Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 44. (31.10.1889)
- Date
- 1889-10-31
- Page
- Seite 172 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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172 — er selbst die Quellen vollständig beherrsche. Wie sieht es damit hei Geiger aus? Er selbst sagt (S. 382) in Betreff der von mir benutzten hebräischen Quellen, dass er ״deren Controle im Einzelnen anzustellen nicht in der Lage sei“, er wird aber nichts dagegen einwenden können, wenn ich diese etwas dunkle Fassung dahin aufkläre, dass er meine hebräisehen Quellen nicht lesen kann. Geiger mag bei den christlichen Litterarhistorikern für einen Kenner der rabbinischen Litteratur und selbst für einen halben Rabbiner gelten. Es thut mir leid, wenn ich diesen Nimbus zerstören und ihm auf den Kopf zu sagen muss, dass er billig Anstand nehmen sollte, über jüdisehe Geschichte mitzusprechen, da ihm ja das reiche hebräische Quellenmaterial gänzlich verschlossen ist. Indessen nicht genug daran, dass er diese Zurückhaltung nicht übt, wagt er sogar, ohne das geringste Verstiindniss der hebräischen Quellen zu besitzen, mir die tendenziöse Benutzung derselben vorzuwerfen und zu sagen (S. 383), dass ich für die Juden ״aus den (hebräischen) Gutachten und den übrigen Quellen diejenigen Stellen heraushebe, welche Achtung vor den Christen, gesellschaftliche Annäherung an dieselben beweisen“, giebt also zu verstehen, dass ich die entgegenstehenden Stellen unterdrücke. Aber abgesehen davon, dass G. wegen mangelnden Verständnisses der hebräischen Quellen mirdiesenVorwurf nicht machen kann, ist derselbe auch thatsächlich unbegründet und enthält eine ci 11 fache Unwahrheit. Schon im 1. Bande S. 184 habe ich die gehässigen Acusserungen im ,.Buche der Frommen“ gegen ״Christen, Getaufte und Geistliche“ zusammengostellt, hatte also gar keine Veranlassung. im 3. Bande ähnliche Aeusserungen, die mir aufstiessen, zu unterdrücken. Dies thue ich denn auch nicht. Auf S. 14s dieses Bundes ist wörtlich zu lesen: ״So klagt Jsserlein: ״Es bringt den Juden Gefahr, sich ihrer Glaubensgenossen Verdächtigungen gegenüber anzunehmen, da ohnehin die Christen immer sagen, die Juden halten zusammen und lassen Einer nichts auf den Andern kommen.“ ״In unserer Zeit hat die mosheit der Christen gegen uns zugenommen sie haben einen Ekel vor uns, und wir sind wie Dornen in ihren Augen.“ Moses Minz sagt: ״Es ist ein Leichtes, den Juden zu verwirren und ihm Schaden zuzufügen“ und ein andermal bricht er in die Klage aus: ״Wegen unscrcsehrliehen Glaubens werden wir verbrannt und erwürgt“ u. dergl. mehr. Dies sind also wohl die von mir aus den Gutachten herausgehobenen Stellen, ״welche Achtung vor den Christen, gesellschaftliche Annäherung au dieselben beweisen!“ Die Citate genügen, um die Angabe Geigers als eine Unwahrheit zu kennzeichnen. * Damit man aber in Kürze und vollkommen sich davon überzeuge, was an den Beschuldigungen Geigers, sowie an der angeblich ״grundfalschen Tendenz“ meines Buches, gegen die er ״Widerspruch zu äussern sich verpflichtet fühlt“ (S. 38(i), Thatsächliches und Whv *1 ' ־ so will ich ihm einen audern Rezensenten m ' es tichte gegenüberstellcn. Es ist das sein \׳ j־ar.p ' erliner Universität, Dr.Herm. L. Strak, Deutsche, Jurist, Protestant, sogar Professor der Theologie. Derselbe besitzt also, wie Jeder zugeben w!rd, reichlich so viele Qualitäten wie Geiger, am zu beurtheilen, ob ich in tendenziöserWeise die Juden moralisch weil höher stelle, als die Christen, und ob ich die geistigen Bestrebungen der Deuts eben ver un gl im pfc. Er besitzt ausserdem eine Qualität, die Geiger cinge.stuudcnermussen nicht besitzt: er kann die hebräischen Quellen controliren. Wie urtheilt nun Strack über meine Geschickte? .. Von dem 1. Bande, der zum Theil von den deutschen Juden (vom 10.—14. Jahrh.) handelt, sagt er in Luthardts Theol. Literaturbl. No. 28 v. J. 1880 S. 222 in einer sehr ausführlichen Besprechung u. A. Folgendes: ״Formelt hält sich die Ausdrucksweise des Verf. überall in den Grenzen der guten Sitte, und sachlich hat er sich wenigstens bemüht, gerecht zu sein; der christliche Historiker wird manches anders auflassen, als der Verf., er wird ihn aber nicht durch Ignoriruag oder Verwertung des von diesem beigebrachten Materials bekämpfen können, sondern nur durch neue von anderem Standpunkte ausgehende Durchforschung der jüdischen und der christlichen Dokumente ans jenen Zeiten. Einmal ist der Verf. durch seine zu Gunsten der Juden apologetische Tendenz (die übrigens, wie zur Vermeidung jedes Missverständnisses nochmals ausdrücklich hervorgehoben sei, gemässigt auttritt) in Widerspruch mit sich selbst gekommen u. s w.1 In der ״Deutschen Literaturzeitung“ Jahrg. 1880 No. 2, S. 55 urtheilt Strack über denselben Band, dass ״der Verf. auch sichtbar nach der für den Historiker ja so wesentlichen Eigenschaft der Unparteilichkeit strebt.“ Ueber den 3. Band sagt derselbe Gelehrte in Zarncke’s ״Literar. Centralblatt“ Jahrg. 1888, No. 52, S. 176S: ״Auch in dem jetzt vorliegenden dritten Bande ist der Verf. zwar nicht frei von apologetischer Tendenz,aber dochbestrebt, objectiv zu urtheilen.“ Die vorstehende Gegenüberstellung wird ohne Zweifel Vielen ein Lächeln abringen, denn sie ist allerdings ein guter Spass. Der jüdische Professor nimmt sich der Christen und Deutschen gegen mich an, und ״fühlt sich verpflichtet, gegen die gesammte, grundfalsche Tendenz meines Buches Widerspruch zu äussern“ dagegen der christliche Professor, der Theologie noch dazu, sieht sich nicht im Geringsten veranlasst, mich als ein solches Ungeheuer den Christen und Deutschen zu denunziren, er anerkennt vielmehr, dass ich gerecht, unparteilich, objectiv zu urtheilen bestrebt sei. Wen sollte dieser Rollentausch nicht erheitern? Wenn Strack eine apologetische Tendenz in meinem Werke, aber auch diese nur gemässigt, findet, so kaun ich mir das um so eher gefallen lassen, als er selbst voraussetzt, dass der christliche Historiker von einem anderen Standpunkte aus forsche. Gewiss, die Geschichte der Juden wird, je nachdem sie ein Jude oder ein Christ schreibt, immer einen gewissen Erdgeschmack verspüren lassen, der Leser wird herausfühlen, ob der eine oder der andere sie geschrieben hat. G. kann sich also nicht etwa hinter Strack verschanzen, er könnte dies seihst dann nicht, wenn er mir bloss apologetische Tendenz und nicht Schlimmeres vorwerfen würde. Was bei einem christlichen Kritiker natürlich und darum erklärlich ist, wird bei dem jüdischen unnatürlich und deshalb widerwärtig. G. selbst wird bei einiger Ueberlegung einsehn, dass, wenn e r eine Culturgesehichto der Juden schreiben würde, er sich ebenfalls — wie die Dinge heute liegen — von christlicher Seite würde nachsagen lassen müssen, dass er apologetische Tendenz zeige. Geschähe es nicht, desto schlimmer für ihn und seine Geschichte. Ich werde ihm das beweisen. Seines Vaters, Abraham Geigers, ״Vorlesungen über das Judenthum“ wird Geiger, der Sohn, wohl ohue den Makel ״bestimmter Tendenzen und vorgefasster Meinungen“, den er meiner Geschichte anheftet, passiren lassen. Indessen ist darüber in den ״Grenzboten“ 18(55, No. 31, S. 200 — sie standen damals noch unter Frey tags Leitung, waren also liberal — Folgendes zu lesen: ״In seine Betrachtung der Geschichte aber bringt er eine gewisse romantische Neigung zu seinen Stammverwandten mit, in welcher diese sich verklären und welche auch die betreffenden einzelnen Persönlichkeiten und deren literarische Leistungen edler, geistiger und überhaupt bedeutender erscheinen