Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 44. (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 173 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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173 lässt, als sie in Wahrheit sind. Das Ganze erhält hierdurch eine stark apologetische Färbung.“ (Beiläufig bemerkt, ist hier zum Theil dasselbe gegen A. Geiger gesagt, was L. Geiger gegen mich vorbringt. Man könnte meinen, der Sohn habe den Vater rezensirt.) Dagegen heisst es über Josts Beurtlieiluug des Christenthums in den ״Unterhaltungen am häuslichen Herd“, .Tahrg. 1857, S. 701: ״Beugt man sich dann so wie Jost vor dem welthistorischen Erfolge, so sollte man auch keinen Anstand nehmen, sich taufen zu lassen.“ Es bleibt also dem jüdischen Geschichtschreiber keine Wahl. Er muss sich von christlicher Seite apologetiscbe Tendenz nachsagen lassen,’ oder er muss die Aufforderung gewärtigen, sich taufen zu lassen. Auch für L. Geiger gäbe es kein Drittes. Was zu beweisen war. Ich glaube hiermit der ungerechtfertigten Anschuldigungen Geigers in genügender Weise mich erwehrt zu haben, da ich mich in der für einen Rabbiner zwar etwas sonderbaren, aber immerhin günstigen Lage befinde, mich gegen den Juden auf den Christen berufen zu können. Indessen wird der Leser von mir erwarten, dass ich die Richtigkeit der im Eingänge gegebenen Charakteristik der Geiger’schen Kritik im Einzelnen beweise. Dem soll entsprochen werden. Schon in dem scheinbar sachlichen Theile der Kritik zeigt G., dass er mir bloss etwas am Zeuge flicken will. Ich sage S. 127 meines Buches: ״Was im Allgemeinen die jüdische Bevölkerungsstatistik des Mittelalters betrifft, so muss man freilich in Betracht nehmen, dass die Ortschaften, in denen Juden wohnten, ungemein zahlreich waren. In Niedersachsen, in Steiermark, Kärnten u. s. w., wo heute wenig oder gar keine Juden wohnen, gab es überall Juden. ״Ist doch“, sagt Luther, ״keine Stadt, kein Dorf, es hat Namen, Gassen von Jüden.“ Die Juden waren also mehr zerstreut und hatten keine grossen Centren.“ Dazu Geiger (Zeitschr. S. 382): ״Die Aeusserung Luthers -scheint mir falsch anfgefasst Sie soll gewiss nicht bedeuten, dass es in allen Städten damals .Tuden gab, sondern dass es irgend einmal in diesen Städten (warum nicht auch ״Dörfern“?)Juden gegeben hat.“ Ich entgegne: Luther kann unmöglich sagen wollen, dass es in allen Städten und Dörfern Deutschlands ohne Ausnahme, sei es irgend einmal, sei es damals Juden gegeben hat. So etwas könnte in verlässlicher Weise nur der liebe Gott behaupten. Sondern Luthers generalisirende Bemerkung ist offenbar nur so zu verstehn, dass es in Deutschland ungemein zahlreiche Städte und Dörfer gebe, welche Namen und Gassen von Juden haben, dass letztere also sehr verbreitet gewesen sein müssen. Nun das istja eben was ich sage. Wann sie hier und da verbreitet waren? Das hängt von den Vertreibungsdaten ab. Aus Niedersachsen, Kärnten, Steiermark u. s. w. waren sie damals noch nicht vertrieben. In meinem Buche habe ich an mehreren Stellen von Johannes Pauli, dem Verfasser von ״Schimpf und Ernst“, als von einem getauften Juden gesprochen. Er galt bislang ziemlich allgemein dafür. Auch Geiger hat ihn dafür gehalten. Jetzt erklärt er ihn (Zeitschr. II., S. 350) unter Berufung auf eine Abhandlung Bolte’s in der ״Alemannia“ (Jahrg. 1888, S. 38) und einen Aufsatz S p a n i e rs im ״ Jüd.Litteraturbl.“ (Jahrg. 1887, S. 131) für einen geborenen Christen, und freut sich, niederschreibeu zu können (S. 382): ״Das hätte Güdemann wissen müssen“. Geiger weiss aber ganz gut, dass meine Vorrede vom April 1888 datirt, dass also meine Bemerkungen über Pauli bei Erscheinen des letzten Jahrganges der ״Alemannia“ schon gedruckt waren. Um gekehlt hätte meine Nichterwähnung von Spaniers doch nur harmlosen Plauderei, deren Kenntniss er bei mir voraussetzen durfte, Bedenken in ihm gegen dieselbe erregen müssen. Uebrigens gestehe ich gern, dass ich mich nicht weiter nach der Litteratur Über Johannes Pauli umgesehen habe, denn ich wollte keine deutsche Literaturgeschichte schreiben und fand keinen Anlass, die Bemerkung Peter Wickgrams über seine Abstammung iu Zweifel zu ziehen. Auch jetzt finde ich noch keinen. ״Judaeus baptismate iotus“ braucht allerdings nach dem Sprachgcbrauche damaliger Angriflsweise nicht schlechterdings einen geborenen Juden zu bedeuten. Aber ״loripes Judaeus“ 3agte man auch damals wohl nicht von einem geborenen Christen, für den die Bezeichnung Judaeus allein schon eine genügeude Beschimpfung war. Auch hat die Bitte Wickgrams, ״rationem haberet christiani viri“, im Zusammenhänge seiner Worte, nicht die allgemeine Bedeutung einer religiösen Ermahnung, die ihr in dem Verkehr zwischen geborenen Christen innewohnen mag, sondern sie will meines Erachtens den Neophyten treffen. Ausschlaggebend aber ist für mich die Be- Zeichnung ״dure ceruicis progenies“, also der direkte Hinweis auf das עם קשה ערף. Wenn Wickgram schon Pauli beschimpfen wollte, 80 würde er doch Anstand genommen haben, dessen Eltern und Voreltern zu beschimpfen, was er durch Gebrauch dieser Phrase thut Nur einem getauften Juden gegenüber ist nach meiner Meinung die Anwendung derselben erklärlich,die jainW ahrheit eigentlich nur die Stammeltern Pauli’s, und kaum ihn selber berührt. Was ßolte sonst Neues gegen Pauli’8 jüdische Abstammung vor bringt, davon kann ich mir nicht so wie G. imponiren lassen. Weil Pauli schreibt: ״er (Adam) solt och grad die buchstaben han, wan in kriechischer sprach so facheut die namen der fier element ■ mit diso 1 fier buchstaben an“, so urtlieilt Bolte: ״Jemand, der den Namen Adam im Urtext gelesen hatte, würdo schwerlich behauptet haben, derselbe bestehe aus vier Buchstaben.“ So viel ich sehen kann, will ja Pauli gar nicht die hebräische Schreibung i des Namens Adam ausdeuten! Auch Philo deutet die Bibelnamen nach ihrer griechischen Schreibweise, und dennoch behauptet einer der besten Kenner Philo’s, Siegfried (Philo v. Alexandrien, S. 114), dass er Hebräisch verstand. Für das Mittelalter aber hat das Verfahren Pauli’s gar nichts Auffälliges. Würde G. mein Werk fleissiger studirt, und nicht bloss kritisirt haben, 80 würde er Bd. I., S. Iö4 den Satz gefunden haben: ״Man muss von diesem Gesichtspunkte aus den Unfug der Buchstabenspielerei (Gematria) sich erklären, welche schliesslich sogar auf niohthebräische Wörter ausgedehnt wurde.“ Hiernach kann Pauli's Bemerkung eher noch als eine Instanz für, als gegen seine jüdisehe Abstammung angesehen werden. Bleibt also nur Spanier, der keineswegs, wie G. behauptet (Zeitschr. II., S. 35Ü3) gezeigt hat, dass Pauli keine Kenntniss jüdischer Gebräuche besitze. Spanier stellt nur, ohne alle Beweise, — iu Betreff der Geschichte vom •Weinberge kennt er nicht einmal alle Fundorte, au welchen dieselbe iu verschiedener Fassung in den Midraschim vorkommt — den Satz auf: ״Ferner ist es gewiss, dass Pauli zu vielen anderen Geschichten die Gesta, aber niemals den Talmud benutzt hat“, und lediglich daraufhin spricht er von Pauli’s ״Unkeuntniss in jüdischen Dingen“. Eine solche Deduktion ist gewiss nicht ernst zu nehmen und ich habe deshalb Spaniers Aufsatz in meiuem Buche gar nicht erwähnt. Ich habe auch Pauli’8 Buch gar nicht auf Ankläuge an den Talmud hin untersucht, da er, nachdem man, wie Peter Wickgrams Angriff zeigt, sein Christenthum verdächtigte, keine sonderliche Veranlassung hatte, mit taliuu-