Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 39. (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- Seite 154 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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- Homer 1× ep/1025156
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Und 80 scharf umgrenzt werden Judaismus und Hellenismus einander nicht ausschliessen und werden auch in Zukunft das sein, was sie in den vergangenen; Jahrtausenden waren, die beiden Quellen, aus denen ' die Menschheit die geistige Nahrung schöpft, *die; Prototype für die Erziehung und humane Bildung. Dieses muss im Interesse des heranwachsenden Ge-; schlechts und damit endlich dieser Zwiespalt in unserm Leben, das ,Schwanken nach zwei Seiten hin* auf höre, festgehalten werden. Wenn dieser Zwiespalt in unseren Tagen zum Antisemitismus geführt hat, so folgte man hierbei nur einem unklaren Drange, indem man das 1 Object der Krankheit in äussern Umständen suchte. Dieses Krankheitsobjekt ist vielmehr im Innern zu suchen, nicht bloss bei dsr grossen Masse, sondern auch bei den Gebildeten, und kann auch nur von innen heraus geheilt werden. So lange nämlich der Staat und die Gesellschaft semitisch sind, d. 11. auf dem Boden der von Judäa ausgegangeuen biblischen Lehren stehen, so lange muss auch dem biblischen Unterricht volle Rechnung getragen werden. Wenn das Haus und die Schule die erste Erziehung dem; Kinde aut Grund der Bibel geben, so darf dieser Unterricht nicht in den späteren Jahren abgebrochen, 80 dürfen seine Früchte nicht durch entgegengesetzte Lehren im Keime erstickt werden — um dann in der Form der Kirche an den gereiften Mann mit geistigen Ansprüchen auf Grund seiner ersten biblischen Erziehung von Neuem heranzutreten. Vielmehr muss der biblische Unterricht auch in den mittleren und höheren Schulen mit vollem Ernst fortgesetzt werden. Es muss ihm ein voller Ehrenplatz neben Homer und den Griechen eingeräumt werden, und der Lehrer muss die Propheten, die Psalmen mit j demselben Feuereifer vorgetragen, wie dieses mit Piudar, Sophokles und Horaz geschieht. Gerade in der Zeit, wo der Blick und die Seele des Knaben und des Jünglings sich erschliessen, soll auf die erste Erziehung zurückgegriffen werden, sollen ihm jene idealen biblischen Gestalten mit vollem Verstäudniss und liebevoller Innigkeit vor die Seele geführt werden. Wenn so die Bibel zu einem Schul- und Volksbuche im vollen Sinne des Wortes werden wird, daun wird der Jüngling nicht mit dem Zwiespalt i in der Seele die Schule verlassen. Diese Conformität! und Parität in der Erziehung wird die Grundlage zu einer grösseren Parität im Volksleben werden, wird! die schroffen Unterschiede und Gegensätze in den verschiedeuenMenschenklassen möglichst ausgleiohen. Und nicht bloss die Kirche wird eine breitere Basis gewinnen, in den unteren Volksschichten, wie in den gebildeten Klassen, sondern auch der Staat und die Gesellschaft werden zu einer grösseren Harmonie, zu innerer Befriedigung gelangen, wenn einmal dieses Alpdrücken von ihrem Leben genommen wird, jenes Schwanken zwischen Judaismus und Hellenismus, jener unselige Widerspruch zwischen den verschiedenen Faktoren der Erziehung: der Kirche, des bibii80h-christlichen Hauses und der Elementarschule einerseits, und des philologischen Gymnasiums und der Universität auf der anderen Seite. Zum Schlüsse noch eine Bemerkung. Wenn es dem von Judäa ausgegangenen Christenthum, auf dem die neuen Völker ihr Leben aufbauen, durch mehr als ein Jahrtausend nicht gelungen ist, das sociale Problem zu lösen, so kommt es daher, weil man die Lehren der Bibel, welche nur ein praktisches Sittengesetz sein wollen, zu viel idealisirte und überspannte, weil man einen Alternismus und eine völlige Entsagung dort sehen wollte, wo die Persönlichkeit betont, wo sittliohe Thätigkeit verbunden mit einem reinen, vernünftigen Genuss der Erdengüter empfohlen wird. Mau zog aus der Bibel nur einen moralischen Extract und man liess jene wichtigen Satzungen unberücksichtigt, welohe die Versittlichung der Familie, die Hebung des Staates, die Veredelung des Bürgers, die sociale Lage der einzelnen Klassen, wie den Wohlstand der ganzen Gesellschaft bis in alle Einzelheiten zu regeln und durchzuführen zur Aufgabe haben. Die älteste und kleinste Secte auf der Erde. Rev. F. Hurst, Dr. theol., beschreibt in der Septembernummer des ״Harper“ unter obigem Titel eine kleine Religionsgemeinde, welche sich in dem Städtchen Nablus in Nord-Palästina findet Dort leben noch trotz Krieg, Armuth und 3000 jährigem Druck 150 ihrem Glauben treuergebene Samaritaner. In dieser ganzen langen Zeit ist die Eiuheit der Secte trotz mancher Gefahren nicht zerrissen worden. Der Faden ihrer Geschichte lässt sich bis in die allerfrühesten Zeiten zurückverfolgen. Als Abraham aus Mesopotamien über den Jordan nach Kanaan zog, begab er sich sofort nach Sichern, dem wahrscheinliehen heutigen Nablus, woselbst er seihe Zelte autschlug und eine Zeitlang wohnte, auch die göttliche Verheissung erhielt, dass seine Nachkommen dieses Land in Besitz nehmen sollten. Von Abrahams Zeit an läuft daher die Geschichte der Samaritaner parallel mit der jüdischen bis zur Auflösung des jüdischen Reiches durch die assyrische Invasion. Seit dieser Katastrophe ist der Faden der samaritaoischen Religionsgeschichte nie wieder unterbrochen worden. Die!Samaritaner wohnen noch heute am Fusse des heiligen G a r i z i m und nie hat eine Veränderung in ihrer Tradition, Religion und Sitte bei ihnen stattgefunden. Die Erbitterung, mit welcher die heutigen Samaritaner aut die Mohamedaner sehen, ist dieselbe, mit welcher sie früher die Juden betrachteten. Ihr höchstes Fest, das Passah, feiern sie nooh auf der Spitze des Berges Garizim in besonders solenner Weise. Ihre Synagoge ist ein kleines Gebäude im Mittelpunkte von Nablus und durch die sie umgebenden Wohnhäuser sehr verdunkelt. ״Ich kam durch gewölbte und überdeckte Strassen“, sagt der Schreiber, ״an einen kleinen Hof, in dessen Mitte ein kleiner mit Gras bewachsener Fleck war, der durch 3 Bäume, von denen 2 Citronenbäume waren, hervorgehoben wurde. Hier fand ich eine kleine samaritanische Schule; bei dem Anblick eines Fremden sprangen die Kinder von dem Fussboden, auf w610hem sie sassen, in die Höhe, küssten mir die Hand und baten um ein Backschisch (Trinkgeld). Der Lehrer war ein Jüngling von ungefähr 14 Jahren, der Sohn ihres Hohenpriesters Amram. Ich war selbst enttäuscht, da ich erwartet hatte, Amram selbst zu finden; doch half mir dieser Umstand zur Erreichung meines Hauptzweckes, denn der junge Mann zeigte sich bereit, mir für ein gutes Trinkgeld das alte Pentateuchexemplar zu zeigen. DerNeugierde meines Führers habe ich es zu verdanken, dass ioh einen Bliok in das älteste Exemplar des Pentateuch thun konnte. Dieser besteht aus einer Rolle von dunkelbraunen Thierhäuten — hergestellt vor der Erfindung des Pergaments - durch foine Stiobe zusammengenäht, aber zerrissen und geflickt und hier und da ganz unleserlich. Die Häute sind von gleiohmässiger Dioke, 25 £oll lang und 15 Zoll breit. Ehe ich Nablus verliess, hatte ioh nooh die Ge• legenheit, einen Abend bei Amram in seinem eigenen Hause zubringen zu können; seine sonderbaren An• sichten scheinen von der Theologie der im Aussterben begriffenen Gemeinde ein angemessenes Bild zu geben.