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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-11-14 · N° 46. (14.11.1889) · p. Seite 184

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 46. (14.11.1889)
Date
1889-11-14
Page
Seite 184 (sequence 2)
Language
German
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134 — hatte der Hausvater dem Director wöchentlich über Alles und Jedes Bericht zu erstatten. PI Die Kinder der jüdischen Gemeinde, 6 an der Zahl, wurden mit den 12 der Anstalt gemeinschaftlich unterrichtet. Auch der Gottesdienst der Gemeinde war ins Institut verlegt worden. Die 6 jüdischen Familien zahlten dem Institute für Schule und Gotteshaus jährlich nach Verhältniss ihres Vermögens 15, 12, 9 und 6 Thaler. ln dem Tempel, welchem die Frau des Stifters eine prächtige Thora geschenkt, herrschte, was — meinte der Berichterstatter — sonst selten in Judenschulen anzutreffen, Ordnung und Sitte. Dem beigefügten rnterrichtsverzeichnisse für das .Jahr 1802 entnehmen wir, dass damals neben den 2 genannten jüdischen Lehrern noch drei christliche unterrichteten. Rector Höchel lehrte Naturwissenschaft, Naturlehre, Geographie und Mathematik, sowie von jeder Wissenschaft das, was den Fähigkeiten der Kinder angemessen war. Gantor Körner lehrte Deutsch, Schreiben, Singen und Musik und Lehrer Siedikum Rechnen und deutsche Grammatik. Heilbrun gab Auslegung des Pentateuchs nach dem Talmud (?), leitete die Uebersetzungen aus dem Hebräischen ins Chaldäische(?) und übte die Kinder nach einem moralischen Handbuche in Astronomie — wahrscheinlich ist der jüdische Festkalender gemeint — und Koppel Hess den Pentateuch ins Deutsche übersetzen und lehrte ausserdem noch die Fundamente der hebräischen Grammatik und hebräisch Schreiben. Der Landesfürst nahm den Bericht sehr freundlich auf und sprach in einem Rescripte vom 27. August e. a. seine volle Zufriedenheit aus über den guten Fortgang des ״Juden-Schul-Instituts“, von dem er sich sehr viel Gutes verspreche. Das Institut, erklärte er, könne sich, so lange es zu seinem jetzigen Zwecke hinleite, des Herzoglichen Schutzes stets versichert halten. Das Institut und noch mehr dessen Stifter bedurften aber auch des Wohlwollens und kräftigen Schutzes des Herzogs; denn Jacobson war nicht ohne Neider und Gegner und zwar hoch vermögende Gegner.*) Bevor wir jedoch Näheres darüber erzählen, vernehmen wir erst, welches Vorfahren Jacobson seinen Gegnern gegenüber beliebte, mit welchem Herzen er ihnen entgegentrat. **) Ein Beispiel liefert sein Verhalten gegenüber der Bürgerschaft und den städtischen Behörden Seesens, die doch in Feindseligkeit gegen seine Pläne sich nichts weniger als zurückhaltend gezeigt. Er trug ihnen nichts nach. Sein Bestreben war vielmehr, sie zu seinen Freunden zu maohen; und dies suchte er dadurch zu erreichen, dass er das ihm zugefügte Böse mit Gutem vergalt. Abgesehen von den Vortheilen, sowohl pecuniären als intellectuellen, welche der Stadt aus der Anstalt eiwachsen mussten, war es auch sonst Jacobsons Streben, das Wohl der Bürgerschaft zu fördern. Seiner Schwägerin Tolzchen, die mit dem Bankier Meyer Haas in Frankfurt a. M. verlobt war, richtete er die Hochzeit in Seesen zu. Die gauze Stadt schwamm darob in Entzücken. Eine so glänzende Hochzeit war aber auch wohl kaum jemals innerhalb ihrer Mauern gefeiert worden. Mehr denn 2000 Thaler waren, wie der Hofrath Ziueken dem Herzoge berichtet, durch diese Hochzeit in Oours gerathen. Es stand jetzt in Seesen fest, ״dass der Kammer-Agent der Stadt sehr viel ein¬ *) lu einer Correspoudenz des Kaisoil. privilegirten Reich•- anzeigors vom Jahre 18u.r>, No. lt>4 ist auch von Neidern und Widersachern die Rede, welche die .) acobsonschule habe. **) Eih Zeitgenosse erzählt: ״Am edelsten zeigt sich Jacob• solm unstreitig dadurch, dass er durch keine Verleumdung, deren er von deutschen Schrittstellern sclion so ott ausgesetzt gewesen ist, sich in seinem Eiter irre machen lässt“, v. Strombuck, handschriitlich im Landos-iiauptarcliive zu Woitenbüttol. bringe“. Mit dieser Erkenntniss war natürlich jeder Feindschaft der Boden entzogen. Vollends gewonnen wurden aber die Herzen der Bürger Seesens, vom ersten bis zum letzten, durch eine hochherzige Sehen״ kung, welche Jacobson zu Gunsten der Armen der Stadt machte. Das Nothjahr 1804 hatte eine Re- Organisation des Armenwesens nothwendig gemacht. Jacobson hörte, dass die Verwaltung in Folge dessen ein Deficit habe und unvermögend sei, dasselbe zu decken. Sofort erklärte er sich bereit, das Deficit durch eine Stiftung dauernd zu beseitigen. Welcher Umschwung in den Herzen der Vertreter der Stadt zu Gunsten Jacobsons eingetreten war, zeigt am deutlichsten ein am 18. Mai 1805 verfasster Bericht der Kirchenvisitatoren, zu denen auch der frühere Stadtassessor, jetzt Bürgermeister, Oesterreich gehörte. Jacobson will einen Tempel bauen; von der Kirchenbehürde wird in Folge seines Gesuches ein Gutachten eingefordert. Die Herren können nunmehr dem Institute ihren Beifall nicht versagen und möchten die rühmlichen Absichten des edlen Stifters fördern. Sie sind auch gar nicht mehr besorgt wegen der durch das Institut immer mehr wachsenden Anzahl der Juden in ihrer Mitte. *) Im Gegentheil, sie scheinen diese Wahrnehmung nicht ohne Freude zu machen und finden es erforderlich, dass die grössere Gemeinde auch eine grössere Synagoge erhalte. Der Bericht schliesst: ״Wenngleich wir wissen, dass es selbst christlichen nicht-lutherischen Religionsparteien nicht gestattet ist, Kirchen und Tempel mit äusserlichen Attributen einer Kirche zu erbauen, **) 80 erflehen wir dennoch eine solche gnädige Wendung in dieser Angelegenheit, welche uns in den Augen des Kammer-Agenten das Ansehen der Dankbarkeit nicht benehmen könnte, welche wir demselben im Namen unserer Armenanstalt schuldig bleiben.“ (Fortsetzung folgt.) Zur Geschichte der Kol־nidre־Formel. Der Verfasser des im ״ Jüd. Familienblatt“ (No. 43) unter dem Titel; ,Die Marranen von einst und jetzt“ gebrachten Artikels macht einen belletristischen Versuch, die Entstehung der Kol-nidre-Formel am Vorabend des Versöhnungsfestes geschichtlich mit dem Beginne dieses Gottesdienstes in den spanischen Marranengemeinden in Verbindung zu bringen. Insoweit dieser Versuch auf belletristischem Boden sich bewegt, Hesse sich kaum etwas dagegen sagen, weil mau der lioentia poätioa immerhin einen kleinen Anachronismus zugute halten darf. Der Verfasser glaubt jedoohin einer Anmerkung (S.169) seinem poetisohenVersuohe ein wissensohaftliohes Mäntelchen umhängen und einen historischen Hintergrund geben zu müssen. Mit Rücksicht auf die vielen Leser, denen die Quellen und geschichtlichen Daten wohl kaum gegenwärtig sind, fühle ioh mich veranlasst, an dieser Stelle folgende geschichtliche Thatsaohen zu erörtern. Der erste, der meines Wissen• die Kol-nidre- Formel, wenn auch in etwas anderer Fassung, so doch bereits in dem bekannten Zusammenhang erwähnt, so dass sie schon mit unserer heutigen Liturgie identisch erscheint, ist Mar Amram kagaon, der etwa in der zweiten Hälfte des 9. Jahrhunderts lebte (869 bis 881). Nachdem derselbe in •einem ״Seder“ Seite 47 a (Ausg. Warschau 1865) die Liturgie am Vorabend des Versöl'muugstages mit פר*םת שמע wie an jedem anderen Abende beginnen lässt und nur bestimmt, *) Das Institut hatte damals 47 Zöglinge. **) Der Tempel sollte, wie er auch ausgetdhrt worden ist, in Form eines Octogons mit einer Kuppel, einem 70 80 r jn! hohen Thurme und darin Glocke und Schlaguhr erbaut werden*

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