stephan Bathory. Von Professor BcrHchadsky, an der Petersburger Universität. Aus dem Russischen übersetzt, von ■Sophie Gordon.— Nachlese zu dem Tnrgum der 5 idegilloth. Von Dr. Jacob Re iss, Rabbiner in Kuttenplan. Li tteraturberioht. Recensionen: א11" החיים Von L. Cohen, Rees a. Rh..— Frankel, Emil. Das Jüdische Eherocht nach dem Reichscivil-Gesetz vom 6. Februar 1875. — . Bambergci, l'r. J. Fünf und zwanzigster Jahresbericht zugleich Festschnf! otc. Litterarische Anzoigen. Unbefugter Nachdruck aus diesam Blatte ist nicht gestattet Ein Jude — König der Polen. Saul Wahl, Nachfolger von Stephan Bathory. ton Professor Berschadsky, an der Petersbm״or Universität. Aus dem Russischen 11 hersetzt von Sophie Gordon. I. Hanl •Judiiach Wahl ans Kreut•I1it״>wsk ln «ler!.egende. ״Die Sage geht ..... immer neben der Geschichte her, und wird es stets. Sio giebt, je länger je mehr, die typische Form für die Stimmungen und das Empfinden, wie die Dinge auf die Volksseele reflektirt haben. Darin liegt ihre Bedeutsamkeit für daa Leben wie für die Charakteristik der Völker.“ (Dr. W. Sohwartz Prähistorisch-anthropologische Mudien. Berl. 1884. ״Sage und Geschichte.“) ״Das Glück ist ebenso .wenig dauerhaft, wie die Re• gierung de» Saul Wahl.“ (Jüdisches Sprichwort.) Seit Jacob Grimms Zeiten ist die Legende Eigen- 1.1.um der Wissensohaft geworden. Die wichtigen Resultate, die man durch eingehendes Studium der Mythen, Sagen, Legenden und Märchen, des Volks- und Aberglaubens errungen hat, riefen in wissenschftftliehen K1 sen das lebhafteste Interesse für dieses noch wenig erforschte Gebiet der mensohliohen Schöpfung hervor. Tausende von Sammlern solcher Produkte des menschlichen Genius bereisten alle Winkel des europäischen Contiuents. Ja, die Gelehrten begniigten sich nicht mit■ Europa, sondern gingen an das Sammeln der Märchen, Legenden, Mythen, Volkssagen der wilden und halbwild׳ ׳ Völker Afr'ik&’s, Asiens, Australiens undAmerika's. DieKindermärohender Hottentotten, die Sagen der Rothhaarigen interessiren nicht weniger die gelehrte Welt, als die Mythologie der Nea-Seeländler und Bewohner des indischen Arohipelagus. fl Bei solohem Eiter der Gelehrten muss es um so ‘jl ״וז hr Wunder nehmen, dass bis jetzt noch keine fl -;t erschienen, die sich, abgesehen von einer wissenfl senai:liehen Bearbeitung, mit einer blossen Veröffentlichnng all’ der Legenden, Mythen und Märchen befasst hat, die zum jüdischen Sagenkreis gehören. Abgesehen von dem hohen luteresse, welches derartiges Material zum Studium der Weltanschauungen des jüdischen Volkes bietet, muss auch dieses Material unzweifelhaft unschätzbare Beweisstücke zur Beleuchtung vieler dunklen Seiten der Vergangenheit derjenigen Völker liefern, unter welchen die Juden, bei ihrem Jahrhunderte langen Umherwaudern im eurppäischen Festlande weilteu. Es ist sehr möglich, dass viele der bis jetzt unerklärten historischen Erscheinungen, die Quellen and Ursachen des Aufbau chens versohiedener dunkler Sagen, Parabeln, Vorbedeu tungen eto. sind, und erst durch diese eigenartige und vollständig unerforschte Welt der jüdischen Sagen, Parabeln and Vorbedeutungen beleaohtet werden können. In der folgenden Studie wollen wir die Leser nur mit einer Art dieser legendarischen Litteratur bekannt machen and zwar mit der historischen Legen ie, die sich ungefähr vor zwei Jahrhunderten unter den litthauisoben Juden bildete. Die Spärliohkeit der das ehemalige Schioksal des jüdischen Volkes in Europa oder theilweise in Litthauen und Polen betreffenden Urkunden dürfte das Interesse an denjenigen Legenden erhöhen, die sich auf die Geschiohte der Juden beziehen und die ganz genau aut bekannte historische Personen bestimmter Zeiten anspielen. Besonderes Interesse gewinnt wohl eine Legende, die nicht nur. das Gut irgend eines Winkels, sondern 11׳ r gesummten Litthauer Juden ist, die vielen Sprichwörtern etc. zu Grunde liegt. Von historisch-jüdischen Legenden ist in unserer Litteratur meines Wissens nur eine Legende veröffentlioht worden: ״Die Geschichte eines wahrhaft Bekehrten“, die Sage von einem Grafen Potozky, der den jüdisohen Glauben annahm und dafür in Wilna auf dem Soheiterhaufen verbrannt wurde. Uebrigens wurde auoh diese Legende nur zufälligerweise ans Tageslicht gebracht uud zwar Dank dem berühmten Schriftsteller Kratschewsky, der, als er Material zu seiner ״Geschichte der Stadt Wilna“*) suchte, bei ein6m Juden die Legende vorfänd, sie erstand und unter auderm Material veröffentlichte. Seit langer Zeit cursirt nun unter den litthauisohen und polnischen Juden die Sage von einem Juden, der zum polnisohen Könige gewählt wurde. Der erste Schriftsteller, der der Legende ״eines Juden — Königs von Polen“ Erwähnung thut, ist *) Geschichte eines wahrhaft Bekehrten, anfangs im Polnischen als Beilage der ״Geschichte Wilna’s“ gedruckt. Von dort ins Russische übersetzt von der ״Jüdischen Bibliothek“ Band 2.