Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 5. (29.1.1891)
- Date
- 1891-01-29
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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— 18 —' Fürsten in ihrer Hauptstadt belagert wird. Er besiegt den Belagerer und heirathet zum Lohne die Lvndesfürstin. Durch einen Zufall erfährt er, dass die Fürstin seine Mutter sei. Ein namenloser Schmerz bemächtigt sich ihrer. Gregorius entsagt dem Throne, lässt an einen Felsen im Meere sich schmieden, um seine Schuld zu büssen. Die Mutter widmet sich aufs N eue einem Leben der Kasteiung. Nach siebzehn Jahren wird durch •in Zeichen Gregorius kund gcthan, dass ihm seine Schuld vergeben sei, er wird! zum Papste gewählt und sieht noch ein Mal seine 1 büssende Mutter. Man hat angenommen, dass die Quelle der ׳ Gr״goriuslegeude die Oedipussage sei. Die äussern! Details und der Verlaut der Handlung, die eine ' Schicksalstragödie ist, in der die sündigen Personen 1 unbewusst die Schuld begehen, scheinen darauf hinj zudeuten. Paul behauptet dieses in seiner Einleitung [ zu Gregorius (Halle 1S73) mit entschiedener Be- ן stimmtheit indem er schreibt: ״Dass die Grundlage I der Legende in der Oedipussage zu suchen ist, unterliegt keinem Zweifel.“ Indessen kann dieses nicht von dem ganzen Umfang der Erzählung, wie sie die französische, lateinische und deutsche Bearbeitungen darbieten, behauptet werden. Unserer Meinung nach ist die überlieferte Erzählung aus zwei Sagenstoffen j zusammengesetzt. Während der zweite Theil, der von der sträflichen Vereinigung von Mutter und Sohn handelt, eine christliche Umgestaltung der antiken Sage ist, basiert der erste, der von der verbctenen Zärtlichkeit der Geschwister belichtet, auf der historischen Erzählung von der Liebe Amnons zu Thamar, wie sie das zweite Buch Samuel, Capitel 13, darstellt. Nicht nur die Umrisse in beiden Er- Zahlungen sind dieselben, sondern die Gregoriuslegende folgt sogar in einzelnen Ausmalungen der seelischen Vorgänge dem alttestamentlichen Original. Im Buche Samuel ist es der ungezwungene Umgang der Geschwister, welcher der Verleiter zur Sünde wird. Im Gregorius ist das ungezwungene Beisammensein ebenfalls Ursache des Falls, (üi wären selten eine und wonten z’ alln ziteu ein ander besiton) In dem alttestamentlichen Berichte ist Amnon der schuldige Theil, während Thamar reine geschwisterliche Liebe bethätigt. Im Gregorius ist der Bruder der hinterlistige Verführer und die S.-hwester das unschuldige Opfer. In der biblischen Vorlage leistet die Verführte den heftigsten Widerstand sie spricht: ״Nicht doch mein Bruder, entehre mich nicht, denn so darf in Israel nicht gethan werden. Begehre nicht eine solche Schande. Wohin soll ich mit meiner Schmach gehen? Und Du wirst sein wie einer der Schändlichsten iu Israel.“ Im Gregorius wehrt sich die Schwester auf’s entschiedeuste indem sie ruft: ״Wie mein Bruder, was willst du beginnen? Lass den Teufel Dich nicht von Sinnen bringen. Was bedeutet dieses Riugen?“ (Wie nü bruoder min? wes wil du beginnen? lä dich von dinen sinnen den tiuvel nilit bringen? wutz diutet ditz ringen?) Endlich ist in der Bibel wie im Gregorius der Fall das Resultat eines Gewaltaktes Diese biblische Grundlage wurde in der Gregoriussage dahin pointirt, dass selbst diejenigen, die sich der grössten Sünden schuldig machen, durch aufrichtige Busse von ihrer Fehle befreit werden können. Der erste und der zweite Theil der Legende, welche also zwei verschiedene Erzählungen enthalten, erhärten denselben Gedanken. Aber nicht nur eiu Theil des Stoffes ist! in Haitmau’s Gregorius biblischen Ursprunges, 1 sondern auch andere biblische Personen und 1 Ereignisse werden im Verlaufe der Handlung er- | wähnt. So die Klage David’s auf Saul und Jonathan, und seine Klage auf Absalom. Der Aufenthalt Jona’s im Innern des Fisches. Es ist daher kein Wunder, wenn in dem Gedichte biblisohe Gedanken gefunden werden. Und diese sind in der That zahlreich iu demselben vorhanden. Ja sogar einige rabbinische Anklänge sind in demselben zu finden. B9i dem Umstande, dass Hartman von Aue lesen und schreiben konnte und daher wahrscheinlich in einer Klosterschule sein« Jugendbildting erhalten hatte, ist es erklärlich, dass er den ganzen Umfang des alten Testaments kennen lernte und sogar Kunde von der rabbinischeu Litteratur erhalten konnte. Hartman hat, wie Fedor Bech in der Einleitung zu seiner Ausgabe vermuthet, in Kärlingen, d. i. in dem nördliehen Frankreich, iu seiner Jugendzeit gelebt, un d in Nordfrankraich war schon in den vorangegangene n Jahrhunderten die agadische Litteratur in christliche n Kreisen bekannt. Denn zur Regierungszeit Lulwigs des Frommen kamen Christen in die Synagogen und hörten die Vorträge der Rabbiner. Ueberhaupt wurde durch den Bischof Agobard von Lyon, der selbst beträchtliche Kenntniss des jüdischen Schriftthums besass, dasselbe den französischen Geistlichen vermittelt. (Vergl. meiue Schrift: Ueber Stoffe altdeutscher Poesie S. 40). (Fortsetzung folgt.'' Dr. Israel Jacobson. Einzelne Stellen aus der kleinen Schrift von Arthur K1 ei u s c h m i dt*) veranlassen uns zu einigen Bemerkungen. Auf Seite 3 leistet sich der Verfasser die Phrase : ״Auch audere deutsche Höfe wurden auf d3n intelligenten und aufgeklärten Juden aufmerksam und erkannten in ihm eine Persönlichkeit, in der sich der Jude zum Menschen entfaltet, das Konfessionelle sich zum Humanen verklärt hatte.“ In Folge dessen sollen ihm mehrere Höfe Amt und Titel verliehen haben. Ob es sich wirklich so verhielt? Ob wirklieh die Entfaltung des Juden zum Menschen, di e Verklärung des Konfessionellen zum Humanen di e Ursache war, dass Jacobson Hofageut, Commerzien - rath und Geh. Finanzrath wurde? Aus den ״Quellen“ wird Herr K. diese Nachricht doch wohl nicht haben! Wir sind vielmehr der Meinung, dass Jacobson seine ihn ehreuden Titel und Aemter einzig und allein der Geldnoth der Fürsten und seinem eigenen Finanz- Genie zu verdanken hatte. Hätten die deutschen Fürsten wirklich diese und ähnliche Gründe bei Er - nennungen ihrer Hofjuden gehabt, die Männer, in welchen solche Entfaltung und Verklärung vor sich gegaugen, zählten nach Legionen; denn in den letzten Jahrhunderten gab es uuter den vielen deutschen Fürsten kaum einen einzigen, der nicht mindestens einen jüdischen Agenten, oder Hof-, Kommerzieuuud Kriegsrath hatte. Auf Seite 5 bezweifelt K. die von Strombeck be_ richtete Ehrung Jacobsons seitens einer braun schweigischen Prinzessin. Er meint: ״Ein Blick auf" die Stammtafel des wölfischen Hauses zeigt die Ua- Wahrheit der — von Graetz — aus Strombeok entnommenene Anekdote: eine Prinzessin, die so handeln konnte, lebte damals nicht im Lande.“ Es müssen merkwürdige, geradezu divinatorische Blicke sein, welche Herr K. auf die Stammtafeln eines Fürstenhauses wirft■, dass sich vor ihnen die Gesinnungen längst Heimgeganganer enthüllen! *) Pr. Israel Jacobson. Nach den Quellen. Sonder״ abdruck aus der Harz-Zeitschrift. 12 S.