Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 52. (25.12.1889)
- Date
- 1889-12-25
- Page
- Seite 209 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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— 209 — mantisehe mit dem Plastisohen einen geistigen Band sohliessen wird. Byron, meint der Verfasser, habe ausserdem in seinen poetischen Erzeugnissen die Ideen Anderer verwerthet und sich demnach, sozusagen, mit fremden Federn geschmückt, was man Heine nur in sehr wenigen Fällen zum Vorwurf machen könne. Letztere war-meist originell, uud schuf für sich ein eigenes, kaum nachahmbares Ge n r e. In Heine's Liedern ist die Kunst mit dem wirklichen Leben so innig verflochten, dass sie einen ausserordentlichen Eindruck aut den Leser machen müssen. Wie die meisten hervorragendsten Dichter aller Zeiten — von Homer bis herab auf Tennyson — so behandelt auch Heine in seinen dichterischen Schöpfungen Thatsachen und Vorgänge, die er meist selber miterlebt hat. Htfine’s Schreibeweise hat etwas Groteskes an sich, und sein ausgelassener Humor ist eben so wild wie der des Aristophanes. Welchen Gegenstand er auch zum Thema seiner Betrachtungen nehmen mag — das Höchste oder das Niedrigste — so spielt anziehender Witz uud Humor darin eine hervorragende Rolle. Die ganze weite Welt, das Land und die See, Sonnenaulgnng and Sonnenuntergang dienen Heine zum Hintergrund seiner Bilder. Deshalb sind auch seine Schilderungen und Visionen bald stürmisch aufgeregt, und bald auch kindlich weich und idyllisch. Wenn er seinen eigenen und deu Weltschmerz beschreibt, so sind seine Worte wie ׳jvon einer himmlischen Flamme durchglüht, uud es scheint, als ob er die reiche Farbenpracht seiner Phantasie den Sonnenstrahlen entnommen habe. Hierin zeigt er sich auch als echter Abkömmling jener grossen Propheten der Bibel, die in ihren Heden oder Visionen hierogly- ‘phische Bilder gebraucht, die wir kaum mit uusern Sinnen fassen können. Die schönsten uud lieblichsten Lieder Heiue’s sind die kurzen, welche einen grossen Reiz besitzen. Seine gelungensten Balladen sind die, welche iu seiner ,,Harzreise“ Vorkommen; sie sind recht geeiguet, in Musik gesetzt zu werden. Weniger anziehend sind jene litterarischeu Schöpfungen Heine’s, die er im vorgerückten Mannesalter geschrieben. Sie gleichen dem Haupte der Medusa, das zwar schön, aber zugleich auch schaudererregend ist. Auoh hören sie sich an wie Gedichte, die innerhalb eines Grabes abgefasst worden — eines Grabes, da9 keine Aussicht auf Auferstehung verspricht. In der angedeuteten Weise fährt der Sohreiber des genannten Artikels fort, sich über die Licht- und Schattenseiten von Heine’s Muse ausgesprochen. Auch ist es eine merkwürdige Thatsaohe, dass, obschou Heine die Engländer in seinen ״Londoner Skizzen“ nicht besonders zart behandelte, er doch hier zu Lande iu deu gebildeten Kreisen mehr als Göthe gelesen wird. Harrow, Ende November. Ch. Jtecensionen. Steckeliuacher, Dr. M., Stadtrabbiner in Mannheim, Die Gottesidee der Offenbarung und des Heidenthums im J!ichte eines neuen Uuterscheidungsmerkmals betracht» t. J. Bensheimer, Mannheim. (Forts.) Bei dem Stoiker Kleanthes begeguen wir dem ausdrücklichen Bestreben, das Dasein eines höchst vollkommenen Gottes durch einen ausführlichen Beweis zu erhärten.*) Es entspricht ja vollkommen *) Wir setzen di» sen Beweis wegen seiner Bedeutung, die er tiir unsere Erörterung hat, vollinhaltlich hierher: ״Es giebt eine vom Schlechteren zum Besseren aufsteigende Folge von Naturen und Seelen in der Welt und •s muss demzufolge auch ein. höchstes und bestes Endglied einer solchen Heike geben. den gesohiohtliohnn Thatsachen und bekundet des Verfassers klaren historischen Blick, wenn er den äusseren Antrieb f är das weitere Vordringen der Speculatiou bei den Griechen mit den Worten kennzeiohnet, dass der Geist der Hellenen aus seinen Irrthümem durch den sich immer beängstigender einstellenden Alpdruok nationaler Demoralisation erwachend, naoh besseren religiösen Vorstellungen ringt (S. 49), allein die Thatsaohe ist doch wiederum auch, wie wir z B. aus Kleanthes Beweis ersehen haben, unbestreitbar, dass das menschliche Denken auch sich selbst überlassen, zum Monotheismus führen könne. In durchaus überzeugender Weise jedoch weist der Herr Verfasser, vermöge seiner eingehenden Studien des Homer naoh, dass ״der griechische Mensch unendlich sittlicher denkt und handelt, als seine Götter“, dass die Griechen sich ihre Götter überhaupt nicht als Ideale vorgestellt, ״dass dieselben ihre Sittengebote, deren sie durchaus nicht haar sind, keineswegs göttlichen Vorbildern verdanken.“ Die Frage nach der Quelle dieser Sitteugebote beantwortet der Herr Verfasser in einer solch klaren, lichtvollen, überzeugenden Weise, dass wir seine Ausführungen in den Capiteln ״Sein u. Befinden der Gottheit“, Theistische Hoheit und menschliehe Ethik“, ״Plato’s Gottesidee“, ״die Gottesidee des Aristoteles“, als wahro Meisterstücke geschichtsp hilosophischer Darstellung bezeiohnen müsssen. Hier findet der Leser Schätze gehoben, die ei־ immer wieder entzückten Bliokes betrachten muss, weil in Folge der hier entwickelten Aufschlüsse, nioht nur die unvergleichliche Trefflichkeit des Offenbaruugsinkaltes ins hellste Licht gesetzt wird, sondern auch das für die Psychologie sohwer lösbare Problem gehobeu wird, wie es deuu zu erklären sei, dass speciell die Griechen, die in staatlichen Angelegenheiten, in Baukunst und Kriegskunst, einen solch klaren Blick bekundeten, bis iu die späteste Zeit hinab, alle diese phaantastischen und burlesken Sagen über ihre Götter zu würdigen vermochten und die Darstellungen Homers iu solch hohem Ausehen hielten. Es ist bei der Reichhaltigkeit der von dem Herrn Verfasser aufgestellten Gesichtspunkte, unmöglich, auch nur annähernd deu Inhalt dieser Erörterungen wiederzugebeu; wir können nur iu ganz Übersichtlieber Weise das Gesagte reproduziren. Die pessimistische Lebensanschauung der Griechen ist es, die in ihnen den Gedanken erzeugte, ״dass es ausser dieser jammervollen Mensohenwelt doch noch eine W eit von glücklichen Wesen giebt, die das Vorrecht ungestörten Glückes besitzen und dieses nur für sich beanspruchen. Daher dee Neid der Götter und ihre Missgunst beim Aublicke ungetrübten Glückes unter den Mensoheu, das Bestreben, dieselben zu verderben. ״Wie unendlich erhaben wird dagegen in der Bibel das Leid erklärt, das zuweilen dem Menschen unbegreiflich, sein Lebensglück unterbricht und vielleicht für immer zerstört! Der Mensch iu seiner Kurzsiohtigksit das ist die ganze Bibel beherrschende und besonders im Buche Hiob mit Naohdruck gelehrte Idee des Judenthums — der Mensch könne nicht wissen, was zu seinem Heile sei. Folglich giobt cs eine (oberste) beste Natur, eiuo oberste Seele und ein bestes lebendes Wesen, denn die aufsteigendo Re׳he kann nicht ins Unbegrenzte fortgehen. Das beste von allen irdischen lebenden Wesen ist der Mensch; derselbe kann indess nicht das im absoluten Sinne beste jjmov sein, da er zugestandener Maassen körperlich wie geistig immer noch vielfach unvollkommen, mangelhaft und der Schlechtigkeit theilhaltig ist und bleibt. Demnach muss das (lür die Spitze der Reibe vor• auszusetzende) höchste und vollkommenste |j<T)0v noch vorziiglieber sein, als der Mensch, aller Tugenden theilhafrig und für alles Schlechte unzugänglich; ein solches aber wird sich von Gott nicht unterscheiden; es giebt also eiaen Gott.“ (Siobeck Untorsuchungen zur Philosophie der Griechen. Seite 5W3.)