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Jüdisches Litteratur-Blatt · 1889-08-15 · N° 33. (15.8.1889) · p. Seite 130

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Journal
Jüdisches Litteratur-Blatt
Volume
18 (1889)
Issue
N° 33. (15.8.1889)
Date
1889-08-15
Page
Seite 130 (sequence 2)
Language
German
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-3 130 — sein, als der oben genannte, gewöhnlich angegebene; die Schilderungen jüdischen Lebens werden also wohl noch ein höheres Ziel haben, als die Kenntniss jüdischer Geschichte, jüdischer Religionsgebräuche und Sitten, jüdischen Familienlebens zu verbreiten. — Lassen wir vor unserem geistigen Auge die be• kanntesten Erzählungen aus dem jüdischen Leben und ihre hervorragendsten Werke kurz voi überziehen, um den Zweck jüdischer Erzählungen möglichst klar zu erkennnen. Da sind zunächst Bernstein’s ״Vögele der Maggid“ und ״Mendel Gibbor“ zu nennen, weil diese für alle nachfolgenden Erzählungen und Er- Zähler Vorbild und Muster geworden sind. Erst nach Bernstein schrieb Kompert seine ״Ghettogeschichten“, Karl Emil Franzos seine ״Bilder aus Halbasien“ und Sacher Masoch seine kleineren Novellen aus dem galizischen, jüdischen Leben. Ist aber iu den genannten Erzählungen n ur eine Schilderung jüdischen Lebens und jüdischer Sitten, jüdischer Religionsgebräuche und jüdischer Geschichte enthalten? Wäre dies der Fall, dann würden diese Erzählungen ebensowenig — namentlich unter Nichtisraeliten — verbreitet sein, wie wendische Geschichten, rutheniscke Lieder, slowakische Erzählungen, serbische Musikwerke und lithauische Erzeugnisse der bildenden Künste verbreitet sind. Es könnten vor Allem auch nicht Künstler und Dichter, die unserem jüdischen• Volke nicht angehören, wie Sacher Masoch, Händel, Haydn, solche Stoffe zum Gegenstände ihrer Dar- Stellungen machen. — Vergleichen wir aber die jüdischen Erzählungen Philippsohn’8 und Lehmann’s mit den Sohöpfungen eines Franzos und Kompert, und wir werden sofort die Zweckunterschiede erkennen. — Bernstein, Franzos, Komport und Sacher Masoch 60hildern eben nicht das jüdische Volk in seiner Abgeschlossenheit und Beschränktheit, sondern in seinem Verkehre mit Andersgläubigen, mit den Herren des Landes, den Wojwoden und Paus, den Bauern und Muschiks, den Gojim und Muselmännern. Auf dem gewaltigen Hintergründe einer erbarmungslosen, verfolgungswüthigen und unduldsamen Zeit, malen sie uns das Bild dieser ״Elenden und Bedrüokten“, dieser Paria’s Halbasiens, welche den Fuss küssen, der sie gestossen, die Hand, die sie wund geschlagen hat; so malen sie uns die Nachkommen jener Männer, die Gott berufen hat, so in Wort zu künden und der Welt das Licht der Gotteserkenntniss zu zünden, dass es überall die Erde erleuchte, vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang; so malen sie uns den ״ältesten Adel“ der Menschheit, die Kinder Israels. — ״Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei“, dieses Bibelwort gilt nioht blos für das Familienleben, sondern auch *ür das Völkerleben. Nur im Kampfe mit einer widei.. :ebenden Welt entwickeln 8ioh die Eigenheiten der Nationen. Diese Eigenheiten den widerstrebenden Nationen aufzuzwingen, oder sie aufzugeben, um der Entwicklung der allgemeinen Menschheit zu dienen, das ist der Preis des grossen, geistigen Wettkampfes der Nationen. Und dieser gewaltige Kampf mächtiger Nationen mit dem kleinen und verachteten jüdischen Volke, die Zähigkeit und Beharrlichkeit im Festhalten dieses Volkes an den sogenannten nationalen jüdischen Einzelheiten, welche weder durch Li6t, noch dnrch Gewalt, weder durch Peitsohe, noch durch Zuckerbrot überwunden werden können, weil sie eben nioht nationale jüdische Einzelheiten, sondern die Grundsätze allgemeiner Mensohenbildung, wenn auoh oft nur in verhüllter Form darstellen, dieser gewaltige Kampf eben ist es, weloher die Theilnahme auoh der Leser erregt, die nioht unseres Glaubens sind. — Und ein solcher Kampf sollte die schöpferischen | Meister eines jeden Bekenntnisses und aller gebildeter! Völker nicht anregen, diesen Kampf in Wort und Bild, in Lied und Ton darzustellen? Fehlt den jüdischen Erzählungen und Darstellungen dieser weite Gesichtspunkt, beschränken sie sich nur darauf, Einzelbilder innerhalb des engsten jüdischen Kreises zu bieten, dann finden sie eben keine Theilnahme bei andersgläubigen Lesern; ja nioht einmal die Theilnähme aller Glaubensgenossen können solche Erzählungen fesseln, daher die Klagen der Verleger und Verfasser über den geringen Absatz solcher Erzeugni8se in jüdischen Leserkreisen. Wie oft wurden schon Vereine zur Beförderung von Werken der jüdischen*Litteratur gegründet, und wie oft sind sie an der Theilnahmlosigkeit der jüdischen Leser zu Grunde gegangen! Ich will durch diese Darstellung diese geringe Theilnahme der jüdischen Leser keineswegs zu rechtfertigen, sondern nur zu erklären versuchen. Man spricht mit Vorliebe sowohl innerhalb, wie ausserhalb unserer engeren jüdischen Gemeinschaft von der Anpassungsfähigkeit des jüdischen Volkes an die verschiedensten Berufsarten und Gesinnungen, an die entgegengesetztesten Nationaleigenthümliohkeiten und klimatischen Verhältnisse. Dort hält man die Anpassungsfähigkeit für Charakterlosigkeit, hier für Charakterfestigkeit, je naohdem der Beurtheiler von dem einseitigen beschränkten Standpunkte der Glaubensstarrheit, oder von dem höheren Gesichtspunkte der Entwicklung der allgemeinen Menschheit diese Erscheinung betrachtet. Aber wie wollen wir die nationalen Eigenheiten festhalten und sie im Dienste der allgemeinen Menschheit entwickeln, gemäss dem Gesetze von dem Fortschritte der Menschheit, diese Eigenheiten, welche' eben einzig und allein geeignet sind, als Mittel für unsere, von Gott empfangene Sendung zu dienen, wenn wir nioht die Eigenheiten anderer Völker kennen lernen, wenn wir uns scheu und unduldsam abschliessen und im frischen, fröhlichen, dabei aber langem und schwerem Wettkampfe der Nationeu unsere Kräfte gegenseitig erproben? — Die Anpassungsfähigkeit des jüdischen Volkes ist ja eben ein Mittel zur Erreichung unseres Zieles, sie muss also niemals als Glaubensfrage, sondern als Kulturfrage betrachtet und beurtheilt werden. Darum aber haben diejenigen Er- Zähler und diejenigen Erzählungen, welche die Anpassungsfähigkeit des jüdisohen Volkes schildern und zum Zwecke haben, die meisten Leser, sie erregen die allgemeinste Theilnahme. — Wir glauben demnach unsere erste Frage, wie folgt beantworten zu können: ״DieErzählungen aus dem jüdisohen Leben haben den Zweck, die Bekenner des jüdischen Glaubens im Verkehre mit Andersgläubigen zu schildern, dabei ihre Eigenheiten im Kampfe mit den Eigenheiten ihrer andersgläubigen Umgebung zu beobachten und ihreAnpassungsfähigkeit als das wichtigste Mittel zur E ntwioklung der allgemeinen Menschheit zur Kenntniss zu bringen. — Das Targum zu dem Buche Echah. Verhältniss des edirten Textes desselben za dem eines handschriftlickeu Codex auf der Breslauer Stadtbibliothek, stammend ans dem 13. Jahrhundert, Codex No. 11. Vpn Dr. Jacob Heiss, Rabbiner in Kuttenplan. (Böhmen.) (Schluss.) Gap. III, 9. Statt "pD in unserem Targum steht in der Handschrift 1םרא. Cap. III, 12. Statt פלנליסא in unserem Targum steht נליסא in der Handschrift.

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