Jüdisches Litteratur-Blatt
- Journal
- Jüdisches Litteratur-Blatt
- Volume
- 18 (1889)
- Issue
- N° 37. (12.9.1889)
- Date
- 1889-09-12
- Page
- Seite 147 (sequence 3)
- Language
- German
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147 Viel bedenklicher aber als dieses ablehnende Verhalten Keils gegen die wissenschaftliche Kritik der Bibel ist seine ganz in den Ansohannngen des Reformationszeitalters sich haltende Christologie, die uns zeigt, dass die jüdische Exegese des Mittelalters trotz ihrer Mängel einen viel höheren Standpunkt einnimmt, 818 die kirchliche von heutzutage. Die Stelle in Micha (5.1): ״Du Beth-Lehem ...aus dir wird hervorgehen der Herrscher über Israel“ kann Daoh Keil nur aus ״polemischem Interesse oder aus Wunderscheu“ von dem Hause Davids verstanden werden; richtig gefasst kann sie nur den in Beth- Lehern geborenen Christus verkünden, wobei allerdings zugegeben werden muss, dass ״das innergöttliche Verhältniss der Trinität" dem Propheten in seiner alttestamentlichen Beschränktheit nicht verständlich war.“ Damit ist die ältere kirchliche Exegese aufgegeben, welche in den Worten: ומוצאותיו מרדם den Glauben an den eingeborenen Sohn Gottes enthalten sab, und ein Beweis geliefert, dass jede christologische Auslegung nur ein in den Text hineingedeutetes Dogma ist, wobei es uns Juden gleicbgiltig sein muss, ob diese Deutung von den Kirchenvätern aufgestellt wurde oder schon in den Evangelien sich findet. Wenn de her Hitzig euphemistisch sagt, dass Micha für das Aussprechen der Meinung, ״dass der Messias in Beth-Lehem geboren werden solle, keinen Be- Stimmungsgrund hatte“, so sehen wir darin die nothwendige Umkehr zu den gesunden Principien des rabbinischen Exegese, welche das Christenthum von dem Banne dogmatischen Vorurtheils befreien half. Es ist nicht gut möglich alle christologischen Auslegungen des Buches hier durchzugehen, es ist aber auch nicht nöthig, nachdem wir an dem einen Beispiele sehen, dass Keil in den messianischen Schriftauslegungen der Evangelien nicht den Glauben der ältesten judenchristlichen Gemeinde, sondern die einzig mögliche Erklärung der Propheten erblickt, obwohl er selbst zugeben muss, dass die Citate des A. T. in den Evangelien nicht nur ungenau, sondern oft auch unrichtig und zwar aus mangelhaftem Verständniss unrichtig seien. Matthäus z. B. lässt (21,7) Jesus auf einer Eselin und einem Füllen reiten, offenbar deswegen, weil er den exegetischen Charakter der Worte ועל עיר (Sach. 9.9) nicht verstanden hat. Welches Gewicht kann dann für uus die auch von Delitzsch in seiner neuesten Bekehrungsschrift als Sohluaseffect vorgetragene Stelle üben (Sech. 12.10): ״Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben und wehklagen über ihn wie die Klage über einen Einzigen“, wo abgesehen davon, dass statt אלי wie aus dem Context erhellt אליו gelesen werden muss, von einem Messias nicht die Rede ist und der ״durchbohrte Gott“ eine dem ganzen biblisohen Sohriftthume fremde Vor- Stellung ist. Keil findet allerdings die theilweise Erfüllung dieser Weissagung in der Bekehrung jener wohlgezählten dreitausend Juden, die sich von Petrus׳ Predigt erschüttert, in Jerusalem am Pfingstfeste taufen liessen (Apostelg. 2.41,) nicht minder in den, von dem Feuer der Scheiterhaufen, von tyrannischen- Gesetzen und liebloser Misshandlung der Schutzlosen unterstützten Erfolgen der Mission an Israel, giebt aber zu, dass die endgiltige Erfüllung dieser Weissagung erst dann erfolgen würde, ״wenn dereinst der Rest Israels als Volk sich zu dem von seinen Vätern getödteten Messias Jesu bekehren wird. Dagegen würden diejenigen, welche im Unglauben beharren, ihn dereinst bei seiner Wiederkunft in den Wolken des Himmels sehen und vor Verzweiflung heulen müssen.“ Alle Parteischattirungen im Judenthum haben also Aussicht sich im Jenseits duroh Erkenntniss der Gemeinsamkeit ihrer Irrthümer zu einigen. Abraham Geiger und Samson Hirsoh, Moses Sofer, und Aron Chorin, Naohman Krochmal und Reb Srulce von Sadagora, werden einander heulend um den Hals fallen und sich das Unrecht abbitten, das sie sich im Leben zugefugt haben und die geschwänzten Teufelslegionen werden sich grinsend die Hände reiben, glücklich darüber, dass die genannten Herren Keils Kommentar zu den kleinen Propheten nicht gelesen oder nicht genug gewürdigt haben und der Hölle dadurch die gute Beute erhalten blieb. Die Aussicht, dereinst im Jenseits heulen zu müssen, ist nicht das schlimmste Resultat der auf dem ״kirchlichen Verhältniss zur Heiligen Schrift“ fassenden Exegese. Das lebendige Judenthum des 19. Jahrhunderts ist in den Augen des Propheten Sacharjah noch etwas Schlimmeres, als seine verdämmten Glieder im untersten Höllenpfuhl, denn, wenn Secharjah sagt: ״An jenem Tage werde ich Jerusalem machen zu einem Laststeine für alle Völker, alle, die ihn auf sich laden, werden sich daran verletzen,“ so meint er damit ״die KreuzzUge, die orientalische Frage, die haute finauce und die Judenemancipation“. Was ist natürlicher, als dass die jüdischen Propheten gegen die bürgerliche Gleich- Stellung der Juden predigen! Dem Fürsten Bismarck ist Bulgarien ״Hekuba“, aber der Prophet Sacharjah konnte die vor seinem Auge klar dastehende Vereinigung Ost- und Westrumeliens zu ein6m Fürstenthum Bulgarien nicht mit Stillschweigen übergehen, Fürst Bismarck meinte, er hätte sich Landesverraths schuldig gemacht, wenn er die Knochen eines pommersehen Musketiers um des Prinzen von Battenberg willen auf dem Sohlaohtfelde riskieren wollte, aber im Propheten Seoharjah war vorausgesehen, dass alle Vorsicht vergebens sei, denn die orientalische Frage 8011 ein ״Laststein sein für alle Völker“. Die Barone von Rothschild haben wohl erfahren, dass ״wer viel Geld hat, viel Ehr’ hat“, sie haben erfahren, dass selbst regierende Häuser und gut katholische Lords den talmudischen Ausspruch ״Silber und Gold adelt Bastarde“ billigen, aber, dass vor mehr als zwei Jahrtausenden das Erblühen der Firma M. A. von Rothschild durch einen Propheten verkündet worden sei, haben sie sich wohl kaum eingebildet. Ueber den wissenschaftlichen Werth einer solohen Exegese ist kein Wort zu verlieren. Da ist der selige Malbim noch ein kritischer Geist gewesen und in der ganzen jüdischen Litteratur ist höchstens im Chassidismus ein ähnlicher Unsinn anzulreflen. Ich wüsste etwa nur Elimeleoh aus Lysensk ihm an die Seite zu stellen, der die talmudische Erklärung von Ps. 128.2 אשריך בערהו רטוב לך בעו״הב foigendermassen auslegt: ״Wenn man dem Zaddik spendet, dass es ihm wohlgeht auf dieser Welt, 80 wird es dem Spender wohlgehen auf jener Welt“, denn, so wie dort Gottes Wort zu Zwecken roher Gewinnsucht ausgebeutet wird, wird von dem frommen Lutheraner das Wort Gottes zu rohem Hasse und egoistischer Parteipolitik ausgebraucht. Und wie verblendet ist eine solohe Exegese! Gott ״der allmächtige Schöpfer des Mensohengeistes“ verkündet, dass er Jerusalem ״zu einem Taumelbecken, zu einem Felsblooke machen werde, den niemand fortbringen wird, ohne sioh zu verletzen, dass er über das Haus Jehuda seine Augen öffnen und alle Streitrosse der Völker mit Blindheit schlagen wolle, dass die Stammeshäuptlinge Jehuda’s sprechen werden: Macht sind mir die Bewohner Jerusalems durch den Herrn Zebaoth“. Das zeigt doch klar, dass Jerusalem augenblicklich von mäohtigen Feinden bedroht ist, vielleicht von Assur, dessen König dem Chiskijah zweitausend Streitrosse höhnend anbietet,