Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 39. (26.9.1889)
- Date
- 1889-09-26
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Jüdisches jju״&xviu. Litteratur-Blatt. Zar BeiCHflittag *Her JadeaU!»■! ■ad J1d«1 betreff«■«!*» IltterarUehe« Crerkelaaagea aaf dem (Jebiet* der Philosophle, Ocathlcbti, Ethaographle, Theo- «I«, OrluUlU, Kxettu«, Bo«»״«tU. Lltarflk ■. rM1«ogtk. Herausgegebeu TOD Rabbiner I)r. Moritz Ratamer. ®Seher dereiaschUgige■ LitteraUr,welch der Re4Uet.au tageeeadi werde», Aadee 1■ diesem Blatte eisgeheede Reeprechaeg Bei Etaseadaag vo» swel Reee»•!•»»• KxeaapUrea erfolgt «!■malige kirxr tiratfi-laacrtl•». 9Tta<j3e6uKj., 26. Septcm&ez 1889. Das »J Mische Lltteratar-Blatt« erscheint wöchentlich in einem halben Bogen Preis bei allen Buohhandlungen (io Leipzig bei Robert Friese) pro Jahrgang 8 Mark. Abonnenten der ,Israelitischen Wochenschritt“, die vierteljährlich bei allen Postanstalten und Buchhandlungen 8 Muk zahlen, erhalten das ״Jüdische Litte! atur-Blatt“ gratis. — Inserate werden mit BS Ff« tür die gespaltene Petitzeile, Beilagen mit 20 Mark! berechnet und sind an die Expedition dieses Blattes za senden Buchhändler u. Lehrer, welche direct oder durch Robert Friese Inserate einsenden, erhalten 25 V Rabatt. Inhalt: Wissenschaftliche Aufsätze: Hellenismus und Judaismus. Aus einem Vorträge von Dr. H. Klüger. (Schluss.) — Die älteste und kleinste Secte auf der Eide. Litteraturbericht: Recensionen: Levy, Dr. J. Elia Levita und seine Leistungen als Qrammatiker. — שיך הכבוד Gottesdienstliche Gesänge für israelitische Gemeinden nach sephardischem Ritus, componirt und herausgegeben von Isidor Löwit, Chordirigent: und Jacob Bauer, Oberc&ntor. — Knoller, Dr. L, Rabbiner. Kurzgefasster Leitfaden tür den grammatischen Unterricht in der liebräisehen Frage. —! Sprachliche Notiz zu einer Gebetstelle. — Inserate. Unbefugter Haehdrack tu» die»•« Blatte ist nicht gesttttat.! Hellenismus und Judaismus.*) (Schluss.) Nach dieser gedrängten kritischen Darstellung des Judaismus und Hellenismus, ׳ dieser beiden er• habensten Offenbarungen in der Geschichte, welche nioht bloss im Alterthume den Völkern zu Wegweisern dienten, sondern noch heute auf unser Leben tief einwirken, möchten wir unter Anwendung eines Bildes von ihnen •agen: Hellenismus und Judaismus sind die beiden goldenen Eimer, welche in dem tiefeu Born des Geistesschachtes ewig aufand niedertauchen. Und während der erste feurigen Wein aus der Tiefe, heraufholt, ist der andere mit frischem, labendem Wasser gefüllt. Wer wird nicht nach dem glühenden Tranke seine Hand ausstrecken? Aber kann er uns etwas mehr als einen schönen, flüchtigen Bausch gewähren, eine Stunde heitern Vergessens, die sich aber im Hinblick auf die ernsten Pflichten des Lebens nur selten wiederholen darf? Aber an dem frischen, strömenden Wasserquell da dürfen wir Alle, zu jeder Zeit und zu jeder Stunde ihren Durst löschen, um erfrischt und gestärkt, mit frohem Sinne die harte Arbeit des Lebens weiter zu verrichten. Wir kommen also zu dem Ergebniss: Dass die Gelehrten und Enthusiasten des klassischen Alterthums nur sehr oberfläohlioh urtheilen, wenn sie übersehen, dasB das, was auf uns von der Sohönheit Hellas überkommen ist, niohts weiter, als die schöne Aussenaeite des griechischen Leben8 war. Ferner: dass es unwahr ist, was gemeiniglich behauptet wird, dass das Christenthum dem Hellenismus den Todesstoss versetzt habe. Der tiefe sittliche Verfall Griechenlands in den ersten christlichen Jahrhunderten, der sohnelle Zusammenstürz des Staates and der Religion, und der versichtende Hohn der griechischen Schriftsteller, welche die Geissei der Satjre gegen die eigenen Götter .schwangen, zeigt, wie krank dieses Volksleben im Innern war, wie wenig der Kultus des Sohönen das *) Au* einem Vortrag« von Dr. H. Klüger. Griechenvolk vor Entnervung, vor geistigem Verfall zu retten im Stande war. Ist es aber erst einmal klar, dass eine gebildete Minorität keine öffentliche Institution ausschliesslich für ihr eigenes geistiges Bedürfhiss fordern darf, und dass in solchen Fällen mehr dem Bedürfnisse der Gesammtheit Rechnung getragen weiden muss, ist es den Erziehern im Ernste am die sittliche Hebung und Fortbildung des Volkes zu thun — dann sollten sie die Geschichte mehr prüfen und die gewonneuen Resultate zur Richtschnur bei ihren humanen Bestrebungen machen. Wenn einmal der Blick des Forschers sich auf die alte Welt richtet, warum dann mit solchem Vorurtheil, über Judäa hinwegsehen! Warum wenden die massgebenden Führer nicht mit mehr Ernst ihre Prüfung jenen Institutionen zn, welche dem jüdischen Volke zar Zeit seines Staatliehen Bestandes bürgerlichen Wohlstand und dem Volksleben mehr Parität boten, und welche selbst naoh der Zerstörung des Staatsganzen die zerstreuten Glieder auch dann noch zusammenhielten und trotz aller Stürme vor physischem und moralischem Verfall zu schützen die Kraft hatten?! Der Hellenismus, gestützt auf die klassische Philologie und auf daa Studium der Antike soll desshalb nicht aus unsere! Erziehungsplane verdrängt werden, denn er ist ein Oulturmoment, welohes in allen Zeiten des Auf- Schwunges kräftig mitgewirkt hat. Und man wird ihn dauernd erhalten, wenn man ihm Dicht falsche Werthe beilegt, wenu man in ihm nur das suchen wird, was er wirklich ist, ein Gegengewicht gegen den Materialismus, eine Veredelung des Sinnenlebens, ein Mittel zur Hebung des Schön hei tsgefdhls und des guten Geschmacks.*) Hingegen aber das künstleri80he Gestalten des Menschen selber auf Grund seiner intellektuellen Kräfte, die sittliche Erziehung des Volkes, die Erhebung und Veredelung der gemeinen Tagearbeit zum Kunstwerk — das lehrt der Judaismus, das lehren ans die Büoher der Bibel, auf welche Christen wie Juden das Fundament ihres Lebens gestützt haben. *) Die Talmadisten, welche gewisM gute Semiten waren, gaben ihren Sympathien für den Hellenismus einen begeisterten Ausdruck. Der Psalmenver»: ״Da bist schön vor allen Menschenkindera, Anmuth thront aut' deinen Lippen“, wurde von ihnen aut' das Griechenthum angewendet. Und eine andere Bibelstelle: ״Gott lässt (Schönheit) ausströmen aut Jätet, und er wohnet in den Zelten des Sem“ wurde in agadischer Manier der Talmudisten so erklärt: ״Die Schönheit Jat'et’s (der Griechen! soll Eingang finden in den Lehrhäusern der Semiten.“ Noch weiter gingen die Jaden der alexandriniseben Schule, welche geradezu eine Verschmelzung des judäischen mit dem hell«- nischen Geiste hsrheizuführen suchten.