Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 44. (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 174 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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174 — discher Belesenheit gross zu thun. Eher müsste man das Buch daraufhin prüfen, oh Pauli nicht in demselben Kenntniss des Talmuds wider seinen Willen sich habe entschlüpfen lassen. Hier ist nun gleich eine Stelle in der Vorrede beinerkenswerth, die Spanier anführt, — das Buch selbst habe ich nicht zur Hand — ohne ihre Tragweite für seine Untersuchung zu kennen. Die Stelle bezeichnet es als ein Verdienst des Buches, ״das die pred ic an ten ex empc 1 haben, die schlefferli c he n Menschen zu erwecken“ Ich weiss nicht, ob ein christlicher Anekdotensammlcr einen solchen Gebrauch seiner Sammlung empfehlen und ihn mit die י cn Worten bezeichnen würde Es kann sein, aber wenn man einen getauften .luden vor sich hat. so wird ihn jeder Kenner der rabbinischen Litteratur in Verdacht haben, dass er auf die Nutzanwendung durch die wiederl 01t fMidr. Sehir haschirim c. 1. und c. IV.) erwähnte Erzählung verfallen!Sei: ״itabbi (Jehuda, der Patriarch) predigte einmal und die Zuhörer schliefen ein. Da wollte er sie aulwecken und sagte deshalb: In Egypten hat eine Erau auf einmal <>()() 000 Kinder geboren (nämlich Jochebed, als sie Moses das Leben gab, der ganz Israel aufwiegt). Derartige Anekdoten erzählte auch Kaba vor seinen Lehrvnrträgen (Sabb. .-!O1׳), um seine Schüler anzuregen. Genug. Solange nicht stärkere Beweise gegen Pauli’s jüdische Abstammung vorliegen, sehe ich keinen («rund, Peter Wickgrams Angaben über diesen Punkt in Zweifel zu zielm. Dass aber Pauli einen getauften Landsmann und Zeitgenossen batte (mit welchem ihn Veith und, ihm folgend, ich verwechselte), kann doch wahrlieh nichts gegen Wiekgram beweisen. Ausser den erwähnten, scheinbar sachlichen, aber, wie man sieht, gänzlich unbegründeten Ausstellungen monirt G. nur noch einige Schreib- und Druckfehler, und es ist vielleicht :las einzige Richtige in seiner ganzen Beuitheilung, was ich gern zugestehe, wenn er zu diesem Abschnitt derselben bemerkt. (iS. ö<S8): ״Doch «las sind alles Kleinigkeiten, die bei c-inei etwas schärferen Redaction leicht hätten vermieden werden können, und die, seihst wenn sie verdoppelt und verdreifacht wären, nicht im Stande sein würden, den Werth des Buches zu verringern.“ Dieses wird, wie i׳ h zuversichtlich holle, auch unter den Versuchen nicht zu leiden haben, die (i. mit einer Anstrengung, di«■ einer besseren!Sache würdig wäre, macht, um nachzuweisen, dass ich tendenzin.-, die Moralität der .luden weit höher stelle, als die der Christen. Warum G. hier überhaupt Tendenz wittert und dabei von einer Gänsehaut überlaufen wird, begreife ich nicht. Es wäre ja nur natürlich gewesen, wenn die .luden, weil in verschwindender Minderheit, sich nach jeder Richtung hin zusammen genommen hätten. Neulieh las ich m der Zeitschrift ,.Die Nation“ (No. 48 v. bl. August IBM») einen Aufsatz, ״Die Moral herrsehender Parteien“, in welchem eine bemerkenswerthe Aeusserung Jlacaulaj’s über die Achtung, deren sich unterdrückte Secten in der Regel erfreuen, angeführt wird, die auch auf die .1 uden angewendet werden kann. Man mag sie in der erwähnten Zeitschrift nnchlesen. Mir sagte einmal der verstorbene Director dos Katholischen Gymnasiums in Hihlesheim, ltcnke (welchen der alte Kohlrausch in den ״Erinnerungen aus meinem Leben“ einen ״wirklich ausgezeichneten Director“ nennt), dass die Katholiken, insbesondere die katholisehen Geistlichen, in Nordwestdcutschland eine grössere Tüchtigkeit sich aneignen müssten und auch besässen, als anderwärts, weil sie dort, wie er sich ausdrückte, die eedesia pressa wären. (Der bekannte diplomatisehe Vermittler zwischen der Kurie und Preussen, Eürstbischof Dr. Ko pp in Breslau, ist ein Zögling des genannten Gymnasiums.) Nun, auch diese Bemerkung kann man auf die Juden anwenden. Wirklich lese ich in einer jüngst erschienenen Predigt ״Unsere Juden- Zeugen Gottes“ von Lic. H. Kessler, Prediger zu Berlin, folgende Stelle: ״Unser Christenthum kann keinen Eindruck aut unsere Juden machen, so lange Laster aller Art unter uns im Schwange gelu-n, und es steht schlimm mit unserer Judenmission, wenn es Tugenden giebt, in deren Ausübung unsere Juden uns Christen übertr c f t'e n. Wi müssen schamroth werden wenn das Farn il i en I eben bei jenen mehr E int rac ht zeigt als bei uns. Wir haben Keine Entschuldigung, wenn unter n ns G en 11 s ssucht 1111 d Unmassigke it im Schwange gehen, wo jene Sparsamkeit, Nüchternheit und Genügsamkeit au t'zu w׳e ise n haben Und was sollen wir dazu sagen, wenn, wie am Tage liegt, jüdische Kinder das vierte Gebot besser zu erfüllen wissen als christliche?“ Was sagt nun G. zu diesem Urthcile eines Christliehen Predigers? Findet er auch dieses tendenziös? Und wird er dagegen ״Widerspruch äussern?“ Das werden ihn! die Berliner Juden schwerlich Dank wissen. Was nun mich betrifft, 80 brauche ich wohl kaum zu versichern, .lass ich in meinem Buche nirgends aussprechc, dass die ״Juden moralisch weit höher standen, als die Christen“, noch irgend etwas dem Aehnliches vorbringe. Ich urtheile nicht, ich beschreibe bloss, ״wie es eigentlich gewesen ist.“ Wenn clirist liebe Autoren ihren Glaubensgenossen die Juden in dem einen oder anderen Punkte als Muster Vorhalten, oder wenn die Thatsachen hier und da tut eine höhere Moralität der Juden zeugen, so kann doch ich nicht dafür verantwortlich gemacht werden. Wie wenig aber meine ״Tendenz“ in dieser Richtung sich bewegt, kann man daraus entnehmen, dass ich dem 1. Bande den Satz aus dem ״Buche der Frommen“ als Motto vorgesetzt habe: ״Das Verhalten der Juden richtet sich an den meisten Orten nach dem Verhalten der Christen“. Die Hinweisung auf diesen Satz (der sich übrigens mit dem was oben über den grösseren Eifer der ecclesia pressa gesagt ist, ganz wohl verträgt) überhebt mich jeder weiteren Rechtfertigung meiner Darstellung, nicht aber der Untersuchung, auf welche Art G. letztere als tondenziös nachzuweisen versucht. I.)a reisst er meine Behauptung (S. 11 <S meines Bandes) aus dem Zusammenhänge, dass die Monogamie in Deutschland — G, erlaubt sich, mir den Ausdruck uuterzuschieben: in Deutschland überhaupt — nur eine iiusserliche gewesen. Nicht als ob ich diesen Satz nicht auch ausser dem Zusammenhänge, iu welchem er sich jetzt beliudet, aufrecht erhielte! Aber G. hat, wenn er ehrliche Kritik üben will, kein Recht, meinen Behauptungen durch Auslösung aus ihrem Zusammenhänge einen anderen Sinn beizulegen, als in welchem ich sie verstanden wissen will. Ich beginne den betreffenden Abschnitt mit dem an der Hauptstelle durchschossenen Satze: ״Man halbehauptet, die Polygamie der Juden ״sei an dem Abscheu gefallen, welchen die Deutschen vor ihr em pfa n den.“ Diese Behauptung bestreite ich, und n u r i m Zusammenhänge meiner Polemik sage ich,!lass die Monogamie der Deutschen nur eine äusserlicht! war, dass die Juden die Verwirklichung der Monogamie nicht von den Christen, sondern weit eher diese von jenen hätten ablernen können. Warum? «Sei dcu Juden heirathete man frühzeitig und dadurch waren beide Geschlechter vor Verirrungen und auch in Betreff ihrer Gesundheit geschützt.“ Ich betrachte also streng genommen die Sache nicht einmal vom Standpunkte der Moralität, sondern von dem einer sozialen Einrichtung, die allerdings Einfluss auf die Moralität auszuüben geeignet war.