Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 20 (1891)
- Issue
- N° 4. (22.1.1891)
- Date
- 1891-01-22
- Page
- Seite 15 (sequence 3)
- Language
- German
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18. Zum Achtzehenden. Alle drey Jahr sollen die Jaden ihre Reversbrieffe zn erneuern nnd jedes paar jüdisch Volk zween Thaler in unsere Caatzley davon zu geben schuldig sein. 19. Zum Neunzehenden. Weil sie auch fast aller Beschwerungen trey seyndt, denen andere unsere Unterthanen* underworften, sollen und wellen dagegen sie, wann sie zwantzig Familien stark ssyn ans einen Bo'ten halten, oder aber sich alsdann umb eine genaunte Summarn Gelds mit uns vergleichen. 20. Zum Zwanzigsten. Ihre Gassen, Pforten und Mauren sollen sie ohne unsere Beschwernils allein zu halten und umb ihrer mehrer Betriedigang, sobald sie sich auf viertzig Iiausgesäss vermehret, eino Mauren, da sie alsdann von uns keine fernere prorogation aus Gnaden erlangen werden, darumb za ziehen, darann dann diejenigen uff dieser Seite, die andern 11 ft der andern Seiten zu Steuern kommen sollen, inmittels absr sollen sie eine Planken hinder ihren Häusern uffzuziehen schuldig, und dargegen des nächtlichen Wachens ausserhalb ihren Gassen befreyet seyn. 21. Zum Ein und zwanzigsten. Damit auch in Feuersnoth sie mit alle Bereitschaft gefasst seya mögen, so wollen und sollen jedweder Jud zu seinem Einzug drey lederne Eimer, zween in den Städten und Ein in ihre Gassen machen zu lassen verbanden seyn. ■ 22. Zumzwey und zwanzigsten. Wann ein Brandt, welches Gott verhüten wolle, ausgehen würde, sollen und wollen sie nicht in ihren Häusern bleiben, sondern den Bürgsrn und andern treulich und fleissig beholfen seyn ohne Unterschied der Tag und Sabbaths.— Damit nun diesen abgesetzten und folgenden Puncten, sowie nach Gelegenheit der Zeit und erheischen der Nothdurit zu mehren und zu mindern haben, doch die Haubtstück ihre Cereraonien und Religion betreffend, ungeändert bleiben, die Juden also würklich und in der T!at na hsetzen, 8011 ihnen ferner in Gnaden folgender raassen begegnet werden. (Fortsetzung folgt.) Litteratur bericht. Recensionen. זכולון, Gedenkblätter, XX Gesänge für den israel. Gottesdienst, für Solo (Gantor), Chor und Orgel componirt von Salomou Sülzer. (Fortsetzung.) Ohne die stark hervortretenle Individualtät Sulzer’s in seiner Eigenschaft als ausübender Künstler und Cantor des Nähern zu berühren — sein modula* torisches Verfahren beim oantoralen Rsoitativ ist vielleicht das Originellste, was die Gesangskunst unseres Jahrhunderts, einem Wagner zum Trotz, aufzu weisen hatte — sei hier noch die vielfach betonte Thatsaohe, dass schon vor und neben Sulzer ernste Bestrebungen nach musikalischer Hebung des jüd. Gottesdienstes sich bemerkbar gemacht haben, so dass auch seine Verdienste um die Synagogen- Composition nur bedingte seien, vorübergehend auf ihren historischen Werth festgestellt. Allerdings kannte die Synagoge vor Sulzer nebsu traditionellen Gesängen1) auoh die freie Oompositiou oder sogenannte, an Gegebenes anknüpfende R9miniscenz-Musik. Im Anfang des 18. Jahrhunderts, von dem ich hier ausgehen möchte, erzäht M a r t e n e :״ (נdass als er in die Synagoge von Oarpetras kam, sie (die Juden) Psalmen in Hebräisoh sangen, deren Gesang charmant war. Wir Hessen uns einen Gesang von *) Die Bezeichnung einer traditionellen Melodie mit dem Ausdruck מסיני rührt daher, dass man gewöhnt war, Traditionelles, dessen Ursprung man nicht kannte, mit הלכה למשה מסיני ZU bezeichnen. Das חסידים 'D beruft sich unter No. 302, wo das strenge Beachten der Tonphrasen beim Lesen der bibl. Bücher empfohlen wird, noch auf die bek. Auslegung des ימנו בקול■ ß. *) Vgl. Paulus Cassel, der Judengott und Richard Wagner, Berl. 1881 S. 32. Es ist wohl der in Forkel’s Litteratur Sin. 139 aufgeführte Benedektiner Edmont Martenne in seinem ״Traitö de l’ancienne discipliue de 1’ Eglise'1, Paris 1719, gemeint. den Judenknaben Vorsingen, der uns entzüokte.“ Ebenso weiss Mattheson aus dem Bericht .eines ״Kieler Theologus“ zu erzählen9): ״Wie ioh in Amsterdam kam, nach abgelegter Reise in England, da hörte ich in der grossen portugiesischen Synagoge auch die Knaben nach dem hebräischen Text singen, welches überaus schön zu hören war, dass es ein Masicus nicht besser machen könnte . . . Zumahlen hörte ich schöne Tnlli und die Octaveu überaus nett, wie sie nach den Accenten von einer Octave in die andere kamen.‘1 Vou dem Chasan Sal. Lippsohütz (gest. 1758) erfahren wir (,30 § הצודת שלמד), dass zu seiner Zeit die Vorbeter von Prag vor jedem Feste sich zu versammeln pflegten, um von musikkundigen Vertretern ihres Fachs neue Compositioueu, darunter auch solche, wie sie die damaligen Chorverhältuisse erheischten, su erleraeu. Absohrifteu von Synagogengesängen jener Zeit habeu sioh vereinzelt bis auf unsere Tage erhalten und ich bin stets bemüht, solche gegen verhältnissmässig hohe Preise an mich za bringen, da sie unser ganzes Interesse in Anspruch nehmen. Häufig bin ich da läugstvergesseueu Namen von jüd. Musikern und Cantoren begegnet, deren ehemalige Existenz hin und wieder nur noch von einem stummen Leichenstein bezeugt wird. Da sehen wir die deutschen Gemeinden von Berlin, Ham• bürg, Hannover, Halberstadt (71יש), Prag, Duisburg, Metz, Haag und London mit Com- Positionen ihrer Vorbeter oder Sänger (משוררים) vertreten. In einer Handschrift vom Jahre 1792 beklagt sich eia Chasen darüber, dass die Mitglieder der Gemeinde seine Gesänge stets mitsingen, was sehr störend sei כי ננע צרעת הוא לכל החזנים ,אם הב״ב מנגנים עמרם), weshalb er sieh veranlasst gesehen habe, für jeden Sabbat und jedes Fest andere Compositionen zu liefern. Die Einführung des Sabbat erscheint gewöhnlioh mit Violinbegleitung (häufig mit interessanten Doppelgriffen), während zum ״Chanuoa-Licht- Zünden“ sogenannte ״Waldhörner“ d. h. Waldhornmusik beliebt war. Die Neginoth- Noten werden "טאבול סיר Tabulatur von der Sarka“ genannt. Die Wendung zum Fortschritte, welche das deutsche Judenthum mit Anfang dieses Jahrhunderts nahm, und welche zur Folge hatte, dass es in seinem I Gesammtwesen, hier willig, dort mit starkem Widerstreben, auf neue Bahnen gedräugt wurde, vollzog sioh auoh auf dem Gebiete des Synagogenwesens und folgerichtig auch auf dem des Syuagogengesaugs. Die Bestrebungen eines Mendelssohn uud Wessely hatten den aufgeklärten reinen Geist ihrer Brüder wiederum dahin gelenkt, wohin Israel immer seinen Blick trug, wenn es sich der ihm gewordenen Hülfe iune ward: zu seinem Hüter und Erretter aus niedriger Knechtschaft und gei stiger Sklaverei. Um sich der erlangten Gleichberechtigung und Freiheit würdig zu zeigen, lenkte man die Aufmerksamkeit zunächst aut! den nicht mehr zeitgemäss befundenen Gottesdienst. Aber als sich das Verlangen nach den weitgehendsten Reformen fühlbar machte, das nicht immer befriedigend gestillt werden konnte, waren die schlimmsten Missgriffe an der Tagesordnung. Die Nachäfferei Christlioher Kirchengebräuohe mit ausgeprägt protestantischen Charakter, sie stiess selbst einen Freigeist von der Beschaffenheit Heine's ab, so dass dieser von seiner ״Vorliebe für das consequente und streDge Rabbinerthum“ sprechen konnte, obgleich ihn diese Vorli9be — ein hervorstechendes Zeichen der Verwirrung — in die Arme der protestantischen Kirche warf.‘) Am unzulänglichsten erwiesen sich die Versuche auf musik.-liturgischem Gebiete. Anstatt sich au die •) Der musik. Patriot, Hamb. 1728, 8. 39. 1 *) Graetz, XI. 388-89.