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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-10-31 · N° 44. (31.10.1889) · p. Seite 178

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 44. (31.10.1889)
Date
1889-10-31
Page
Seite 178 (sequence 8)
Language
German
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— 17S -י ״Allein die christlichen Theologen haben nun einmal kein Organ für ,eine gerecht and unparteiisch urtheilende Geschichtsforschung, das Judenthum muss schlecht; das Christenthum voll Heils sein, mögen auch die ge- Schichthöhen jTh&tsachen noch so laut und entschieden das Gegentheil verkünden . . . Was ist nun da zu thun? Man kann von unserer Seite noch so viel protestiren, sie hören nicht darauf, und da sie zahlreicher sind und die Macht haben, so überschreien sie uns. Und dennoch! Die Wahrheit und die echte Forschung dringen doch durch.“ Diese Aeusserung bildet jedenfalls ein interessantes Gegenstück zu dem, was Ludw\ Geiger gegen mich vorbringt. Ich will sie nicht durchweg unterschreiben aber, ״speciell auf den Geschichtschreiber der Juden angewendet“, erblicke ich darin das goldene Wort eines — Juden. Ludw. G. hat keine Ahnung davon, dass der jüdische Geschichtschreiber, wie sein Vater mit Recht bemerkt, bis jetzt nur noch immer die Aufgäbe hat, zu ״protestiren“! Sind wir denn überhaupt noch zu Worte gekommen? Lässt man uns jetzt zu Worte kommen? Darf es ein Jude wagen, von seinem Standpunkte aus eine ״Neutestamentliche Zeitgesohichte“ zu schreiben? Hat man das nil de nobis sine nobis uns gegenüber auch nur im Geringsten respektirt? Selbst ein so erleuchteter Mann wie Mommsen hat in dem Kapitel über ״Judaea und die Juden“ nur Philo und Josephus in Betracht gezogen. Eine verstümmelte griechische oder lateinische Inschrift ist ihm von Bedeutung. Dass es aber noch anderweitige Quellen giebt, die zu befragen waren, kümmert ihn nicht. Warum? Weil sie — in den Talmuden und Midraschim enthalten sind. Eür die jüdische Geschichte standen bisher bestimmte Eormeln fest, die von Generation zu Generation, von Katheder zu Katheder sich fortpllan/.ten. Wenn nun endlich ein Jude es wagt, diese Formeln zu prüfen, wenn er zahlreiche Rechnungsfehler entdeckt und diese alsdann aufdecken will, da muss er freilich, um sich Gehör zu verschaffen, den lauten Brustton der Ueberzeugung anschlagen. Vollends aber, wenn es sich um die Culturgeschichte der Juden handelt, wie ich sie zu schreiben allererst den Versuch gemacht habe, wieviel ist da gegen alte und neue Vorurtheile zu ״protestiren“. Dafür hat L. Geiger augenscheinlich kein Verstand niss, und es liegt ihm nur daran, die Judenfeinde aller Zeiten vor dem Uebereifer jüdischer Geschichtschreiber und gegen die Unterstellung ״schlechter Motive“, ״gemeiner Gesinnung“ u. s. w. in Schutz zu nehmen. Auch ein anderes wichtiges Erforderniss fehlt in L. Geigers Belehrung für den Geschichtschreiber der Juden — Taktgefühl. Gewiss soll der deutsche Jude sich als Deutscher fühlen und dies in allen Lebensäusserungen beweisen, wie ich denn seit den 25 Jahren, seit welchen ich mitten im Leben stehe, meine deutsche Gesinnung nachdrücklicher und wirksamer bekundet habe, als G. in seiner Studirstube dies zu thun je Gelegenheit haben wird. Ob es aber taktvoll ist, zu einer Zeit, wo Tausende und aber Tausende von Deutschen das Prädikat eines solchen den Juden absprechen, zum Champion des Deutschthums sich aufzuwerfen, wie G. thut, das überlasse ich jedem Einsichtsvollen zur Beurtheilung. Ebenso verhält es sich mit dem Freiwilligendienste, den G. den Christen und dem Christenthume leistet, die beide dessen wahrlich nicht bedürfen. Es kann G. nicht unbekannt sein, dass Vordringlichkeit eine von den Untugenden ist, die den Juden, leider vielfach mit Recht, von christlicher Seite vorgeworfen werden — er sieht also, dass ich die Moralitätder Juden nicht über allen Tadel erhaben erachte, und ich gebe ihm anheim, die geeignete Anwendung von dieser Bemerkung zu machen. Da§s aber das Taktgeiühl unter den Erfordernissen des jüdischen Geschieht- Schreibers von G. nicht angeführt wird, kann freilich bei ihm nicht auffalleu, wie sein Hieb auf einen so verdienten Mann wie Grätz zur Genüge erklärt. G. meint, Grätz habe die ״Wissenschaft der Geschichte“ geschädigt. Was soll diese Maske? Wenn er bloss das gethan hätte, so hätte Troitschke ihn gewiss in Ruhe gelassen. Nicht dem Geschichtschreiber, sondern dem jüdischen Geschichtschreiber ist man in Grätz zu Leibe gegangen. Ich würde begreifen, wenn Geiger sagen würde, Grätz habe den Juden geschadet, aber um das zu sagen, dazu fühlt Geiger sich selbst zu wenig als solohen. Darum setzt er sich für die ״Wissenschaft der Geschichte“ ein, die wohl um Anwälte nicht verlegen ist. Dem sei übrigens wie ihm wolle. Geiger hat am wenigsten das Recht, auf Grätz loszuschlagen. Er ist unter den ״persönlichen Antipathien“, die sein Vater (Jüd. Zeitschr. IV., S. 146) gegen Grätz zu haben selbst bezeugte, aufgewachsen. Er hat geerbt. Er sollte schweigen. sie Man wird ohne Zweifel finden, dass diese Auseinandersetzung zu einem Umfange angewachsen ist, der in gar keinem Verhältnisse steht zu der Bedeutung der Geigerschen Kritik. Ichm uss das selbst zugestehen. Indessen ist es leichter, Verdächtigungen auszusprechen, als sie zu widerlegen. Auch habe ich es für geboten erachtet, der seltsamen Zumuthung Geigers, welche der jüdischen Geschichtschreibung eine moralische71popc־jvYj0ts und ilnen Jünger das Harakiri empfiehlt, mit aller Entschiedenheit entgegen zu treten. Das Judenthum hat keine Heiligen, aber es hat leider sonderbare Heilige. Seine Tragik ist mit den unausgesetzten Anfeindungen, die es zu erleiden hat, nicht erschöpft. Schlimmer sind noch die Verbildungen, um nicht zu sagen Verunstaltungen, welche jene Anfeindungen an dem Charakter der Juden hervorbringen. In keinem Volke, in keiner Konfession, in keiner Körperschaft würden im Augenblicke der Gefahr so viele unberufene Nothhelfer sich an die Oberfiilohe drängen dürfen, wie das bei uns Juden leider der Fall ist. Am wenigsten aber würden sie Heilmittel sich anpreisen und aufdrängeu lassen, welche hart an den Selbstmord streifen. Ich habe nicht den Ehrgeiz, ein NothhehV des Judenthuras zu sein, obwohl mein Beruf mich noch am ehesten dazu berechtigte, ja verpflichtete. Aber ich werde, soviel ich vermag, nicht dulden, dass der Rest von Männlichkeit und Selbstbewusstsein, den ein achtzehnhuudertjähriger Druck unter uns übrig gelassen hat. der jüngeren Generation völlig ausgetrieben, und dass ihr statt heilsamer Bescheidenheit und gerechter Anerkennung der Verdienste Anderer Selbstaufgebung und schnöde Selbstpreisgebung zur Richtschnur empfohlen w6rd6 Wien, U. October 1889. Epilepsie. [2105 Krampf- und Nervenleidende finden sichere Heilung nach einzig dastehender tausendfach bewahrter Methode. Briefliche Behandlung nach Einsendung eines ausfilhrl. Berichtes, dieselben sind mit Retourmarken zu adressiren: HygieaSanatoriumllamburgl. Meudelssoliü■.. (zur populären Erschliessung jüdischer Religion, Geschichte und Litteratur.) Soeben erschienen Baud 1■•■ In den meisten Buchhandlungen des In- und Auslandes vorrüthig. Jeder Band ist für 25 Pf. einzeln käuflich, [zzj! Briefkasten der Redaktion. i'm die ״K111 gegnun g“ de* Hrn. l*r• <»ü«lcmann in •liier Mo. za bringen, haben wir uen , Umfang derselben verdoppeln and die andern Rubriken ansfallen lassen müssen; dorRediegMie Güdemann'sche Artikel bietet reichlichen br• satz für die Rubriken ,,liitteraturberlchi | and ,,Kecensionen“. _ , Tsraut wörtlicher Red&cteur Dr. Rah me r, Magdeburg. Druck von ü. L. Wo 1 f f, Magdeburg. Verlag von Robert Friese, Leipzig•

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