Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 44. (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 177 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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0 177 — bemüy en“, 80 muss diese Fähigkeit noch im 16. Jahrhundert, in welchem die Genannten lebten, sehr selten gewesen sein, im 14. und 15. aber, von welchen ich handle, war sie gewiss noch seltener. Dieses habe ioh, wie Jeder einsieht, mit meiner generalisirenden Behauptung sagen wollen, und daran wird die Existenz zahlreicher Chroniken u. s. w. für den Einsichtsvollen gewiss nichts ändern. Zudem ist ja meine ganze Dar- Stellung nur vergleichend, und in diesem Sinne aufzufassen. So habe ich auch nur die unter den Juden verbreitete Fertigkeit, hebräisch zu lesen und zu schreiben, dem Verhältniss, wie es mit der Schreib- und Lesefertigkeit. unter den Christen beschaffen war, gegenübergestellt. Auch dagegen streitet G., dass das Volk über- 11 a u p t judenfreundlich war. (Hier gehört das ״überhaupt“ wieder einmal G. an.) Aber was meint denn er? War es judenfeindlich? Ich sage in der Einleitung (S. 3): ״Das Volk wollte Frieden mit den Juden“ und spreche denselben Gedanken in anderer Form wiederholt aus. Es ist ja auch das natürliche Verhältniss. Das Volk bleibt sich mehr oder weniger immer gleich, und ist gutartig, wenn es nicht gehetzt wird. Wenn anders, wozu hätte es dann der geistlichen Ermahnungen. der kirchlichen Verbote u. s. w. bedurft, welche den christlichen Dienstboten untersagten, bei Juden zu dienen, den Bürgern, mit ihnen zu essen, zu baden u. s. w. Ich würde mich gefreut haben und G. zu aufrichtigem Danke verbunden gewesen sein, wenn er über alle diese Dinge eines Besseren mich belehrt haben würde. Aber er geht mein Buch bloss mit dem Rothstift durch und merkt an: Dies ist eine vorgefasste I Meinung, Das ist übertrieben, Jenes ist tendenziös u. s. w. Diese Art ist nicht bloss eine Rücksichtslosigkeit gegen mich, sondern auch und noch mehr gegen Geiger’s Leser, die doch etwas lernen wollen, lieberhaupt ist mir eine so frivole Besprechung eines Buches, das doch, wie G. selbst zugesteht, ,,reiche neue Mittheilungen“ bietet, niemals vorgekommen. Nirgends auch nur eine Spur sachlichen Eingehens und quellenmässiger Widerlegung! G. kritisirt nicht was ich schreibe, sondern was er zwischen den Zeilen liest oder vielmehr dazwischen hineinver d ä chti g t. Ich unterlasse es daher, auf das sonstige leere Gerede G’s. weiter einzugehn. Was ich aber nicht unterlassen will, das ist: die geradezu empörende Art zu beleuchten, wie er die Anschuldigung begründet, dass ich ״die geistigen Bestrebungen der Deutschen verunglimpfe“. Dies soll ich angeblich mit dem Satze in der Einleitung (S. 1) tlmn: ״Hoch bezeichnender (für den Geist jenes Zeitalters, wie lür den Menschengeist überhaupt) ist die Thutsache, dass das Schiesspulver schneller zur Anwendung gelangte, um Menschen zu vernichten, als die Buchdruckerkunst, um sie aulzuklären“. Wie so ich hier, wo ich nicht bloss von dem Geist jenes Zeitalters, sondern von dem ״Menschengeist überhaupt“ spreche, die geistigen Bestrebungen der Deutschen verunglimpfen soll, ist mir unerklärlich. Ich will ja äugenscheinlich sagen, dass es in der allgemeinen Menschennatur liegt, mehr das Verderbliche, Unheilbringende, als das Grosse, Erhabene, Heilsame zu fördern, und dafür bietet denn freilich jenes Zeitalter, in welchem das Pulver und die Buehdruckerkuust erfuuden wurden, einen schlagenden Beweis. Aber G. muss selbst gefühlt haben, dass er mit diesem Satze seine Insinuation nicht begründen kann, darum fährt er fort: ״Da wird kurzweg 8. .1 der Satz gebraucht, in den vom Verfasser behandelten Jahrhunderten ״wurde nicht mehr geglaubt“. Da spricht der Verfasser auf derselben Seite davon, dass damals in Deutschland ״falsches Geld, gefälschte Lebensmittel, gefälschte Kleiderstoffe und gefälschte Glaubenslehren“ im Gebrauch gewesen wären, und man muss aus dem Zusammenhänge glauben, dass nur solche Fälschungen aber keine echten werthvollen Dinge dieser Art mehr existirt haben.“ Also ״man muss aus dem Zusammenhänge glauben“! (Nebenbei, welch’ ein Deutsch: aus dem Zusammenhänge glauben, dass!) ,Ich frage: wer ist ״man“? Wer muss glauben? Noch dazu aus dem Zusammenhänge? G. entstellt, verdreht, fälscht den Zusammenhang und legt dann seinen Glauben mir zur Last. Ich sage, die Verfolgungen von 1096 und 1348 auf ihre Ursachen hin vergleichend, im Wesentliehen wörtlich Folgendes: ״Niemand wird das Blutbad entschuldigen, das die Kreuzfahrer am Ausgange des 11. Jahrhunderts in den jüdischen Gemeinden am Rhein anrichteten. Gleichwohl kann man es begreiflich finden. Es war eine Zeit höchster religiöser Spannung, um nicht zu sagen Ueberspannung, und der Fanatismus ist zu allem tähig. . . . Aber in dem Zeitraum, von dem wir reden, wurde nicht mehr geglaubt. Der Enthusiasmus der Kreuzfahrer war verraucht. Umsonst liess Papst Nicolaus V. seinen Sendboten Johannes Capistrano von Stadt zu Stadt reisen und auf den Kanzeln mit flammender Rede die Deutschen zu einem Kreuzzuge gegen die Türken auffordem. Die Deutschen hatten andere Sorgen. Falsches Geld, gefälschte Lebensmittel, gefälschte Kleiderstoffe und gefälschte Glaubenslehren brachten sie dazu, sich zu ernüchtern, die Zölle, Steuern und Auflagen bestimmten sie, über das Nächstliegende, die Noth des Lebens, nachzudenken, und man ergreift nicht leicht das ״Schwert für Gott“, wenn man nichts zu beissen und zu brechen hat.“ Man lese die vorstehenden Sätze, vergegenwärtige sich die Klagen der zeitgenössischen Schriftsteller über die Fälschungen und die künstliche Vertheuerung durch Vorkauf — Zarncke (Nanensohiff, S.436)sagt: ״Dieser Fürkouf ist der Gegenstand ununterbrochener Klagen im 14. und 15. Jahrhundert —: so wird man beurtheilen können, wie viel Wahres au der Versieherung G’s. ist, dass er mein Buch ״vorurteilsfrei geprüft“ habe (Zeitsclir. S. 386). Jetzt sagt er: .,Als ich diese Einleitung alsbald nach Empfang des Buches Sommer 1888 las, empfand ich einen solchen Widerwillen, dass ich mich lange nicht dazu entschliessen konnte, das ganze Buch durchzunehmen“. Aber schon 1888 (Zeitsclir. II, 373) konnte er von ״flüchtigem Durchblättern“ sprechen, welches hinreichte, ihn von dem Buche sagen zu lassen: ״Dasselbe mit einer kurzen Notiz unter den Nachrichten abzumaohen, würde der Bedeutung des Werkes wenig entsprechen.“ Und nun erachte ich es für geboten, denjenigen Sätzen G’s. mioli zuzuwenden, in welchen er dem jüdischen Geschichtschreiber eine Richtschnur geben will und wegen deren ich mich überhaupt zu dieser Entgegnung verstanden habe. Er sagt (S. 387): ״Speziell aut den Geschichtschreiber der Juden angewen- ־ det, muss man sagen: er wird seinem hohen Berufe uutreu, wenn er stets bestrebt ist, die Juden zu verherrlichen, ihre Gegner zu tadeln, wenn er den letzteren immer und immer nur schlechte Motive unterschiebt, und ihr Handoln als einen Ausfluss gemeiner G esinnung charakterisirt, bei den Juden dagegen alles und jedes vortrefflich findet und ein Vergnügen darin erblicht, sie nicht nur als unschuldige Opferlämmer roh gesinnter und roh handelnder Feinde darzusteilen, sondern ihre Cultur und Gesittung, ihre geistige und moralische Bildung für veredelter und höher zu erklären, als die ihrer Gegner.“ Ich will dahingestellt sein lassen, wie viel von diesen Worten unnöthig, wie viel davon unnatürlich ist. Aber das weiss ich, dass G. e i n Erforderniss des jüdischen Gesohichtschreibers ausgelassen hat, nämlich dass derselbe Jude sei. Was ioh damit sagen will, wird G, wie ich jetzt ״mit herzlichem Bedauern“ (um seine Worte zu gebrauchen) einsehe, schwerlich verstehen. Vielleicht aber wird er seinen Vater besser verstehn. Derselbe sagt (Jüd. Zeitschr. X., S. 157):